HAARIGE SACHEN

Jacometto Veneziano: Porträt eines jungen Mannes. 1480 (Metropolitan Museum of Art, New York)Jacometto Veneziano: Porträt eines jungen Mannes. 1480 (Metropolitan Museum of Art, New York)

„Schon beim Friseur, bei der Friseurin gewesen?“ – ist eine Frage, die derzeit häufig gestellt wird. Denn in diesen Zeiten der wechselnden Lockdowns und Öffnungen erweist sich der Besuch eines Frisiersalons als begehrtes Ziel. Das mögen manche belächeln, doch es ist durchaus verständlich. Denn kaum etwas prägt das Aussehen sosehr wie die Frisur, kaum etwas kann es so stark verändern wie ein Haarschnitt. Kein Wunder, dass „Haariges“ auch in vielen Redewendungen und sprachlichen Bildern zu finden ist. Immerhin gilt eine entsprechende Haarpracht schon seit biblischen Zeiten als Zeichen von Kraft und Vitalität. Wer „Haare lassen“ muss, verliert an Macht, Stärke und Einfluss.

Andrea Mantegna: Dalila und Samson. 1495 (National Gallery, London) Das Bild (Ausschnitt) zeigt eine Szene aus der alttestamentarischen Geschichte vom Helden Samson (auch: Simson), der seine gewaltigen Kräfte verliert, als ihm seine Gefährtin Dalila (auch: Delilah) das Haar schneidet und ihn damit seinen Feinden ausliefert.

Andrea Mantegna: Dalila und Samson. 1495 (National Gallery, London)
Das Bild (Ausschnitt) zeigt eine Szene aus der alttestamentarischen Geschichte vom Helden Samson (auch: Simson), der seine gewaltigen Kräfte verliert, als ihm seine Gefährtin Dalila (auch: Delilah) das Haar schneidet und ihn damit seinen Feinden ausliefert.

Übelgesinnte meinen zu wissen, dass sich an der Haarlänge die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen messen ließen („Lange Haare, kurzer Verstand“), ganz zu schweigen von Haarfarben als Bewertungskriterien. Nonsens, natürlich. Außerdem findet sich, wie so oft, auch da das Gegenstück. Denn: wer „gschert daherredet“, ist jemand, der nicht viel Kluges zu sagen hat – ein „Gscherter“ eben. Und obwohl dieser Begriff nur im süddeutschen und österreichischen Raum gebräuchlich ist, weiß auch der Duden, dass es sich dabei um einen „dummen Menschen ohne feine Umgangsformen“[1] handelt. Der „Gscherte“ ist jemand, dem die Kopfhaare geschoren wurden. Der Begriff mit seiner negativen Konnotation geht auf das Mittelalter zurück, als es vielfach der unfreien bäuerlichen Bevölkerung verboten war, das Haar lang zu tragen. So etwa hieß es im „Bayerischen Landfrieden“ aus dem Jahr 1244, dass die Bauern ihr Haar bis zu den Ohren abschneiden müssten.[2] Während es für die Ritter damals Mode war, das Haar lang herabwallend zu tragen, wurde das kurze Haar zum Kennzeichen der sozial gering geschätzten „Gscherten“ – wie denn überhaupt das erzwungene Abschneiden oder völlige Entfernen des Kopfhaares bis heute einen Akt der Demütigung oder Bestrafung darstellt.

Die Haartracht kann ethnische und kulturelle Zugehörigkeiten ausdrücken und war und ist im Laufe der Geschichte immer wieder auch religiösen Geboten und gesellschaftlichen Normen unterworfen. Die Veränderung der Frisur kann die Veränderung von Haltungen und Meinungen signalisieren und zum politischen Statement werden – dann, wenn es gilt, „alte Zöpfe abzuschneiden“.

Satirische Darstellung eines deutschen – hessischen – Grenadiers mit langem „Soldatenzopf“ (der im Englischen oft auch als „Hessian pigtail“ bezeichnet wurde). 1778 (British Museum, London)

Satirische Darstellung eines deutschen – hessischen – Grenadiers mit langem „Soldatenzopf“, der im Englischen oft auch als „Hessian pigtail“ bezeichnet wurde. 1778 (British Museum, London)

Der Begriff des „alten Zopfes“ für etwas Rückständiges und Antiquiertes kam nach der Französischen Revolution auf und verbreitete sich vor allem in Zusammenhang mit den europäischen Freiheits- und Modernisierungsbewegungen. Denn zum einen waren Zöpfe (sowohl bei Frauen als auch bei Männern und häufig in Zusammenhang mit einer Perücke) ein Teil der luxuriösen höfischen Mode, zum anderen gehörten sie bis ins frühe 19. Jahrhundert in zahlreichen europäischen Heeren zur vorgeschriebenen militärischen Adjustierung, und auch in der Bürokratie waren sie üblich und teilweise verpflichtend.

Ein mit X zeichnender Beiträger des „Prager Abend-Blattes“ schrieb 1848 über das „Zopfthum“: „Ich will eben nicht dem Zopfe das Wort reden, denn er hat mir in meinen jungen Jahren, wegen des frühen Aufstehens, Ankauf der Pomade, Haarpuders, Zopfbandes und Bezahlung des Friseurs u.s.w. manchen Ärger, manchen Verdruß gemacht, und ich war daher, als ich im Jahre 1795 die Wiener Universität bezog, einer der Ersten, der sich den Zopf abschneiden ließ. Später, als ich beim Hofkriegsrath als Praktikant eintrat, mußte ich mir leider wieder den Zopf wachsen lassen, weil mein alter, in jeder Hinsicht würdiger Hofrath es nicht gerne sah, wenn seine Beamten und Praktikanten ohne Zopf und ungepudert das Bureau besuchten, und die ungepuderten zopflosen Männer noch überdies damals mit dem eben nicht schmeichelhafen Namen – Jakobiner – beehrt wurden.“ Das Abschneiden des Zopfes wurde als revolutionärer Akt empfunden, der Zopf war das Symbol des Reaktionären – und daher schloss X seinen Artikel mit der Feststellung: „Die Zöpfe werden schwinden, die Zöpfe werden weichen, denn die neue Zeit verträgt das alte Zopfthum nicht! – Die Morgenröthe der konstitutionellen Freiheit wird allen zopfigen Gebräuchen den Tod bringen.“[3]

Links: François-Xavier Fabre: Porträt eines Mannes. 1809 (National Galleries Scotland, Edinburgh). Rechts: Louis-Léopold Boilly: Porträt von Madame Fouler Comtesse de Relingue. 1810 (Fondation Napoléon, Paris) Kurzhaarfrisuren – und zwar sowohl für Männer als auch für Frauen – waren im frühen 19. Jahrhundert, ausgehend von Frankreich, in ganz Europa große Mode und eine Gegenposition zum altmodisch „Verzopften“.

Links: François-Xavier Fabre: Porträt eines Mannes. 1809 (National Galleries Scotland, Edinburgh). Rechts: Louis-Léopold Boilly: Porträt von Madame Fouler Comtesse de Relingue. 1810 (Fondation Napoléon, Paris)
Kurzhaarfrisuren – und zwar sowohl für Männer als auch für Frauen – waren im frühen 19. Jahrhundert, ausgehend von Frankreich, in ganz Europa große Mode und eine Gegenposition zum altmodisch „Verzopften“.

Das wohl kurioseste sprachliche Bild in Zusammenhang mit den Haaren ist der Ausdruck „Haare auf den Zähnen haben“. Der Duden definiert ihn als „von streitbar-aggressiver, rechthaberischer Wesensart sein“[4]. Früher allerdings fehlte der negative Unterton, und so erklären etwa die Brüder Grimm in ihren Wörterbuch, dass die Formulierung „Er hat Haare auf den Zähnen“ „Er ist ein starker, ganzer Mann“ bedeute.[5] Es handle sich dabei, so Lutz Röhrich in seinem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ um eine „übertreibende Redensart“[6]: Viel Haar zu haben bedeutet Kraft und Vitalität – wie kraftstrotzend muss jemand also sein, dem die Haare sogar auf den Zähnen wachsen (übrigens verwendete man früher oftmals auch die Bezeichnung „Haare auf der Zunge haben“).

Viele der „haarigen“ Redensarten verweisen auf die Feinheit des Haares: wenn zum Beispiel etwas „haargenau“ oder „haarklein“ – also sehr genau, bis ins kleinste Detail – erzählt wird. Das kann natürlich zur „Haarspalterei“ ausarten, vor allem, wenn jemand „nicht um Haaresbreite“ von seinem Standpunkt abweichen will. Und auch wenn man üblicherweise niemandem „ein Härchen krümmen“ will, kann man da einander auch schon einmal „in die Haare geraten“ – besonders, wenn man meint, die Argumente des Gegners seien „haarsträubend“ und „an den Haaren herbeigezogen“. Es ist zum „Haareraufen“, meint man und ist geneigt, „kein gutes Haar“ am anderen zu lassen. Aber: man sollte sich, auch wenn es „an einem Haar hängt“, ob die Sache gut ausgeht, deswegen „keine grauen Haare wachsen lassen“ – vor allem, wenn es eigentlich nur ein feines Haar ist, das man in der Suppe findet.

„Ein Haar in der Suppe missfällt uns sehr, / Selbst wenn es vom Haupt der Geliebten wär‘“ (Wilhelm Busch)

[1] Duden online, Stichwort „Gscherter“.
[2] Siehe: Rösener, Werner, Bauern im Mittelalter. München 1985, S. 101.
[3] Prager Abend-Blatt, 3.10.1848, S. 1f.
[4] Duden online, Stichwort „Haar“.
[5] Grimm, Jacob und Wilhelm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1877, Bd 4, Abt. 2, Sp. 17.
[6] Röhrich, Lutz, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg 1994, Bd 2, S. 606f.