WOLKEN – EINE LUFTIGE ANGELEGENHEIT

WolkenAlle Fotos © Konrad Holzer

Wolken sind ein herausragendes Beispiel dafür, dass wir Alltags-Menschen sehr wohl schauend durch die Welt gehen, über das Geschaute aber nur ganz selten reflektieren. Wir bedürfen der Künstler. Sie zeigen uns das Geschaute noch einmal intensiver und erzählen so davon, dass auch wir veranlasst werden, darüber nachzudenken.

Von der Faszination, die Wolken auf ihn ausüben, berichtet der Autor und Wissenschaftler Klaus Reichert in seinem Buch „Wolkendienst“. In die eigenen Betrachtungen mischt er das, was er anderswo darüber gelesen hat, seien es Gedichte, Essays oder Bildbeschreibungen.

Klaus Reichert ist Literaturwissenschaftler, Autor, Übersetzer und Herausgeber, also jemand, der immer mit Literatur zu tun hatte und hat. Sein Buch „Wolkendienst“ – mit dem Untertitel „Figuren des Flüchtigen“ – leitet er mit Betrachtungen ein, in denen die Wolken gleich zwei Mal mit dem Menschenleben verglichen werden. Vom Dampf, „der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet“ ist im Jakobusbrief die Rede; Virginia Woolf wiederum schreibt, dass unsere Identität ständig im Fluss sei, in jedem Augenblick ihre Gestalt in Reaktion auf die sie umgebenden Kräfte verändere.

Es ist ein Hin und ein Her in der Menschheitsgeschichte, einst meinte man, dass uns mit den Wolken der Himmel etwas zu sagen hätte; das änderte sich im 18. Jahrhundert, als man mit der wissenschaftlichen Erforschung der Wolken begann. Und wieder einmal waren es die Engländer, die einen entsprechenden Begriff für das Betrachten der Wolken prägten, nämlich „skying“.

„Wann nehme ich Wolken überhaupt wahr?“ – stellt Reichert eine berechtigte Frage und beginnt dann gleich mit Auszügen aus seinen Wolkentagebüchern. Kleine Essays, Gestalten aus der Mythologie, Gedanken, Bilder, Prosagedichte, längere Zitate, all das setzt er so ein, dass sich eine Beziehung herausstellt. Er verlangt gar nicht, dass das alles von Seite zu Seite gelesen werden müsse: „Man schlage das Buch auf, wo man will, so wie man zufällig den Blick zum Himmel aufschlägt.“ Man fällt hinein in diese Gedankenwelt, die einerseits Von-einem-selbst-unklar-Gedachtes in schöne und präzise Worte fasst, andrerseits Assoziationen schafft, auf die man so nicht gekommen wäre. Wenn er zum Beispiel Bilder von zerwühlten und ungemachten Betten zeigt oder von Wäsche im Wind, in denen man sofort Wolkenbilder zu erkennen meint. In den Beschreibungen der Bilder Turners liest man sich fest, oder wenn von der Musik Wagners die Rede ist. Über die Zitate und Gedankensplitter zum Thema Wolken kann man endlos nachdenken, wenn es zum Beispiel einmal heißt: „Nie vorher gesehen. Nie wieder danach.“


Klaus Reichert: Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. Auch als E-Book erhältlich.