„WEGE DES LACHENS“

Buchcover (Ausschnitt)

Sein Buch sei keine Witzesammlung, sondern es gehe ihm darum, die Wurzeln des jüdischen Humors zu orten und zu zeigen, wie sich jüdischer Witz und Humor im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt haben. Diese inhaltliche Klarstellung ist Marcus M. Patka wichtig – und das zu Recht. Denn mit dem 190-Seiten-starken Band „Wege des Lachens“ legt der Kulturhistoriker und Kurator im Jüdischen Museum der Stadt Wien eine sehr detailreiche und wissenschaftlich fundierte Studie zu einem interessanten sozial- und kulturgeschichtlichen Thema vor. Dass er es dabei auch hervorragend versteht, seine Forschungsergebnisse in einer klaren, gut lesbaren Form zu präsentieren, gehört mit zur Qualität dieses Buches – in dem sich natürlich auch zahlreiche Witze finden lassen.

Marcus G. Patka zur Frage, was „jüdischer Witz“ sei  (Länge: 0:21)

„Der ‚traditionelle‘ jüdische Humor“, so Patka, komme aus Osteuropa, aus den jüdischen Schtetln, und bestehe „aus Folklore, die sich in mündlich überlieferten Witzen, Anekdoten und komischen Geschichten manifestiere“. Viele dieser Geschichten lassen sich bis ins Mittelalter zurückführen – ebenso wie die Sprache, in der sie erzählt werden, das Jiddische. Dieses entstand vor der Vertreibung der Juden nach Osteuropa im deutschen Sprachraum und war zunächst eine soziale Variante des Deutschen. Rund siebzig Prozent des Wortschatzes des Jiddischen stammen aus dem Deutschen, geschrieben allerdings wird es mit hebräischen Buchstaben. So wie im Hebräischen werden auch im Jiddischen nur die Konsonanten notiert und die Vokale selbständig ergänzt – was das Sprachgefühl schärft und eine reiche Quelle für Wortwitz darstellt.

 Marcus G. Patka, Foto: B. Denscher

Marcus G. Patka, Foto: B. Denscher

Eine spezielle sprachliche Ausformung fand der jüdische Humor in der so genannten Jargon-Komik, die sich einer umgangssprachlichen Form des Jiddischen bedient. Ihren Ausgangspunkt nahm die Jargon-Komik (die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert im deutschen Sprachraum und vor allem auch in Wien sehr populär war) in Budapest. Dort war, so Marcus G. Patka, um die Jahrhundertwende „der Einfluss des im Habsburgerreich vorherrschenden Klerikalismus geringer (…). Aufgrund der generell größeren Freizügigkeit entwickelte sich auch die Unterhaltungsbranche dort früher und vielseitiger. Budapest war ein Dorado für Komiker, Clowns, Possenreißer, Zirkus- und Varietékünstler; unter ihnen tummelten sich auch viele jüdische Komiker und Volkssänger.“ Diese trugen ihre Sketches und Possen nicht nur in Ungarisch vor, sondern eben auch im Jargon und – da in Budapest damals an die vierzig Prozent der Einwohner deutschsprachig waren – auch in deutscher Sprache. Es war daher nicht schwierig, mit den Programmen auch in Wien aufzutreten. Dort wurde 1889 die „Budapester Orpheum-Gesellschaft“ gegründet, die in Theatersälen von Hotels in der Taborstraße und später im eigenen Etablissement in der Praterstraße auftrat und sich bald zu populärsten Jargonbühne jener Zeit entwickelte.

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Am 8. November 1890 führte die „Budapester Orpheum-Gesellschaft“ zum ersten Mal jenes Stück auf, das zur erfolgreichsten Jargonposse im deutschsprachigen Raum werden sollte: „Die Klabriaspartie“. Im Mittelpunkt stehen ein paar arme Juden, die sich im Kaffeehaus treffen, um dort Klabrias (ein Kartenspiel) zu spielen und einander Witze zu erzählen. Die relativ schlichte Handlung gab den Akteuren die Möglichkeit, all ihr komisches Talent auszuspielen. Einer der Stars der ersten „Klabriaspartie“ war mit Max Rott einer der bekanntesten Jargonkomiker jener Zeit; später brillierte auch Hans Moser, der nach dem Ersten Weltkrieg wiederholt bei den „Budapestern“ auftrat, in der „Klabriaspartie“. Das Stück stand bis 1925 einige tausend Mal auf dem Spielplan der „Budapester Orpheum-Gesellschaft“ und wurde auch in Berlin und Budapest von verschiedenen Bühnen mit großem Erfolg aufgeführt.

Allerdings stießen die Jargonbühnen mit ihrem Programm auch auf vehemente Kritik, denn, so Marcus G. Patka, vielfach brachten sie sehr derbe Witze, in denen oft auch antisemitische Klischees aufgegriffen wurden.

Marcus G. Patka über das Publikum der Jargonbühnen (Länge: 0.52)

Abseits der Jargonbühnen und ganz anders als in diesen entfaltete sich spezifisch jüdischer Humor in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem in den Wiener Kabaretts und Kaffeehäusern. Marcus G. Patka geht in diesem Zusammenhang in seinem Buch vor allem auf das Wirken von Fritz Grünbaum, Karl Farkas und Hermann Leopoldi ein und beschäftigt sich in seiner Analyse Autoren wie Egon Friedell, Peter Hammerschlag und Fritz Löhner-Beda.

Ein eigenes Kapitel widmet Patka dem jüdischen Narren: dem Schlemihl. Dieser ist mit keinem anderen Narren der Weltliteratur vergleichbar, denn „er führt sich nicht vorsätzlich närrisch auf. Vielmehr ist er sich seiner Rolle keineswegs bewusst, er ist kein Humorist, sondern eine Figur, die ungewollt in Konflikt mit höheren Mächten gerät. Ein Schlemihl etwa ist ein in den Soldatenrock gezwungener frommer Jude, der seinem preußischen Leutnant auf die gebrüllte Frage: ‚Warum soll der Soldat für den Kaiser sterben?‘ antwortet: ‚Sie haben völlig recht, Herr Leutnant, warum soll er?‘“ Ein nichtjüdischer Nachfahre des Schlemihl ist Jaroslav Hašeks Schwejk, ein genuin jüdischer Franz Werfels Jakobowsky aus dem 1942/43 verfassten und von Werfel als „Tragödie einer Komödie“ bezeichneten Drama „Jakobowsky und der Oberst“.

Nach der Shoah schien jüdischer Witz im deutschsprachigen Raum nicht mehr möglich zu sein (während er in den USA und in Israel, wie Patka darlegt, nunmehr in neuen, aber an alte Traditionen anknüpfenden Formen auftritt). Dennoch betitelt Patka das letzte Kapitel seines Buches mit „Es führt ein Weg zurück“ und stellt dabei das Schaffen des im November 2011 verstorbenen Georg Kreisler in den Mittelpunkt. Vor allem mit den 1966 erschienenen „Nichtarischen Arien“ sei es diesem gelungen, „nicht nur an die Wurzeln des jüdischen Humors zurückzukehren, sondern diesem gleichzeitig eine eigene und zeitgenössische Note zu geben. (…) Kreislers epochale Leistung, einen neuen Wiener jüdischen Humor nach der Shoah kreiert zu haben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.“

Marcus G. Patka: Wege des Lachens. Jüdischer Witz und Humor aus Wien. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2010.