TIEFSINN IM DUBLINER PUB

Foto © K. Holzer

Roddy Doyle, ein 1958 in Dublin geborener irischer Autor, hat den Mut, seinem neuesten Roman einfach den Titel „Love“ zu geben. In der deutschen Übersetzung ist dem dann noch der Zusatz „Alles was Du liebst“ hinzugefügt. Bekannt wurde Doyle ab den 1980er Jahren mit seinen Romanen „The Commitments“, „The Snapper“ und „The Van“ (in der deutschsprachigen Ausgabe „Fish and Chips“), die alle auch von prominenten Regisseuren, wie Alan Parker oder Stephen Frears, verfilmt wurden. 1993 bekam er den Booker Prize für „Paddy Clarke Ha Ha Ha“.

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Nun also „Love“. Kurz zum Inhalt: Zwei alte Freunde, Davy und Joe, beide um die 60, ziehen durch Dubliner Pubs. Joe spricht, Davy – der Ich-Erzähler – hört zu. Joe berichtet von der Begegnung mit einer Frau, die er vor vielen Jahren schon einmal getroffen hatte, und dass durch dieses Wiedersehen sein Leben verändert worden sei. Er versucht, seinem Freund diesen neuen Zustand zu erklären. Die Unfähigkeit, dieses Gefühl zu verbalisieren ist nicht nur dem zunehmenden Alkoholkonsum geschuldet, da kommt auch Scham hinzu. Andere Geschichten, die leichter zu erzählen sind, drängen sich dazwischen. So dass es erst im letzten Drittel des Buches so weit ist, dass man Joe, der „im Rest seines Lebens glücklich angekommen ist“, ganz zu verstehen meint. Das kommt auch daher, dass das Verhältnis dieser beiden Männer nicht mehr so eng ist, wie es früher, in ihrer Jugend, einmal war. Davy hat Irland verlassen, er ist nur für kurze Zeit zurück nach Dublin gekommen, um seinen Vater zu besuchen. Während sich Joe bis zur Selbstaufgabe öffnet, erzählt Davy dem Freund nichts von sich, nichts von seinen Krankheiten, nur ganz wenig von seiner Familie. Das alles aber erfährt man als Leser:in. So dass sich also mehrere Handlungsstränge ergeben, die Doyle kunstvoll verbindet – bis zum erschütternden Ende des Buchs.

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Roddy Doyle versteht es ganz hervorragend, die Stimmung in seiner Heimatstadt Dublin und die ganz spezielle Atmosphäre in den Pubs zu vermitteln. Man spürt, man riecht, man hört alles, was sich dort abspielt. Und man meint das Bier zu schmecken. Ist dann aber doch überrascht, dass der Barkeeper die beiden Romanfiguren, als sie zu laut werden, vor die Türe setzt. Wieder ein Hinderungsgrund für Joe, weiter zu erzählen, denn nun ist seine Geschichte im Pub zurückgeblieben und es dauert, bis er wieder dazu imstande ist, daran anzuknüpfen. Ein neues Pub muss gesucht werden, zu diskutieren ist, ob man denn überhaupt noch fähig sei, weiter zu trinken. Man sollte Bier mögen, wenn man dieses Buch liest. Irgendwann hört man nämlich auf, mitzuzählen, wie viele Pints die beiden getrunken haben. Zwischen den diversen Rauschzuständen gibt es dann immer wieder „Inseln der Nüchternheit“. Und so viele Gefühle, die da verbalisiert oder eben auch zurückgehalten werden.

Doyle ist ein Meister des Sowohl-als-auch, der lauten, vieles übertönenden, oft recht derben Männersprache und der vielen uneingestandenen, auch nie verbalisierten Gefühle. All das bringt die Übersetzerin Sabine Längsfeld ganz sensibel ins Deutsche.

Roddy Doyle: Love. Alles was Du liebst, aus dem Englischen von Sabine Längsfeld. Goya Verlag, 2021 Hamburg.