„GRANDIOS MARIA ORSKA“

Maria Orska. Foto: Wilhelm Willinger, Berlin. ©KHM-MuseumsverbandMaria Orska. Foto: Wilhelm Willinger, Berlin. ©KHM-Museumsverband

„Auf europäischen Bühnen ist sie ein herrlich neuer Klang“ – schwärmte der Kritiker Alfred Kerr über „Die Orska“, in deren Spiel er „ein Kaleidoskop an Schönheiten“ fand. Und wenn er von einem „Genie der Gebärde, des gestuften Tons“ sprach und begeistert feststellte: „Das ist hohe Kunst“, so erhielt er dafür wohl vielfache Zustimmung.[1] Denn Maria Orska war in den späten 1910er und in den 1920er Jahren einer der großen Stars des deutschsprachigen Theaters. Bejubelt wurde sie vor allem für ihr vielschichtiges Spiel in Dramen von Frank Wedekind und August Strindberg, erfolgreich war sie aber auch in heiteren Stücken, wie etwa von Hermann Bahr, Franz Molnar und Louis Verneuil. Orska, die auch in einer Reihe von Filmen mitwirkte, hatte das Image einer Femme fatale, die es verstehe „die Dämonie der Verruchtheit glaubhaft darzustellen, ohne die künstlerische Linie zu verlieren.“[2] Aufsehen erregten „nicht nur ihr außergewöhnliches Talent und die geradezu visionär auf sie zugeschnittenen Rollen, sondern auch ihre extrovertierte Persönlichkeit und temperamentvoll sprühende Lebensart, ihre Turbulenzen und Affären“[3], schreibt die Historikerin Ursula Overhage, in ihrer  Orska-Biografie „Sie spielte wie im Rausch“.

Maria Orska war der Künstlername der Schauspielerin, die 1893 als Rahel Blindermann im damals russischen Nikolajew (heute: Mykolajiw / Ukraine) geboren wurde. Die Familie, die dem jüdischen Großbürgertum der nordöstlich von Odessa gelegenen Stadt angehörte, hatte enge verwandtschaftliche Beziehungen nach Deutschland. Entscheidend für den Karrierestart von Maria Orska wurde ihr Onkel Eugen Frankfurter (1861–1922). Er, der Bruder ihrer Mutter, war einer der bedeutendsten Musik- und Theateragenten jener Zeit, der Gesangs- und Schauspielstars wie Maria Jeritza, Josef Kainz, Werner Krauss, Lotte Lehmann, Alexander Moissi und Adele Sandrock vertrat und die Auftritte von Enrico Caruso in Deutschland managte. Über seine Vermittlung wurde Maria Orska 1909 als Schauspielschülerin an der Wiener „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ aufgenommen. Ihr Lehrer war der am Burgtheater engagierte Schauspieler Ferdinand Gregori, und als dieser 1910 die Intendanz des Nationaltheaters in Mannheim übernahm, folgte ihm Maria Orska dorthin (ebenso wie ihr Wiener Mitschüler und Freund Fritz Kortner).

Maria Orska. Foto: Atelier Willinger, Wien. ©KHM-Museumsverband

Maria Orska. Foto: Atelier Willinger, Wien. ©KHM-Museumsverband

In Mannheim hatte Daisy Orska, wie sich die Schauspielerin damals noch nannte (zur „Maria“ wurde sie erst 1914, als mit Kriegsausbruch englische Namen verpönt waren), als Grillparzers „Jüdin von Toledo“ und Strindbergs „Königin Christine“ ihre ersten großen Auftritte, für die sie vom Publikum viel Applaus und von der Kritik viel Lob bekam. Schon bald folgte der nächste Karriereschritt in Form eines Engagements an das „Deutsche Schauspielhaus“ in Hamburg. Das Debüt im September 1911 als „Salome“ in Oscar Wildes gleichnamigem Drama wurde zur vielbeachteten Sensation: „Behandlung der Dialoge und Spiel, aufreizende Gestikulation und orientalisch bildhafte Posen entsprachen der Erscheinung und schufen ein vollendetes Bild einer dekadenten Frauengestalt, in der der Ruhm und die Bedeutung Wildes beschlossen liegt“, schrieb der Kritiker des „Hamburgischen Correspondenten“ in seinem Premierenbericht. Darin meinte er auch: „Dass Fräulein Orska das Deutsch nicht rein, sondern in leichter östlicher Dialekt-Färbung sprach, paßte zu der Erscheinung und gab ihrer Salome noch einen Schuß von Pikanterie mehr“.[4] Orskas Sprechweise wurde übrigens immer wieder in Rezensionen erwähnt und häufig als russischer Akzent bezeichnet.

Foto aus der Zeitschrift „Der Querschnitt“, X. Jahrgang, Heft 6, Ende Juni 1930 (nach Seite 411)

Foto aus der Zeitschrift „Der Querschnitt“, X. Jahrgang, Heft 6, Ende Juni 1930 (nach Seite 411)

Im Frühjahr 1914 übersiedelte Orska von Hamburg nach Berlin und wurde Ensemblemitglied des renommierten „Theaters in der Königgrätzer Straße“[5]. Die von Carl Meinhard und Rudolf Bernauer geleitete Bühne blieb bis 1923 ihr Stammhaus, an dem sie zahlreiche Erfolge feiern konnte. Zu einem legendären Höhepunkt in ihrer Karriere wurde jene Rolle, die sie im November in der Regie von Bernauer spielte: Es war jene der verführerischen „Lulu“ in Frank Wedekinds Tragödie „Der Erdgeist“. „Die nachtwandlerisch sichere Art, mit der diese Lulu, scheinbar zurückhaltend, durch einen Augenaufschlag oder eine kurze Gebärde sich als Virtuosin der Verführung betätigte, war von ganz ungewöhnlicher Art und feierte […] einen Triumph schauspielerischen Könnens“[6], hieß es dazu in der „Vossischen Zeitung“. Und Alfred Kerr resümierte: „Lulu war das Höchste des Abends. Nicht nur ein Genie der Technik stand vor den Blicken wie auf der deutschen Bühne keines zuvor – sondern in tieferem Sinn ein zaubervoller Gipfel bewußter Kunst.“[7] Die männliche Hauptrolle, den der Lulu verfallenen Dr. Schön, spielte an diesem vielbejubelten Abend Ludwig Hartau. Für eine Reihe von Vorstellungen im März 1917 übernahm dann Frank Wedekind selbst diesen Part an der Seite von Maria Orska, die in der Rolle der „Lulu“ noch oftmals – in Berlin, in Wien und an weiteren Bühnen – zu sehen war.

Neue Kino-Rundschau, 10.3.1917, S.

Neue Kino-Rundschau, 10.3.1917, S. 40

Ab 1915 wirkte Maria Orska auch in einer Reihe von Stummfilmen mit. Regie führte bei fast allen dieser Produktionen Max Mack, der einer der bedeutendsten deutschen Filmpioniere war. Er machte Orska zum Star einer ganzen, sehr erfolgreichen Filmserie.

Von den vermutlich insgesamt elf Filmen[8] mit Maria Orska ist nur einer nachweisbar erhalten geblieben. Es ist das 1918 herausgekommene „Charakterdrama von ganz verblüffender Wucht“[9] „Die schwarze Loo“.

Eine Kopie des Films befindet sich in der Sammlung der Deutschen Kinemathek und kann über den European Film Gateway angesehen werden. Link zum Film.

Maria Orska, Foto: Atelier Willinger, Wien. ©KHM-Museumsverband

Maria Orska, Foto: Atelier Willinger, Wien. ©KHM-Museumsverband

Ab 1924 war Maria Orska hauptsächlich in Wien tätig. Aus einem erhofften Engagement, für das sie sich überstürzt und ohne Rücksicht auf ihre Verpflichtungen gegenüber dem „Theater in der Königgrätzer Straße“ nach Paris begeben hatte, war nichts geworden. Damit war für sie, so formuliert es ihre Biografin Ursula Overhage, „der Vorhang in Berlin gefallen“, und als Rudolf Bernauer die Theatersaison 1923/24 plante, schien zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt der Name Maria Orska nicht in den Besetzungslisten auf.[10] In Wien war sie – hauptsächlich in den Kammerspielen – unter anderem in ihren Wedekind- und Strindberg-Paraderollen zu sehen und spielte auch in zahlreichen Komödien. Außerdem absolvierte sie einige Gastspiele – unter anderem sehr erfolgreich in Prag und Budapest –, und sie trat auch wieder in Berlin auf. „Grandios Maria Orska“[11], jubelte das „Wiener Salonblatt“ nach einer Aufführung von Strindbergs Trauerspiel „Der Vater“ im November 1924 in den Wiener „Kammerspielen“. Und als im Dezember jenes Jahres im Berliner „Komödienhaus“ Verneuils „Die Kusine aus Warschau“ zu sehen war, leitete die „Berliner Börsen-Zeitung“ ihren Bericht mit der Feststellung ein: „Der Abend gehört der Orska“[12].

Maria Orska auf dem Titelblatt der Wiener Zeitschrift „Die Bühne“, 23.4.1925

Maria Orska auf dem Titelblatt der Wiener Zeitschrift „Die Bühne“, 23.4.1925

Mehr und mehr allerdings machten die Medien nicht Maria Orskas schauspielerische Leistungen, sondern auch ihr Privatleben zum Thema. Da war ihr luxuriöser Lebensstil als „Prototyp einer mondainen Frau“[13], da war ihre 1920 geschlossene Ehe mit dem Berliner Bankierssohn und Dandy Hans von Bleichröder, die 1925 nach etlichen Turbulenzen und Skandalen wieder geschieden wurde, da war ihre Beziehung zum Wiener Industriellen Julius Koritschoner, der sich, durch riskante Spekulationen bankrott, das Leben nahm – und da war vor allem Maria Orskas Drogensucht. Ihre zunehmende Abhängigkeit von Morphium und Kokain und die dadurch bedingten Klinikaufenthalte wurden in beklemmender Schonungslosigkeit medial dokumentiert und kommentiert. Nach einer im Herbst 1929 gegen ärztlichen Rat abgebrochenen Entziehungskur verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand bald in dramatischer Weise. Am 16. Mai 1930 starb Maria Orska, 37-jährig, infolge einer Überdosis des Schlafmittels Veronal im Wiener Allgemeinen Krankenhaus.

Maria Orska. Zeichnung von Grete Seipt-Kamare (In: „Moderne Welt“, 1930, Heft 19, S. 3.)

Maria Orska. Zeichnung von Grete Seipt-Kamare (In: „Moderne Welt“, 1930, Heft 19, S. 3.)

„Die Menge der stichwortartigen Kurzbiografien von Maria Orska in Kompendien und Lexika ist kaum überschaubar“, schreibt Ursula Overhage. Allerdings „ist das wohl Auffälligste an diesen Abrissen, dass sich unter ihnen kaum zwei finden lassen, die in den Angaben übereinstimmen. Die Schwierigkeit der Autoren, zu einer einheitlichen Darstellung zu kommen, ergibt sich zum einen aus der komplizierten und fragmentarischen Quellenlage. Zum anderen liebte es Maria Orska, aus ihrer Herkunft und den frühen Jahren ein Geheimnis zu machen […]. So entstand ein schillerndes Mosaik ihres Lebens, in dem sich Dichtung und Wahrheit auf oft unterhaltsame Weise mischten und die Wirklichkeit nicht immer leicht herauszufiltern war.“[14]

Mit ihrer Orska-Biografie hat sich Ursula Overhage der Aufgabe des Herausfilterns der Wirklichkeit in vielfacher Weise gestellt. Sie hat genau recherchiert, was sie in einer Fülle von Anmerkungen auch exakt dokumentiert. Dabei setzt sie die Lebensgeschichte der Schauspielerin in einen größeren Zusammenhang, weiß viel zur Kultur- und Theatergeschichte jener Zeit zu erzählen und schafft so ein überaus facettenreiches Bild. Dass sich allerdings im Buch neben den faktenbasierten Darstellungen immer wieder auch Passagen biografischer Fiktion finden (wenn es darum geht, was Orska und auch andere in einzelnen Situationen sagten oder dachten), relativiert die erstrebte historische Zuverlässigkeit. Aber biografische Romane boomen ja bekanntlich seit einiger Zeit – und so hat Ursula Overhage mit ihrem Anliegen, an die einst so berühmte Schauspielerin zu erinnern, damit vermutlich eine geeignete Form gewählt. Lässt man sich darauf ein, dann erweist sich diese Biografie als sehr spannend und lesenswert – und wäre auf jeden Fall eine geeignete Basis für einen Film, für ein Biopic.

BuchcoverUrsula Overhage: ‚Sie spielte wie im Rausch‘. Die Schauspielerin Maria Orska. Henschel Verlag, Leipzig 2021.

[1] Kerr, Alfred: Die Orska. In: Das Mimenreich (= Gesammelte Schriften, Reihe 1, Band 5), Berlin 1917, S. 454ff.
[2] Das interessante Blatt, 28.2.1924, S. 8.
[3] Overhage, Ursula: „‚Sie spielte wie im Rausch‘. Die Schauspielerin Maria Orska“. S. 7f.
[4] Hamburgischer Correspondent, 17.11.1911, S. 3.
[5] Das 1908 eröffnete Haus hieß zunächst „Hebbel-Theater“ und wurde 1911 in „Theater in der Königgrätzer Straße“ umbenannt. 1945 erfolgte die Rückbenennung in „Hebbel-Theater“.
[6] Vossische Zeitung, 5.11.1916, S. 3.
[7] Kerr: Die Orska.
[8] Overhage: Sie spielte wie im Rausch. S. 271.
[9] Grazer Mittags-Zeitung, 15.11.1918, S. 2.
[10] Overhage: Sie spielte wie im Rausch. S. 195.
[11] Wiener Salonblatt, 16.11.1924, S. 6.
[12] Berliner Börsen-Zeitung, 9.12.1924, S. 3.
[13] Die Bühne, 5.3.1925, S. 23.
[14] Overhage: Sie spielte wie im Rausch. S. 243.