CHARLOTTE ANDRI-HAMPEL: „UNSTREITIG EIN EMINENTES TALENT“

„Es ist lohnend, bei einem Gange durch die Stadt sich einmal nur die Rauchfänge anzusehen. Ihre Mannigfaltigkeit ist überraschend. In Gruppen und einzeln ragen sie in die Luft oder lehnen sich an Mauern hoher Häuser an. Kurze gedrungene, schlanke und zierliche, ursprüngliche, verbesserte und angestückelte wechseln ab und überraschen das Auge immer wieder durch neue Formen und Variationen. Bald regelmäßig, bald willkürlich über die Dächer gestreut, bieten sie den seltsamsten Contrast.“ So leitete die Malerin und Grafikerin Charlotte Andri-Hampel jenen originellen Beitrag ein, den sie im September 1900 in „Ver sacrum“, der Zeitschrift der Wiener Secession, publizierte.

Aus der Serie „Wiener Rauchfänge“
Aus der Serie „Wiener Rauchfänge“

Es waren vor allem die Schlote alter, oft schon zum Abriss bestimmter Gebäude, denen Charlotte Andri-Hampel ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte. Der „alte Wiener Rauchfang“ war, wie sie betonte, für sie ein architektonisches Schmuckelement und „oft zugleich die einzige freiere Regung des Baumeisters; zuweilen ist er ein Scherz, in vielen Fällen aber, so scheint es mir, der gesteigertste Ausdruck von Lebenslust, deren sein Erbauer fähig war. In der inneren Stadt besonders, wo der Platz zum Bauen so beschränkt war, und sich die Häuser in die Höhe entwickeln mussten, sind infolge dessen die merkwürdigsten Gebilde entstanden.“

Das gesamte Heft 18 des Jahrgangs 1900 von „Ver sacrum“ ist mit insgesamt 14 Lithografien den „Wiener Rauchfängen“ von Charlotte Andri-Hampel gewidmet – und damit einem bis dahin künstlerisch kaum beachteten Detail, dessen „Poesie Frau Andri-Hampel entdeckt hat“, wie die Wiener Wochenschrift „Die Zeit“ (20.10.1900) vermerkte. Ihren Sinn für die besondere grafische Qualität von Dachlandschaften zeigte Andri-Hampel dann nochmals mit ihrem Beitrag für den Jahreskalender 1901 von „Ver sacrum“, für den sie das April-Motiv schuf. Dem Bild eines Hausdaches, von dem offenbar gerade der letzte Schnee abschmilzt, gab sie den Titel „Himmelslaunen“.

Kalender

Eine kleine Vignette zu dem im Heft 5  des Jahrgangs 1901 von „Ver sacrum“ veröffentlichten Text von Paul Scheerbart „Die Fabrik lebenslustiger Creaturen“ (für den unter anderen auch die Secessionskünstler Josef Hoffmann, Rudolf Jettmar und Alfred Roller Illustrationen beisteuerten) ist eine der letzten veröffentlichten Arbeiten von Charlotte Andri-Hampel. In den folgenden vier Jahrzehnten, bis zu ihrem Tod 1945, trat sie nicht mehr künstlerisch in Erscheinung. Und dies, obwohl ihre Karriere ursprünglich durchaus erfolgreich verlaufen war.

Vignette für „Ver sacrum“ 1901, Heft 5

Geboren 1863 in Wien machte die Tochter des Bildhauers Franz Hampel (1834-1918) bereits als 15-Jährige auf sich aufmerksam, als sie bei einer Ausstellung im Wiener Künstlerhaus mit einem Bild vertreten war. Sie sei, so urteilte damals das „Illustrirte Wiener Extrablatt“ (21.12.1878) „unstreitig ein eminentes Talent“, das „bei nöthiger Ausbildung“ etwas „Rechtes zu werden verspricht“. Die „nöthige Ausbildung“ erhielt Charlotte Hampel an der Wiener Frauenkunstschule und an der Kunstgewerbeschule in München. Dass sie künstlerisch durchaus „etwas Rechtes“ wurde, beweisen Ausstellungen unter anderem in Berlin, Wien und München.
Neben grafischen Arbeiten schuf sie auch zahlreiche Gemälde, darunter viele Porträts und Landschaftsbilder. Sie arbeitete an den Deckengemälden im legendären, 1888 eröffneten (und im Zweiten Weltkrieg zerstörten) „Café Luitpold“ in München ebenso mit wie 1894 an der künstlerischen Gestaltung des Bühnenvorhangs für das – vom renommierten Architektenteam Fellner und Helmer entworfene – Hoftheater in Wiesbaden. Die „Neue Freie Presse“ (28.3.1893) reihte sie anlässlich der Jahresausstellung des Wiener Künstlerhauses unter die „Meister des Still-Lebens“ – und das „Neue Wiener Tagblatt“ betonte anlässlich einer Ausstellungsbesprechung (18.3.1900), dass sie bereits vor ihrer Heirat eine „fertige Künstlerin“ gewesen sei.

Titelblatt jener Ausgabe von „Ver sacrum“, die zur Gänze den „Wiener Rauchfängen“ von Charlotte Andri-Hampel gewidmet ist
Titelblatt jener Ausgabe von „Ver sacrum“, die zur Gänze den „Wiener Rauchfängen“ von Charlotte Andri-Hampel gewidmet ist

1897 hatte Charlotte Hampel den Maler Ferdinand Andri (1871-1956) geheiratet, und es gibt Vermutungen, dass er der Grund dafür war, dass sie sich künstlerisch zurückzog. Vielleicht fürchtete der ambitionierte, acht Jahre Jüngere ihre Konkurrenz und untersagte ihr das Malen, vielleicht litt Charlotte Andri-Hampel aufgrund ehelicher Schwierigkeiten an Depressionen. Auf jeden Fall geriet sie in der Folge weitgehend in Vergessenheit – und erst allmählich wird ihr umfangreiches Werk wiederentdeckt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die Kunsthistorikerin Lisa Teigl mit ihrer Masterarbeit „Charlotte Andri-Hampel. Eine vergessene Jugendstilkünstlerin“ (Universität Wien, 2022). Der künstlerische Nachlass Charlotte Andri-Hampels befindet sich in der Sammlung des Stadtmuseums St. Pölten, das derzeit eine Jugendstil-Ausstellung zeigt.

6.3.2026

Die Themen der Flaneurin:
Nach oben scrollen