DIE SELTSAMSTEN SPRACHEN DER WELT

Bei der Beschäftigung mit einer Fremdsprache stößt man häufig auf Phänomene in Grammatik, Satzbau oder Aussprache, die merkwürdig, kompliziert oder gar unverständlich zu sein scheinen. Von einer „schwierigen“, „seltsamen“ Sprache ist dann oft die Rede, aber dieses Urteil gilt natürlich nur aus der Perspektive der eigenen Sprache, die als einfach und „normal“ empfunden wird. Ein Standpunktwechsel – und schon sieht die Sache ganz anders aus. Vor ein paar Jahren haben amerikanische Linguisten eine Rangliste erstellt, die sie mit „The weirdest languages“ – „Die seltsamsten Sprachen“ – betitelten. Bei 239 Sprachen wurden dabei unterschiedlichste sprachliche Merkmale analysiert: Sind sie in vielen Sprachen zu finden, so ist dies nicht seltsam – gibt es sie aber nur selten, dann steigern sie den „Weirdness Index“, machen eine Sprache, in der sie zu finden sind, „seltsam“. Das Ergebnis mag – zumindest aus deutschsprachiger Sicht – erstaunen: Denn auf Platz 10 der merkwürdigen Sprachen rangiert … Deutsch. Hingegen ist in diesem Index die Sprache mit den wenigsten Seltsamkeiten Hindi, und auf Platz 236 findet sich, als die am wenigsten seltsame Sprache Europas, Ungarisch. Aber, wie gesagt, es ist wohl alles eine Frage der Perspektive.

„Die seltsamsten Sprachen der Welt“ sind auch das Thema des neuesten Buches von Harald Haarmann. Dem international renommierten Sprachwissenschaftler geht es dabei allerdings nicht um Ranglisten oder irgendwelche Wertungen. Vielmehr will er „vor Augen führen, wie vielfältig die kulturellen Muster sind, aus denen die Sprachen hervorgehen, und wie nahezu grenzenlos das menschliche Potenzial, mit Lauten zu kommunizieren und Gedanken sprachlich zu organisieren.“ Denn, so Haarmann: „Die Vielzahl sprachlicher Sonderformen ist als Reichtum zu begreifen und als Einladung, die Welt mit anderen Augen – oder besser: mit anderen Sprachen – zu sehen.“

Das Besondere an den Sprachen, die Haarmann für sein Buch ausgewählt hat (es sind an die fünfzig, auf die er näher eingeht), sind selten vorkommende und daher aus der Außenperspektive „seltsame“ Merkmale. So etwa jene Klicklaute, die in es in einigen Sprachen im südlichen Afrika (den sogenannten Khoisan-Sprachen) gibt. Oder jene hundert unterschiedlichen Arten, „ich“ zu sagen, die im Khmer, der Sprache Kambodschas, zu finden sind. Welches Wort für „ich“ verwendet wird, hängt dabei vom jeweiligen sozialen Status und dem Geschlecht von Sprechenden und Angesprochenen ab. So etwa lautet das „ich“ gegenüber sozial höher Stehenden „khnommcah“, „an“, wenn Ältere mit Jüngeren sprechen und „khnomkaruna“ im Umgang mit Mönchen – und dann gibt es eben noch 97 weitere Varianten.

Auf diese beiden sprachlichen Besonderheiten wird bereits im Untertitel von Haarmanns Buch verwiesen („Von Klicklauten und hundert Arten, ich zu sagen“). Merkwürdigkeiten ortet der Sprachforscher jedoch nicht nur auf anderen Kontinenten, sondern durchaus auch in geografischer Nähe. Und so findet man im Kapitel über „Seltsamkeiten in Grammatik und Satzbau“ unter anderem das Ungarische. Dieses hat also (obwohl es in der amerikanischen „Weird-Liste“ ganz unten, im „Normal-Bereich“ zu finden ist) auch seine Besonderheiten. Diese bestehen darin, dass es eine stark agglutinierende Sprache ist und Veränderungen von Wortbedeutungen durch das Anhängen (lateinisch: agglutinare) von Suffixen erledigt. Als eines von mehreren Beispielen dafür bringt Haarmann das Wort „igaz“, das „wahr“ bedeutet – und hängt dann an: „igazság = Wahrheit – igazságtalan = ungerecht (wörtl. wahrheitslos) – igazságtalanság = Ungerechtigkeit – igazságtalanságunk = unsere Ungerechtigkeit“.

Unter den weiteren Seltsamkeiten der europäischen Sprachenwelt finden sich unter anderem die teilweise auf der Zahl 20 basierende Zählweise im Dänischen, das Fehlen eines eigenen Verbs für den Begriff „haben“ im Russischen und im Finnischen, die stark ausdifferenzierten Höflichkeitscodes im Englischen, die zwölf Kasusformen des Baskischen – und die „Bandwurmsätze“ des Deutschen. Gemeint sind damit jene Konstruktionen, bei denen erst am Ende des Satzes klar wird, worum es geht. Denn zwischen dem Hilfszeitwort und dem Zeitwort kann eine Vielzahl von Einschüben platziert werden. Ein Beispiel: „Ich habe dieses Buch, von dem ich in der Zeitung gelesen habe und das mir auch von Freunden empfohlen wurde, gestern in der Buchhandlung, die sich gegenüber der Universität befindet und die ich gerne besuche, …“ – ja, was denn nun? Geduld ist erforderlich, um zu erfahren, ob das Buch nun „gekauft“ oder vielleicht nur „gesehen“, „durchgeblättert“, „bestellt“ usw. wurde.
Aus kommunikativer Sicht ist diese fürs Deutsche so typische Konstruktion „nicht gerade effektiv“, und sie ist, so erläutert Harald Haarmann, „künstlich geschaffen worden“: „Noch während des Mittelalters wurde das Partizip – wie im Englischen und anderen germanischen Sprachen – nicht vom Hilfsverb getrennt. Erst Martin Luther hat sich einfallen lassen, einen ‚feinen‘ Stil einzuführen – auf ihn geht die ‚räumliche‘ Trennung der verbalen Formen im Satz zurück.“

Für die sprachlichen Seltsamkeiten, die er in seinem Buch präsentiert, bringt Harald Haarmann zahlreiche Beispiele, er weiß um historische Entwicklungen und er erklärt, wie auch soziale und politische Faktoren auf Sprache einwirken. Ein eigenes Kapitel ist den „Merkwürdigen Schriften“ gewidmet, denn, so Haarmann: „Es gibt zahlreiche Sprachgemeinschaften, in denen radikale Wechsel von Schriftsystemen stattgefunden haben“ – so etwa die Umstellung des Türkischen von der arabischen Schrift zur Lateinschrift oder die 1937 verfügte verbindliche Verwendung des Kyrillischen für das Moldauische: „Die sowjetische Politik in der Sowjetrepublik Moldawien mit ihrer rumänischsprachigen Bevölkerung zielte auf Abkapselung gegenüber dem Nachbarland Rumänien, deren Sprache in Lateinschrift geschrieben wird. Gleich nach der politischen Wende von 1991 stellte man in dem jungen selbständigen Staat Moldova die Schrift auf das lateinische Alphabet um“.

Ein Resultat der politischen Entwicklung ist auch der unterschiedliche Schriftgebrauch in Nord- und Südkorea, mit dem sich Haarmann in einem eigenen Abschnitt beschäftigt. Lange Zeit wurden für das Koreanische chinesische Schriftzeichen benutzt, die jedoch für diese agglutinierende Sprache nur eingeschränkt geeignet waren. Nachdem im 15. Jahrhundert eine eigene koreanische Schrift, die eine Alphabetschrift ist, entwickelt worden war, benutzte man eine Mischform aus chinesischen BuchcoverSchriftzeichen und koreanischer Schrift. Nach der 1948 erfolgten Teilung des Landes wurden in Nordkorea – auch aufgrund des Einflusses der Sowjetunion – die chinesischen Schriftzeichen abgeschafft und das System vollständig auf die koreanische Schrift umgestellt, während im Süden die bisherige Mischform beibehalten wurde.

Harald Haarmann hat sein Buch in acht Kapitel gegliedert: Der Bogen reicht von „Eigenartigen Lautsystemen“, „Seltsamkeiten in Grammatik und Satzbau“, „Wortschätzen“ und „Seltsamen Arten, zu zählen“ bis zu Themen wie „Status und Sozialverhalten sprachlich markieren“, „Sakral-, Ritual- und Tabu-Sprachen“, „Merkwürdige Schriften“ und, als Abschluss des insgesamt 206 Seiten starken Bandes, zu einem Kapitel über „Geplante Sprachen“. Dabei geht es um die Wiederbelebung des Hebräischen, die Geschichte des Esperanto und schließlich auch um „Klingonisch für Anfänger: Kommunikation mit den Aliens“.

Harald Haarmanns Buch lädt ein zu einer spannenden Erkundungsreise in die Welt der Sprachen. Es basiert auf einem riesigen Fundus an Expertenwissen, ist aber so geschrieben (und, wo nötig, mit entsprechenden Erläuterungen versehen), dass es auch für linguistischen Laien eine gut lesbare und überaus interessante Lektüre darstellt.

Harald Haarmann: Die seltsamsten Sprachen der Welt. Von Klicklauten und hundert Arten, ich zu sagen. C.H. Beck Verlag, München 2021.