RÄTSEL ÜBER RÄTSEL

Jurriaan Cootwijck (1724–1798), Junger Mann, sich auf einen Stuhl stützend (Rijksmuseum Amsterdam)Jurriaan Cootwijck (1724–1798), Junger Mann, sich auf einen Stuhl stützend (Rijksmuseum Amsterdam)

Rätsel sind ein beliebter Zeitvertreib. Zeitungen bringen täglich neue Denksportaufgaben, im Internet findet sich Passendes für Ratefans von jung bis alt – und es lässt sich da auch so manche Entdeckung machen. So etwa im digitalen Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Der Suchbegriff „Rätsel“ führt dort zu einer Kollektion von historischen Rätselsammlungen. Neben einigen in italienischer, tschechischer und ungarischer Sprache sind es vor allem zahlreiche deutschsprachige, von denen die ältesten aus dem 16. Jahrhundert stammen. So etwa eine Rätselsammlung aus dem Jahr 1578.

„Rätterbüchlein / Auffs New zugericht / mit vielerley seltzame Frage und Antwort gestelt / jetzt von Newem in truck verfertigt“ heißt das in Frankfurt am Main publizierte Werk. Schon allein der Titel dieses „Ratebüchleins“, das 1578 „von Neuem in Druck“ erschienen war, lässt erkennen, dass dabei für heutige Leserinnen und Leser zum Denksport nicht nur die „vielerlei seltsamen Fragen“ gehören, sondern auch die sprachliche Form. So etwa bei dieser Frage:

Gesucht ist ein Gegenstand aus dem häuslichen Bereich. Angepasst an heutige Orthografie und Diktion lautet die Frage: „Rate: Allem dem, das auf Erden ist, dem geb’ ich in kurzer Frist, was es begehrt nach seiner Gestalt, lebendig, tot, jung oder alt, und kann mir das nicht selbst geben, das ich einem anderen mitteile.“ Die Antwort auf diese Frage findet sich (Lösung 1) am Ende dieses Beitrags – ebenso wie die Lösungen aller weiteren Rätsel.

Sprachlich schon um einiges einfacher ist es mit dem 1781 in Wien erschienenen Band „Vierhundert neue Räthsel zur Unterhaltung für junge Gesellschaften“. Ein paar Kostproben daraus (auch diese, wie fast alle folgenden Rätsel, an die heutige Sprache angepasst):

Man martert mich durch Feuersglut, / Man rädert mich, stürzt eine Wasserflut / Auf meinen Staub, und lässt mich dann verächtlich liegen, / Um seinen Gaumen am Wasser zu vergnügen. (2)

Wer kann alle Sprachen reden? (3)

Es ist nicht in Spanien, sondern in Oranien, / Es ist nicht in Wien, sondern in Berlin, / Es ist nicht im Main, sondern im Rhein, / Es ist nicht in Meißen, sondern in Preußen. (4)

Ich bin ein ganz besonders Ding! / Mein Kopf ist rund, als wie ein Ring, / Doch habʼ ich keine Füße: / Mein Körper ist zugleich mein Bein, / Mich schmückt ein Bart, so hart wie Stein, / Den ich höchst ungern misse. / Allüberall in Dorf und Stadt / Kann man mich nicht entbehren, / Und wer mich bei dem Rätsel hat, / Der kann es gleich erklären. (5)

Beim letzten Beispiel aus den „Vierhundert neuen Räthseln“ ist nicht auf das geschriebene, sondern auf das gesprochene Wort zu achten:

Welche Namen sind die besten? (6)

Eine überaus beliebte Rätselform waren über lange Zeit die Scharaden. Dabei handelt es sich um ein Silbenrätsel, bei dem in Umschreibungen sowohl auf die für sich sinnvollen Silben eines Wortes wie auch auf das Wortganze verwiesen wird. Ein Beispiel:

Gesucht ist ein dreisilbiges Wort. Die erste und zweite Silbe bilden gemeinsam den „Namen des höchsten Ortes“, die dritte beschreibt die „Beschaffenheit der Atmosphäre, wie sie dem Auge bei heiterem Wetter vorkommt“. Und das ganze Wort ist die „Benennung einer Farbe“. (7)

Welche zwei Begriffe hier gesucht sind, ist wohl nicht allzu schwer zu erraten. Diese Charade (meist wurde die aus dem Französischen übernommene Art des Rätsels in französischer Orthografie geschrieben) stammt aus dem 1789 publizierten Buch „Charaden oder Logogriphen nach Herrn Salzmanns Methode, für Liebhaber des Denkens“. Daraus noch zwei Beispiele:

Vier Silben. 1. 2. Ein bewährtes Haustier, dessen ganzer Körper natürliche Frisur ist. 3. 4. Eine Eigenschaft, welche verkehrten, unverständigen Menschen, auch Tieren und ungereimten Dingen beigelegt wird. Das Ganze. Beiname, der auf eine drollige Art etwas Lächerliches anzeigt. (8)

Drei Silben. 1. Eines der dauerhaftesten Gewächse. 2. 3. Ein Gebäude, wo Unterricht erteilt wird. Das Ganze. Ein zur Vermehrung gedachter Gewächse bestimmter Platz. (9)

Auch die im Titel des Buches neben den Charaden erwähnten Logogriphen waren eine vor allem im späten 18. und im 19. Jahrhundert beliebte Rätselform. Dabei geht es darum, dass durch Vertauschen, Auslassen oder Hinzufügen einzelner Buchstaben neue Begriffe entstehen. Zum Beispiel:

Vier Zeichen bilden mich, / Und sechs Mal wechsle ich. / Mit B vereinige ich, / Mit M redʼ ich zu dir, / Mit H bin ich ein Tier, / Mit R dem Kreise gleich, / Mit S sehr wasserreich. / Lassʼ alle diese Zeichen fort, / Bin ich ein Bindewort. (10)

Erdacht hat sich diesen Logogriph der Schriftsteller Ignaz Franz Castelli (* 6.3.1781, Wien; † 5.2.1862, Wien), der – neben zahlreichen Theaterstücken – auch etliche Rätselsammlungen herausbrachte. Aus dem 1839 erschienenen Band 2 der von Castelli (unter dem Pseudonym „Sperling, Edler von Spatz“) zusammengestellten Buchreihe „Freut euch des Lebens“ stammen der obige Logogriph und auch der folgende:

Zwei Wörtlein sind’s, die auf ein Haar, / Im Klangʼ einander gleichen. / Es unterscheidet sie fürwahr / Nichts, als das Anfangszeichen. / Allein in ihrer Deutung sind / Es zwei verschiedʼne Sachen; / Das eine macht vor Zorn uns blind / Das andʼre stärkt die Schwachen. / Nur diese suche für dein Herz / Als Weiser zu bewahren, / Mit ihm erträgst du leicht den Schmerz, / Und trotzest den Gefahren. (11)

Ignaz Franz Castelli war durchaus nicht der einzige Schriftsteller, der Rätsel erfand. Vor allem im 19. Jahrhundert war das Rätsel eine populäre literarische Form. So etwa lösten bei der Premiere von Friedrich Schillers „Turandot. Prinzessin von China“ am 30. Jänner 1802 im Weimarer Hoftheater (in der Regie von Johann Wolfgang von Goethe) vor allem die drei Rätselfragen, die im Stück vorkommen, beim Publikum große Begeisterung aus. Das führte dazu, so vermerkte Goethe in seinem Aufsatz „Weimarisches Hoftheater“, „dass unser Publikum sich beschäftigt, selbst Rätsel auszudenken, und wir werden wahrscheinlich bei jeder Vorstellung künftig im Fall sein, die Prinzessin mit neuen Aufgaben gerüstet erscheinen zu lassen.“ Für die folgenden Vorstellungen der „Turandot“ schrieb Schiller eine Reihe von neuen Rätseln – und auch Goethe steuerte eines bei:

„Ein Bruder ist’s von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied zu vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich,
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschoben Kind,
Die andern lassen ihn nur gelten,
Da wo sie unvermögend sind.“ (12)

Auch der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher (* 21.11.1768, Breslau/ Wrocław; † 12.2.1834, Berlin) widmete sich dem Erfinden von Rätseln. Die Sammlung „Schleiermacher’s Räthsel und Charaden“ wurde mehrfach neu aufgelegt. Ein Exemplar davon findet sich auch im digitalen Lesesaal der Nationalbibliothek. Fünf Beispiele daraus hier zum Abschluss dieses „Rätselparcours“:

Das Erste glühtʼ die Sonne, so ward es mild und zart, / Das Zweite glühtʼ im Feuer und wurde spröd und hart; / Das Ganze fasst, was neue Glut / Ergießt in Euer Blut. (13)

Was in dem ersten Paar du hattest, erhascht sich das Ganze; / Merkst du es rechtzeitig, du wirst „haltet die letzte mir“ schrein. (14)

Wer wie die Erste steht, ist zu beneiden, / Der Zweiten Ruhm begehren wohl fast alle; / Hat wer das Ganze, hofft man, dass er falle, / Und bis dahin sucht jeder ihn zu meiden. (15)

In das Herz des größten Weltbezwingers / Setze Du hinein, / Und es wird der größte Leidensüberwinder / Bezeichnet sein. (16)

Nimm mir ein Nu, so bleibʼ ich ein Nu. (17)

Lösungen:
1) Der Spiegel / 2) Kaffee / 3) Das Echo / 4) Der Buchstabe R / 5) Schlüssel / 6) Die Einnahmen / 7) Himmelblau / 8) Pudelnärrisch / 9) Baumschule / 10) Bund, Mund, Hund, rund, Sund, und / 11) Wut, Mut / 12) Der Schalttag / 13) Weinglas / 14) Taschendieb / 15) Hochmut / 16) Geld – Geduld / 17) Monument

Die erwähnten Rätselsammlungen – und noch zahlreiche andere – finden sich im digitalen Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek.