„WILDES WIEN“

Aus dem Buch „Wildes Wien“: Brombeeren bei der Otto-Wagner-Kirche am SteinhofAus dem Buch „Wildes Wien“ von Alexandra Maria Rath: Brombeeren bei der Otto-Wagner-Kirche am Steinhof

Das „wilde Wien“ der Alexandra Maria Rath ist hauptsächlich grün, dazwischen sind Primelgelb, Veilchenlila, Bärlauchblütenweiß und viele andere Farben gestreut. Und: dieses „wilde Wien“ ist immer essbar. Denn Rath ist diplomierte Vital- und Ernährungstrainerin und hat eine Ausbildung im Wildkräuter-Coaching absolviert. Sie wird dann, wenn es wieder möglich ist, Führungen durch Wien anbieten, bei denen die essbaren Pflanzen im Vordergrund stehen. Und so war es nur folgerichtig, dass sie ihre Erfahrungen unter dem Titel „Wildes Wien“ in Buchform präsentiert. Wobei ihr in dem Buch eine bemerkenswerte Kombination gelingt, wie der Untertitel „Essens- und Sehenswürdiges aus Wien“ verspricht.

Aus dem Buch „Wildes Wien“: Primeln vor dem Naturhistorischen Museum

Aus dem Buch „Wildes Wien“: Primeln vor dem Naturhistorischen Museum

In zwanzig Kapiteln stellt Rath Wiener Sehenswürdigkeiten vor und gibt jeder Sehenswürdigkeit eine genießbare Wildpflanze zur Seite. Wobei sie letztere chronologisch im Jahresablauf auftreten lässt. Sie beginnt also mit der Primel vor dem Naturhistorischen Museum und endet mit der Hagebutte auf dem Wiener Zentralfriedhof, bevor sie sich unter dem Titel „Bunte Vielfalt“ auf die Wiener Märkte begibt. Es ist somit ein eigener und besonderer Zugang, der so noch nicht in Wien-Führern angeboten wurde. Natürlich gehören Schönbrunn und Belvedere, der Stadtpark und der Wiener Prater zu ihren Stationen – aber hauptsächlich deswegen, weil dort Löwenzahn, Giersch, Goldrute und Wilder Hopfen zu finden sind. Auf der Suche nach Bärlauch, Brennnessel, Gänseblümchen und Berberitze wandert man mit der Autorin auch zur Jubiläumswarte, zur Feuerwache Steinhof, zur Wotrubakirche und zum Arsenal.

Wie legt Alexandra Maria Rath nun das Buch an? Einleitend zeigt sie auf einem Plan, wo sie hinführt, gibt allgemeine Tipps zum Sammeln der Wildpflanzen, liefert eine kleine Kochschule und meint im Kapitel über die Wiener Festtagsküche, dass es hoch an der Zeit wäre, wieder zum Sonntagsbraten zurückzukehren, also nur einmal in der Woche, dann aber qualitätsvoll, Fleisch zu genießen. Darauf stellt sie eine Sehenswürdigkeit nach der anderen vor, weiß Historisches, erzählt Anekdoten, verweist auf Gedichte, die ihr passend erscheinen und vertieft sich in Essbarem. Da ist immer auch das Botanische und das Heilende ein Thema, hauptsächlich aber geht es ihr um Einmaliges, vielleicht etwas Ausgefallenes, auf jeden Fall aber um Spezielles.

Aus dem Buch „Wildes Wien“: Roter Klee vor dem Karl-Marx-Hof

Aus dem Buch „Wildes Wien“: Roter Klee vor dem Karl-Marx-Hof

In über fünfzig Rezepten bietet Rath sowohl traditionelle Gerichte an als auch Internationales, gerne auch vom fernen Osten, besonders von der thailändischen Küche, Beeinflusstes. Die Rezepte sind klar formuliert, übersichtlich gegliedert und von Bildern begleitet. Apropos Bilder: die Buchgestalter wissen, wie man was ins Bild setzt, wie Sehenswürdigkeiten sehenswürdig erscheinen und die Rezepte so, dass das Auge lustvoll mit-isst. Einige der Wildpflanzen sind auch ganz speziell wegen ihrer farblichen Wirkung ausgesucht: der rote Klee, zum Beispiel (natürlich vor dem Karl-Marx-Hof gepflückt) schmeckt an sich, wie Rath zugibt, ein wenig langweilig, ist aber gut geeignet, um so manche Speise mit den pinken Blüten „schick“ aufzuputzen. Und sollte man von der einen oder anderen Speise doch etwas zu viel zu sich genommen haben, hat Rath auch ein Rezept für einen „Wiener Magenbitter“ mit den Blütendolden der Goldrute aus dem Stadtpark bereit. „Wildes Wien“ ist ein Buch, das Lust macht, Lust aufs Schauen und aufs Essen!

Buchcover

Alexandra Maria Rath: Wildes Wien. Gegessen wird, was in der Stadt wächst. Essens- und Sehenswürdigkeiten aus Wien. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2020.