DAS BUCH DER WUNDERKAMMERN

Ausschnitt aus dem Buchcover mit einem Detail aus der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in Halle: Die Bekrönung eines zweiflügeligen Schranks, der Land- und Meerespflanzen gewidmet ist, ziert eine Blumengirlande mit einem Gesicht darüber, das nach der Manier Giuseppe Arcimboldos aus verschiedenen Pflanzenteilen zusammengesetzt ist. © Massimo ListriAusschnitt aus dem Cover des „Buches der Wunderkammern“ mit einem Detail aus der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in Halle: Die Bekrönung eines zweiflügeligen Schranks, der Land- und Meerespflanzen gewidmet ist, ziert eine Blumengirlande mit einem Gesicht darüber, das nach der Manier Giuseppe Arcimboldos aus verschiedenen Pflanzenteilen zusammengesetzt ist. © Massimo Listri

Archäologische Fundstücke, seltene Metalle, Edelsteine, Goldschmiedearbeiten, Bücher, wissenschaftliche Geräte, Gemälde, Skulpturen und noch viel mehr an Kuriosem und Skurrilem ist in jenen Sammlungen zu finden, denen sich der Fotograf Massimo Listri und der Kunsthistoriker Antonio Paolucci in ihrem „Buch der Wunderkammern“ widmen.

„Die Welt als Sammlung“ heißt der einleitende Aufsatz und Antonio Paolucci erläutert da zuerst einmal den Begriff der Wunderkammer. Er ist Spezialist für die italienische Renaissancekunst und nimmt den italienischen Philosophen, Theologen und Utopisten Tommaso Campanella (1568–1639) zu Hilfe, der in entsprechend überbordender Manier schon im Jahr 1602 ein imaginäres Museum – in Gestalt eines ringförmigen Tempels, in dem alle Wissenschaften und Künste anschaulich dargestellt werden sollten – entworfen hatte.

Aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien (von links nach rechts): Hans Heinrich II. Rollenbutz, Satyr als Buttenmännchen, Zürich, 1. Hälfte 17. Jh. Buchsbaumholz, Silber, teilweise vergoldet / Werkstatt der Saracchi, Prunkgefäß, sogenannter Vogeldrache, Mailand, um 1575–1580. Bergkristall, Gold, Email, Smaragde, Granate, Kameen / Clement Kicklinger, Deckelpokal mit Straußenei, Augsburg, um 1570–1575. Straußenei, Koralle, Silber, teilvergoldet und bemalt / Werkstatt der Saracchi, Prunkgefäß in Gestalt eines Drachen, Mailand, um 1590. Chalcedon, Gold, Email, Perlen, Rubine / Johann Elias Geibinger, Nautiluspokal, Wien, 1691. Nautilusgehäuse, Rhinozeroshorn, Holz, Silber, vergoldet, teils bemalt. © Massimo Listri

Aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien (von links nach rechts): Hans Heinrich II. Rollenbutz, Satyr als Buttenmännchen, Zürich, 1. Hälfte 17. Jh. Buchsbaumholz, Silber, teilweise vergoldet / Werkstatt der Saracchi, Prunkgefäß, sogenannter Vogeldrache, Mailand, um 1575–1580. Bergkristall, Gold, Email, Smaragde, Granate, Kameen / Clement Kicklinger, Deckelpokal mit Straußenei, Augsburg, um 1570–1575. Straußenei, Koralle, Silber, teilvergoldet und bemalt / Werkstatt der Saracchi, Prunkgefäß in Gestalt eines Drachen, Mailand, um 1590. Chalcedon, Gold, Email, Perlen, Rubine / Johann Elias Geibinger, Nautiluspokal, Wien, 1691. Nautilusgehäuse, Rhinozeroshorn, Holz, Silber, vergoldet, teils bemalt. © Massimo Listri

Die Uffizien in Florenz seien ursprünglich auch eine Kunstkammer gewesen, so Paolucci, mit Caravaggios Medusenhaupt als Mittelpunkt. Die Idee griffen die Adeligen der Zeit auf und richteten sich Studierzimmer mit Kostbarkeiten und Raritäten ein. In diesen ersten Kunst- und Wunderkammern steckte ein umfassender enzyklopädischer Anspruch, der so die Geburt der modernen Museumsidee darstellte. Paolucci verschweigt nicht das gleichzeitig ebenso faszinierende wie unheimliche Ausarten dieser wahnhaften Sammelwut, stellt aber fest, dass dieser albtraumhafte Wahn immer streng geordnet blieb. Was war der Sinn hinter all dem? „Neugier sollte geweckt, Erstaunen ausgelöst und vorgefasste Ansichten und Überzeugungen hinterfragt werden.“

Sogenannte Coburger Elfenbeinarbeiten, Deutschland, 1618–1631. Florenz, Palazzo Pitti, Tesoro dei Granduchi. © Massimo Listri

Sogenannte Coburger Elfenbeinarbeiten, Deutschland, 1618–1631. Florenz, Palazzo Pitti, Tesoro dei Granduchi. © Massimo Listri

Der fast unlösbaren Aufgabe, die überbordende Vielfalt, die in den Bildern dieses Buches zu finden ist, zuerst einmal festzuhalten und dabei auch zu ordnen, hat sich der Fotograf Massimo Listri unterzogen. Er vermag es, weitläufige Gemächer genauso abzubilden wie winzige Details. Es bedürfte einer barocken Beschreibungs- und Wortlust, um all das aufzuzählen, was in diesem Buch zu sehen ist: Bildnisse von zwergen- und riesenhaften Figuren, Lapislazuli-Objekte, Porzellan- und Glassammlungen, Kunstschränke mit unzähligen Schubladen, Geheimfächern und Schiebetüren und, und, und…

Am Ende seiner Ausführungen stellt Paolucci die Frage, ob denn dieses Prinzip der Kunst- und Wunderkammer heute noch eine Rolle spiele. Überraschenderweise beantwortet er sie mit Ja und nennt einige Sammlungen und Wunderkammern unserer Tage sowohl in Italien als auch in Frankreich, weiß aber, dass es „angesichts der beständigen Verlockungen eines unübersichtlichen Marktes und aggressiver Werbung für den privaten Sammler fast unmöglich ist, mit Muße und Gelassenheit nach jenen Dingen zu suchen, die man ins Herz schließt und an deren Besitz man sich erfreuen kann.“

Detailansicht des naturwissenschaftlichen Kabinetts Clement Lafailles in La Rochelle. © Massimo Listri

Detailansicht des naturwissenschaftlichen Kabinetts Clement Lafailles in La Rochelle. © Massimo Listri

Den BetrachterInnen dieses Buches steht eine „Entdeckungsreise durch die großen Sammlungen der westlichen Welt“ bevor, die mit dem Grünen Gewölbe in Dresden beginnt. Hier fasziniert der Fotograf vorerst einmal mit den Abbildungen der Räumlichkeiten, lässt diese in einer Art und Weise wirken, wie man sie bei einem tatsächlichen Besuch wohl kaum genießen kann. In Schloss Friedenstein im deutschen Gotha fallen adelige Wachsporträts auf, die zum Teil noch die Originalkleidung aus dem Jahr 1700 tragen. In der Kunst- und Naturaliensammlung in Halle steht man vor einer Unzahl von Schränken, in denen Pflanzen, Muscheln und Tiere geordnet sind. Österreich ist mit der Kunst- und Wunderkammer auf Schloss Ambras vertreten, selbstverständlich der Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum und dem Mineralienkabinett in Stift Seitenstetten.

Mitgearbeitet am Buch hat auch Giulia Carciotto: Sie unterrichtet zurzeit an sizilianischen Kunstakademien und ist für den Katalog zuständig. Das heißt, dass sie bei jeder BuchcoverStation einleitend auf besonders sehenswerte Gegenstände hinweist und all das, was die jeweiligen Abbildungen zeigen, genau beschreibt (und so wie alle Texte in diesem Buch sind auch diese Beschreibungen in englischer, deutscher und französischer Sprache nachzulesen). So macht sie zum Beispiel im dänischen Schloss Rosenborg auf das „Oldenburger Wunderhorn“ – ein reich verziertes mittelalterliches Trinkhorn aus vergoldetem Silber – aufmerksam und im schwedischen Uppsala auf den „Augsburgska konstskåpet“, den „Augsburger Kunstschrank“.

Je fünf Wunderkammern mit ihren ganz besonderen Schätzen sind in Italien und Frankreich zu finden, und da bekommt man auch Einblick in die vorhin angesprochenen modernen Wunderkammern, zum Beispiel die des Alessandro Orsi in Azzate di Varese oder die Elfenbeinsammlung in der Pariser Galerie Kugel. Das Londoner Malplaquet House mit seinen grotesken Kombinationen aus Vogelgerippen, Büsten und Ahnenporträts beschließt diesen überbordenden Rundgang durch die auch für uns Menschen des 21. Jahrhunderts unwahrscheinliche und nahezu unvorstellbare Welt der Wunderkammern.

Massimo Listri – Giulia Carciotto – Antonio Paolucci: Cabinet of Curiosities. Das Buch der Wunderkammern Taschen Verlag, Köln 2020.