MODE AUS AFRIKA

Awa Meité, Baumwoll-Ensemble, getragen von Fadima Konate. Haar und Make-up: Awa Meité Design. Ausschnitt. © Coralie CocoAwa Meité, Baumwoll-Ensemble, getragen von Fadima Konate. Haar und Make-up: Awa Meité Design. Ausschnitt. © Coralie Coco

Eine neue Welle erobert die Modewelt. So wie in den 1980ern japanische Designer:innen für Aufsehen sorgten, so erhebt sich nun in Afrika „eine überschäumende Kreativität mit starker Kraft und einzigartiger Stimme.“ Das stellt Emmanuelle Courrèges in ihrem Buch „Atemberaubende Mode aus Afrika“ fest. Die Journalistin weiß, wovon sie schreibt, hat sie doch die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens in Kamerun, Senegal und der Elfenbeinküste gelebt und 2017 in Paris die Agentur „LAGO54“ gegründet, die mit afrikanischen Modedesigner:innen kooperiert. Es sei ihr klar, so Courrèges, dass es unmöglich sei, über die Mode in allen 54 Ländern des Kontinents zu schreiben. Keine Geschichte der afrikanischen Mode wollte sie verfassen, weil es keine afrikanische Mode gebe, sondern quer über den Kontinent hinweg viele afrikanische Designer:innen und deren Visionen vorstellen.

Gozel Green (Mode-Label von Sylvia Enekwe-Ojei und Olivia Enekwe-Okoji), präsentiert auf der Arise Fashion Week, Lagos, Nigeria, 2018. © Kola Oshalusi / Insigna Media

Gozel Green (Mode-Label von Sylvia Enekwe-Ojei und Olivia Enekwe-Okoji), präsentiert auf der Arise Fashion Week, Lagos, Nigeria, 2018. © Kola Oshalusi / Insigna Media

Courrèges bietet eine Momentaufnahme und dazu – für eine nicht-afrikanische Leserschaft besonders wichtig – einige Schlüssel zum Verständnis des modischen Geschehens. Authentizität bekommt ihr Buch auch noch dadurch, dass die Soziologin Aminata Dramane Traoreé, Ex-Kulturministerin von Mali, und der malische Designer Chris Seydou, zwei der mächtigsten einschlägigen Stimmen des Kontinents, ihre Auffassung von afrikanischer Mode prägten.

Eine kreative, engagierte Generation von Designer:innen macht sich allmählich international einen Namen, einige von ihnen kommen im Buch zu Wort. In einer knappen Einführung erfährt man all das, was man über Mode in Afrika derzeit wissen sollte: Es werden ästhetische Codes angesprochen, aber auch Einblicke in das soziale Leben gegeben, so zum Beispiel, dass 2020 zwei Drittel der Bevölkerung Afrikas unter dreißig Jahre alt waren. Natürlich gibt es keine afrikanische Mode, aber ein gemeinsames Ideal: ein Afrikanischsein, das durch den Kontinent selbst und von sonst niemandem geprägt wird. Die Borniertheit des westlichen Denkens soll somit aufgelöst werden.

Awa Meité, Laufstegshow zur Präsentation der Kollektion Frühjahr–Sommer 2020, Lagos Fashion Week, 25. Oktober 2019. © Kola Oshalusi / Insignia Media

Awa Meité, Laufstegshow zur Präsentation der Kollektion Frühjahr–Sommer 2020, Lagos Fashion Week, 25. Oktober 2019. © Kola Oshalusi / Insignia Media

„Design“ wird also das erste Kapitel überschrieben, in dem von Stoffen, Techniken und Innovationen die Rede ist und davon, dass eine Sprache hat erfunden werden müssen, eine Sprache der Eingeweihten, um sich unbeschwert jeglicher Etikettierung zu entziehen. Weiters wird von Geschichten, Geschichte und Rebellionen berichtet und von nachhaltiger, ethischer und umweltbewusster Mode. „Stil“ heißt das zweite Kapitel. Den finde man nämlich nicht nur auf den Laufstegen von Lagos, Dakar und Johannesburg, sondern auch auf den Straßen Afrikas, die voll seien „von ebenso unterschiedlichen wie kühnen Stilen.“ Zwischen all diese vielen, vielen bunten Bildern werden immer wieder zwei unter dem Motto „Tradition – Trend“ gegenübergestellt.

Awa Meité, Baumwoll-Ensemble, getragen von Fadima Konate. Haar und Make-up: Awa Meité Design. Ausschnitt. © Coralie Coco

Awa Meité, Baumwoll-Ensemble, getragen von Fadima Konate. Haar und Make-up: Awa Meité Design. Ausschnitt. © Coralie Coco

Im Kapitel „Foto“ wird auf jene Fotograf:innen aufmerksam gemacht, die in die ganze Sache hineingewachsen sind, vorerst nur Momente des alltäglichen Lebens festgehalten, dann aber immer öfter ihre Aufmerksamkeit auf die Kleidung gelegt hatten. Bilder wurden geschaffen, „bei denen die Schwärze der Haut der Porträtierten im Kontrast zu kräftig leuchtenden Farben steht.“ Am Ende des jeweiligen Kapitels werden – wie angekündigt – einige wichtige Menschen näher porträtiert: Künstler:innen, Influencer:innen, Geschäftsführer:innen von Concept-Stores, Modeschöpfer:innen, Fotograf:innen.

Und das ist das Stichwort: Fotograf:innen. Bis jetzt war ja nur im Ansatz davon die Rede, was das eigentliche Ereignis, dieses Buches ist. Es sind natürlich die Fotos und da besonders die Farben, deren Umsetzung in Worte ohnehin nur eine schwache Annäherung sein kann. Manchmal grell und schrill, sehr oft gewagt, aber immer wieder von einer umwerfenden Kraft.

Buchcover

Emmanuelle Courrèges: Atemberaubende Mode aus Afrika. Aus dem Englischen von Kai Kilian. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2022.