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Wer den Namen Otto Grünmandl hört, assoziiert damit vermutlich die „Alpenländischen Interviews“, jene ganz eigenartig ausufernden, oftmals frei improvisierten Gespräche, die so beginnen, wie Radio-Interviews eben beginnen, dann aber in die völlige Skurrilität abdriften. 1970 waren sie zum ersten Mal auf Ö3, dem Popsender des ORF, zu hören und machten Grünmandl im deutschen Sprachraum „weltberühmt“. Doch schon 1956 hatte der Tiroler, der sich selbst seit seiner Jugend als Poet sah, die Novelle „Ein Gefangener“ geschrieben.

„Ein Gefangener“, Gedichte und kürzere Prosa finden sich im ersten Band der Grünmandl-Werkausgabe, die 2019 im Haymon-Verlag erschien. Der nunmehr ebenfalls vorliegende Band 2, in dem die Romane Grünmandls zusammengefasst werden, trägt den Titel „Das Ministerium der Sprichwörter“. Er wird mit „Pizarrini“ (früherer Titel: „Buchhalter“) eröffnet. Obwohl man annehmen kann, dass „Pizarrini“ gleichzeitig mit dem „Gefangenen“ und der Lyrik entstanden ist, zeigt sich der Autor da von einer ganz anderen Seite. „Einen Kraftakt an literarischer Verwegenheit“, nennt ihn der Publizist Erich Klein im Vorwort, „voll überschießender Einfälle und Wortspiele“. Titelheld des Romans ist ein bleicher, fetter, junger Mann. Und allein die Eröffnungsszene, in dem dieser Pizarrini ein überfülltes Textilgeschäft – in dem er als Buchhalter arbeitet – betritt, sprengt optische und akustische Grenzen. Die Geschichte, in der der kleine Buchhalter auf die Führungsspitze der „Interkontinentalen Speiswagen AG“, stößt, hier nachzuerzählen, kann nur misslingen. Otto Grünmandl lässt seiner Fantasie freien Lauf, aber nie, ohne sie in die entsprechende Form zu gießen. Auf Gustostückerln kann man hinweisen, zum Beispiel den Absatz, in dem das Ordnung Halten des Buchhalters Pizarrini behandelt wird, in dem man auch vermeint, Grünmandl selbst reden zu hören. „Selbst Unordnung läßt sich in Ordnung halten“, heißt es da und weist schon auf Einschlägiges in den späteren Alpenländischen Interviews hin. Die völlige Nostalgie überkommt einen, wenn Pizarrini sich seinen ersten Rausch mit „Kontiuszowska“ antrinkt, einem Schnaps – oder auch Likör, dem Kümmel, Anis und Fenchel beigegeben werden und der bis zu siebzig Prozent Alkohol enthalten kann. Den hat man damals, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, getrunken, heute kennt ihn kaum jemand mehr. Wie auch immer, es wird erzählt und es wird schwadroniert, Gedächtnisprotokolle werden zerstört, die Chimären der Nacht zerfallen in Staub. Pizarrini wankt nach Hause. Und plötzlich wechselt die Stimmung, man meint in einem Fellini-Film zu sein. Der Trubel ist vorbei, Stille kehrt ein, Schnee fällt, ein kleines Kind kommt, flüstert etwas. Einfach atemberaubend.

Scheitern wäre auch beim Nacherzählen des Romans „Das Ministerium der Sprichwörter“ die Folge. Man muss sich da schon selbst in die Erzählung des Mannes hineinfallen lassen, der dort eine Anstellung als vierundvierzigster Hilfsarchivar bekommt. Und so zu versuchen, hinter die Mauern zu gelangen, die abschließen und schützen sollen: „Von Sprichwörtern Eingemauerte“. Da ist genauso viel österreichische Literaturtradition zu erkennen, wie in dem satirischen Reisebericht „Es leuchtet die Ferne…“. Lustvoll kann man da genießen, wie Otto Grünmandl diesen ur-österreichischen Erzählformen mit seiner Art des Erzählens neue Möglichkeiten eröffnete.

Otto Grünmandl: Das Ministerium der Sprichwörter. Werkausgabe Band 2. Romane. Herausgegeben von Maria Pink und Ulrike Tanzer. Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2020. Auch als E-Book erhältlich.