TEE – EINE UNENDLICHE GESCHICHTE

Werbung fĂŒr japanischen Tee, Mitte 20. Jhdt. Museum of Fine Arts, Boston,
Werbung fĂŒr japanischen Tee, Mitte 20. Jhdt., Museum of Fine Arts, Boston

Wenn man etwas ĂŒber Tee wissen möchte, so gibt es zahlreiche BĂŒcher, Kataloge und natĂŒrlich TeeWiki. Ich konzentriere mich hier auf zwei sehr unterschiedliche BĂŒcher zur vielfĂ€ltigen BeschĂ€ftigung mit dem Thema Tee und lasse auch einige Anmerkungen folgen, die meinen eigenen Umgang damit beschreiben.

Die Vielfalt liegt zunĂ€chst in der Verarbeitung des Teeblatts zu verschiedenen Sorten: Es gibt ihn als weißen, gelben, grĂŒnen, roten (Pu-Erh), halboxydierten (Oolong) und schwarzen Tee. Inhaltsstoffe und Geschmacksrichtungen variieren innerhalb und unter den Sorten. Und hier geht die Sucherei schon los, welche Richtung soll man bevorzugen? Hat man sich fĂŒr eine Richtung entschieden, dann kommt die nĂ€chste Frage: Welcher genau soll es werden? Tee aus China, Japan oder Neuseeland
? Soll er getrocknet sein, gebacken oder gedĂŒnstet usw. sein? Dazu kommt das Problem mit dem Wasser, nicht immer ist es weich genug, damit sich zarte Aromen – z.B. von weißem Tee – durchsetzen können. Wie gestalte ich das VerhĂ€ltnis von Wasser und Tee und wie lange lĂ€sst man ihn ziehen, wie viele AufgĂŒsse vertrĂ€gt die Sorte
?

Wenn man sich diesem Prozess aussetzt, so vergehen Jahre, bis man sich ein Bild gemacht und seine Vorlieben in allem herausgefunden hat. Und beim ersten Hineinschauen erscheint das Thema unĂŒbersichtlich und unerschöpflich. Das kann man Ă€ndern – und dabei können BĂŒcher in der Tat helfen.

Zwei BĂŒcher – eine (Tee)Welt
Jedes dieser BĂŒcher folgt einem anderen Umgang mit dem Tee. Auch dies zeigt, welche kulturgeschichtliche Bedeutung der Tee im asiatischen Raum, speziell in China und Japan, hat. Das erste Buch ist ein Klassiker fĂŒr den Einstieg in das VerstĂ€ndnis japanischer Teekultur. Der Kulturwissenschaftler Kakuzo Okakura (1862–1913) veröffentlichte „Das Buch vom Tee“ erstmals 1906. Seitdem ist es immer wieder neu aufgelegt und ĂŒbersetzt worden.

Buchcover

Kakuzo Okakura versucht dem Außenstehenden zu vermitteln, worum es bei der Teezeremonie geht, beschreibt Form und Gebrauch der TeegerĂ€te, die Bedeutung des japanischen Teehauses und des Rituals. Er betrachtet all diese Dinge generell und wertet und bewertet die Bedeutung des Tees fĂŒr die japanische Kultur und japanisches SelbstverstĂ€ndnis, beleuchtet den Zusammenhang von Religion und Philosophie, von Kunst und Architektur, wie sie sich in der Teezeremonie finden lassen. Eine komplizierte Materie und theoretisch schwer zu verstehen.

Ich hatte einmal die Möglichkeit an einer derartigen Zeremonie teilzunehmen, was einem den Zugang erheblich erleichtert. Man ahnt irgendwie, dass es zum Schluss gar nicht mehr um den Tee als solchen geht, vielmehr ist der Tee der willkommene Anlass zur Selbstversenkung durch ein streng zu befolgendes Ritual. Dieses diszipliniert die Gedanken und fokussiert sie am Ende auf die eigene Situation – und dabei hilft dann der Tee wieder.

„Medizin war Tee zuerst, GetrĂ€nk wurde er danach. Im achten Jahrhundert zog er in China als eine der galanten Spielereien in das Reich der Poesie ein. Im fĂŒnfzehnten Jahrhundert erhob ihn Japan zu einer Religion des Ästhetizismus, zum Teeismus. Teeismus ist ein Kult, gegrĂŒndet auf die Verehrung des Schönen inmitten der schmutzigen Tatsachen des Alltags. Er umschließt Reinheit und Harmonie, das Geheimnis des Mitleidens, die Romantik der gesellschaftlichen Ordnung. Dem Wesen nach ist er eine Verehrung des Unvollkommenen, denn er ist ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen.“ (Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee. Übersetzung Horst Hammitzsch)

Einen sehr viel weltlicheren Umgang mit Tee beschreibt der Schriftsteller Christoph Peters (*1966) in seinem Buch „Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee“. Dieses ist wie ein Lebenslauf (mit Tee) angelegt. Man erfĂ€hrt von den – eher zufĂ€lligen – AnfĂ€ngen und vollzieht Schritt fĂŒr Schritt nach, wie der Umgang mit Tee das Leben verĂ€ndert. Man kann gut beobachten, wie eines zum anderen kommt, wie immer noch etwas obendrauf gelegt wird. Es geht dann um die Formen des Kessels, die Art des Ausgießens des Wassers, um jahreszeitlich angepasste Ausstattung, um das Teetrinken alleine oder in Gesellschaft, um eigene Rituale und Erfahrungen 
 kurzum, wie der Tee zu einem wichtigen Teil des Lebens wird – zum einen der intensiven BeschĂ€ftigung vieler Aspekte des Teetrinkens wegen, zum anderen in der eigenen, privat-ritualisierten Nutzung des Tees.

„WĂ€hrend Kaffee als einer der wichtigsten Treibstoffe der Leistungsgesellschaft gilt und durch hochpreisige, an die Glanzzeit italienischen Sportwagenbaus erinnernde Maschinen auch reprĂ€sentative Aufgaben ĂŒbernehmen kann, steht der Tee fĂŒr ZurĂŒckgenommenheit und Selbstbesinnung.“ (Christoph Peters, Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee)

Mein Tee-Erlebnis
Mit diesen BĂŒchern deckt man ein ganzes Spektrum an BeschĂ€ftigungen mit Tee ab. Wenn man Tee jedoch erleben möchte, dann muss man das schon selbst angehen. NatĂŒrlich bedarf es einer Vorbereitung, eigentlich auch schon etwas mehr, denn das Spektrum und die VariabilitĂ€t sind erstaunlich. Ich konzentriere mich daher auf die reinen Teesorten, ohne Aromatisierungen und ohne Beimischungen anderer Pflanzenanteile. Auch kein Wort fĂ€llt ĂŒber die fĂ€lschlich als Tee bezeichneten weiteren AufgussgetrĂ€nke, wie etwa von KrĂ€utern, FrĂŒchten oder Mate.

Mitte der 1970er bin ich das erste Mal auf den Tee gekommen. Es war irgendwie gut sich damit vollzupumpen, um die NĂ€chte durchzumachen – auch wenn schon mal die HĂ€nde zitterten vom zu vielen Teein. Irgendwann in den 1980ern begann ich mich dann ernsthaft mit dem GetrĂ€nk zu beschĂ€ftigen, las dazu, verkostete verschiedene Sorten und probierte Zubereitungsvarianten aus. Ich blieb zunĂ€chst bei schwarzen, aromatisierten Tees (Orange, Earl Grey usw.) hĂ€ngen. Irgendwann verlor sich die Teeorientierung hin zum Kaffee, das blieb bis etwa 2005 so, dann machte sich mein Magen bemerkbar und ich stieg wieder auf Tee um, zunĂ€chst aus VernunftgrĂŒnden und ohne Hintergedanken. Doch schon bald begann ich, das verschĂŒttete Wissen wieder auszugraben und zu ergĂ€nzen – theoretisch wie praktisch. Mein Interesse war neu geweckt. Ich kaufte die verschiedensten Tees und probierte allerlei Sorten, exotische und normale darunter. Auch mein Teegeschirr ist mitgewachsen. Ich bevorzuge Glas als Material. Das Saubermachen ist zwar herausfordernd, die durchleuchteten Tees in ihrer eigenen Farbigkeit sind jedoch ein spezieller Anblick. Derzeit hat es sich auf eine ganze Reihe verschiedener Sorten eingependelt. Im Moment sind es eher die milderen Sorten: Darjeeling als milder schwarzer, Lung Chin als milder grĂŒner, hin und wieder einen weißen Tee (Yin Zhen / Silbernadeln) und dann muss es doch auch wieder ein krĂ€ftiger Assam oder Pu-Erh Tee sein.

Das Teeregal des Autors (Foto: R. Grohnert)
Das Teeregal des Autors (Foto: R. Grohnert)

Die Farben des Tees
Die farblichen Bezeichnungen des Tees sind zumeist verbunden mit der Farbe des trockenen Blattes. Bei weißem Tee ist das Verfahren entscheidend fĂŒr die Bezeichnung, bei rotem Tee handelt es sich um spezielle Schwarztees, deren Aufgussfarbe tiefrötlich, schimmernd und leuchtend ist. Innerhalb der Tees variieren die farblichen Nuancen genauso wie die geschmacklichen.

Die verschiedenen Teefarben (Foto: R. Grohnert)

GrĂŒner Tee:
Japan Sencha: Die TeestrĂ€ucher stehen in der prallen Sonne, dadurch ist der Stoffwechsel der Pflanze maximal angeregt, die BlĂ€tter werden besonders grĂŒn (andere GrĂŒntees, wie etwa Matcha, werden im Schatten oder Halbschatten großgezogen). Unmittelbar nach der Ernte werden die BlĂ€tter fĂŒr 30 Sekunden gedĂ€mpft, anschließend mit heißer Luft getrocknet. Die BlĂ€tter werden (traditionell mit der Hand) gerollt. Der Tee enthĂ€lt viel Teein, wirkt daher sehr anregend. Das erklĂ€rt seine Beliebtheit aber auch die Vorsicht im Umgang mit zu vielen Tassen pro Tag. Die Tassenfarbe ist hellgrĂŒn.

Weißer Tee:
China Yin Zhen (Silbernadeln): GepflĂŒckt werden die Blattknospen. In diesem Wachstumsstadium haben die BlĂ€tter noch kein Chlorophyll ausgebildet, die jungen BlĂ€ttchen haben noch einen feinen Flaum. Die BlĂ€tter werden zunĂ€chst an der Luft getrocknet, sie welken dort und werden zum Abschluss noch in einem Ofen vorsichtig erwĂ€rmt, bis die letzte Feuchtigkeit verschwunden ist. Die Tassenfarbe ist sehr hell.

Schwarzer Tee:
Indien Assam: Tee, ursprĂŒnglich aus Nordost-Indien, krĂ€ftiger Geschmack. GepflĂŒckt wird in zwei Ernten (1st und 2nd Flush). Die BlĂ€tter werden mechanisch „aufgebrochen“, d.h. der Zellsaft kann austreten und das Blatt oxydiert. Wenn eine kupferbraune Farbe erreicht ist, wird der Tee kurz und heiß getrocknet und anschließend nach BlattgrĂ¶ĂŸen sortiert. Die Tassenfarbe ist dunkelbraun.

Roter Tee:
China Pu-Erh: Wird gewonnen aus BlĂ€ttern des wildwachsenden Teestrauchs Qingmao – einer Unterart der Camellia Sinenis. Der Qingmao wĂ€chst in und um die chinesische Provinz Yunnan. Die BlĂ€tter des Baumes sind grĂ¶ĂŸer, die chemische Zusammensetzung ist etwas anders als die von Camellia Sinenis. Der rote Tee ist vermutlich die Ă€lteste Art der Teeherstellung. Die Verarbeitung (Fermentation) fĂŒhrt zu unterschiedlichen Sorten. Die gedĂ€mpften BlĂ€tter werden in Formen gepresst, die Formen jahrelang gelagert, wodurch der Tee gehaltvoller wird. Er wird mit seinem Herstellungsdatum versehen. Je Ă€lter der Tee ist, desto teurer wird er, Ă€hnlich wie bei Weinen. Die Tassenfarbe des reifen Pu-Erh ist dunkelrot.

Verschiedene Teesorten (Foto: R. Grohnert)

Zugegeben, am Arbeitsplatz muss der Teebeutel reichen, hier ist es alles Mögliche, das mich zum Tee greifen lĂ€sst, Zeit und Muße fĂŒr den Genuss habe ich jedoch nicht. Vielleicht kann man es vergleichen mit einer Zigarette im VerhĂ€ltnis zur Pfeife oder Zigarre, oder mit dem Wein zum Essen und dem, den man lieber ohne weitere Geschmacksablenkungen trinkt


Zu Hause angekommen muss ausgewĂ€hlt werden, welche Sorte den heutigen Tag am besten abschließt oder am besten fĂŒr den Start in den Abend geeignet erscheint. Dann wird beim Wasserkocher die richtige Temperatur eingestellt, der Tee aufgefĂŒllt und eine Tasse ausgewĂ€hlt. In der Regel bevorzuge ich, wie schon erwĂ€hnt, Glaskanne und Glastasse. FĂŒr grĂŒnen Tee (Matcha) gibt es auch eine Porzellanschale, fĂŒr schwarzen und roten Tee eine schwarze japanische Holztasse. Dieses kleine Ritual ist wie ein Schalter, es beginnt eine kurze Zeit des Innehaltens und der Konzentration nur auf den Tee – danach kann es weiter gehen.

Das hat natĂŒrlich noch nichts mit einer Teezeremonie zu tun, in der es um Philosophie, Religion und Tradition geht. Ich bin auch weit davon entfernt, mich in den Streit ĂŒber Rituale und Zubereitungsformen verschiedener Teeschulen einmischen zu können, bin aber froh, meinen eigenen Zugang zum Tee (wieder)gefunden zu haben.

Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee. Aus dem Japanischen von Horst Hammitzsch. Mit Illustrationen von Alexandra Klobouk und Eva Gonçalves. Insel Verlag, Frankfurt a.M. 2024.
Christoph Peters, Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee. Arche Literatur Verlag, ZĂŒrich 2016. Als E-Book erhĂ€ltlich.

3.8.2025

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