WIE FRAUEN DIE WISSENSCHAFT VERÄNDERTEN

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Es kann doch nicht sein, dass nur zu besonderen Anlässen, etwa am Weltfrauentag, auf weibliche Leistungen aufmerksam gemacht wird. Hier und jetzt – auch nach dem speziellen Datum, an dem allenthalben und häufig ziemlich scheinheilig daran erinnert wird, dass es auch Frauen gibt –, hier und jetzt geht es also darum, dass die Rolle der Frauen in der Geschichte der Wissenschaft oft verschwiegen oder gar unterdrückt wurde.

Den beiden US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerinnen Anna Reser und Leila McNeill ist dieses Thema schon lange ein Anliegen. Beide sind sie Mitbegründerinnen und Mitherausgeberinnen des Magazins „Lady Science“. Und nun haben sie unter dem Titel „Forces of Nature. The Women who Changed Science“ (in der deutschsprachigen Ausgabe: „Frauen, die die Wissenschaft veränderten“) ihre Erkenntnisse und Forschungen in einem Buch zusammengefasst. Sie widmen es allen „Wissenschaftlerinnen und Ärztinnen, Rechendamen, Ehefrauen, Schwestern, Haushaltstechnikerinnen und Wissenschaftsvermittlerinnen, die zu allen Zeiten eine wesentliche Rolle in Naturwissenschaften, Forschung und Entdeckung gespielt haben“.

Das Buch ist in einem recht kämpferischen Ton gehalten, man merkt, dass den beiden Autorinnen der Geduldsfaden schon längst gerissen ist. „Statt einfach zu akzeptieren, dass es Bereiche gibt, in denen Frauen nicht auftauchen, sollten wir fragen, warum sie dort nicht zu finden sind und wer ihnen den Zugang verweigert hat“, steht groß gedruckt und prominent herausgerückt gleich einmal in der Einleitung. In dieser Einleitung werden auch die Methoden erläutert, mit denen man Wissenschaftlerinnen aufspüren kann, die selbst keine Aufzeichnungen hinterlassen haben. Spuren finden sich zum Beispiel in Schriften von Zeitgenoss:innen, geforscht wird aber zum Beispiel auch in einschlägigen Schriften etwa nach den Praktiken von Hebammen und vermeintlichen „Hexen“ – Praktiken also, die heutzutage vielfach der Wissenschaftsgeschichte zugeordnet werden. Es muss somit „über einen engen Wissenschaftsbegriff hinausgeblickt werden.“ Frauen haben ja auch schon früher in vielfacher Weise geforscht, so manches entdeckt und vieles niedergeschrieben, allerdings unter oft schwierigsten Bedingungen – während Männer in geschützten Räumen forschen konnten und „regelmäßig die wissenschaftliche Arbeit von Frauen nutzten, ohne ihnen jemals Anerkennung zu zollen.“

Die fünf Teile des Buches sind chronologisch vom Altertum bis ins 20. Jahrhundert geordnet und da wieder in viele Kapitel unterteilt. Diese reichen inhaltlich von „Ärzte, Hebammen, ‚Großmütter‘“ über Themen wie „Frauen und die Anatomie in der Wissenschaftlichen Revolution“, „Botanik für Damen“ und „Archäologinnen und Anthropologinnen lassen die Vergangenheit menschlich werden“ bis zu „Die Zwickmühle in der Naturwissenschaft“. Darin geht es um Wissenschaft und Rassentrennung am Beispiel von Mamie Phipps Clark, der ersten schwarzen Frau, die einen Doktortitel in Psychologie erhielt.

BuchcoverEiner der Hauptkritikpunkte der Autorinnen ist es, dass das Scheinwerferlicht, in dem einige berühmte Wissenschaftlerinnen wohlverdient stehen (wie etwa Marie Curie), „viele andere in den Schatten gestellt hat.“ Einige von ihnen sollen nun mit dem Buch vor dem – unabsichtlichen und oft auch absichtlichen Vergessen – bewahrt werden, wobei man oft staunt, mit welchen Methoden ihre Leistungen von Männern verdrängt wurden. So berichten die Autorinnen zum Beispiel über Vera Rubin, eine der bedeutendsten Astronominnen des 20. Jahrhunderts: Ihr Fakultätsleiter hatte ihr vorgeschlagen, dass nicht sie, sondern er ihre Masterarbeit auf der Tagung der „American Astronomical Society“ im Jahr 1950 präsentieren solle. Sie, als Mutter eines Kleinkinds, könne, so meinte er, eine solche Präsentation kaum selbst durchführen. Und als Gegenleistung für dieses „Angebot“ forderte er, seinen eigenen Namen ihrer Arbeit hinzuzufügen.

Dies als eines der Beispiel dafür, wie mit diesem Buch – über die Jahrhunderte hinweg – auf eine Unzahl von Wissenschaftlerinnen aufmerksam gemacht wird und deren Biografien und wissenschaftliche Leistungen vorgestellt werden.

Anna Reser & Leila McNeill: Frauen, die die Wissenschaft veränderten. Aus dem Englischen übersetzt von Wiebke Krabbe. Haupt Verlag, Bern 2022.