WIEDERENTDECKT: DIE MALERIN ANITA RÉE

Anita Rée, Selbstbildnis, 1930, Ausschnitt (Alle Abbildungen: Wikimedia Commons). Anita Rée, Selbstbildnis, 1930, Ausschnitt (Alle Abbildungen: Wikimedia Commons). 

Tiefe Melancholie spricht aus diesem 1930 entstandenen Selbstporträt von Anita Rée. Sie wirkt traurig, enttäuscht, hoffnungslos – und doch war sie, als das Bild entstand, am Höhepunkt ihrer Karriere. Die Malerin fand mit ihren von der zeitgenössischen Avantgarde geprägten Werken nicht nur in Deutschland viel Beachtung und Anerkennung, sondern sie war auch international erfolgreich. Das Selbstporträt – das kurz nach Fertigstellung in einer Ausstellung in Stockholm gezeigt und danach von der Hamburger Kunsthalle angekauft wurde – wird dennoch oft als Vorahnung der kommenden Tragödie interpretiert. Denn private Enttäuschungen und jene antisemitischen Anfeindungen, denen die väterlicherseits aus einer jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie stammende Anita Rée zunehmend ausgesetzt war, führten dazu, dass sich die hochsensible Künstlerin 1933 das Leben nahm. Ihr Œuvre, von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, geriet in der Folge in Vergessenheit und wurde erst in letzter Zeit wiederentdeckt.

Anita Rée, Teresina, um 1925

Anita Rée, Teresina, um 1925

Die Hamburger Kunsthalle, in deren Obhut sich mit mehr als 30 Gemälden und etlichen Grafiken die größte Anita Rée-Sammlung befindet, präsentierte 2017/2018 in einer Retrospektive das facettenreiche Werk der Künstlerin, das „von impressionistischer Freilichtmalerei über kubistisch-mediterrane Landschaftsbilder bis hin zum neusachlichen Porträt“ reicht (Begleittext zur Ausstellung). Auch der Kunsthandel zeigt steigendes Interesse an Bildern von Anita Rée. So etwa erzielte bei einer Kunstauktion im Dezember 2019 das Gemälde „Blaue Frau“ den Rekordpreis von 875.000.- Euro. Und mit dem biografischen Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée“ erinnert nun die deutsche Autorin Karen Grol an die 1885 in Hamburg geborene Malerin.

Anita Rée, Haus auf Fels, 1921

Anita Rée, Haus auf Fels, 1921

Die Familie Rée gehörte der wohlhabenden Oberschicht an, was Anita Rée den Besuch der Hamburger Malschule des Impressionisten Arthur Siebelist und einen Studienaufenthalt in Paris ermöglichte. Zum Bekannten- und Freundeskreis der gut in der Gesellschaft der Hansestadt vernetzten Künstlerin gehörten unter anderen die Kunsthistoriker Aby Warburg und Carl Einstein, der Schriftsteller Richard Dehmel, die Maler Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken (mit dem sie eine schwierige und enttäuschende Liebesbeziehung verband), sowie Gustav Pauli, der als Direktor der Hamburger Kunsthalle ein wichtiger Förderer von Anita Rée war.

Nur geringes Verständnis für ihre künstlerischen Ambitionen fand Anita Rée allerdings bei ihrer Familie. Als Freizeitbeschäftigung für eine „höhere Tochter“ war die Malerei zwar durchaus akzeptiert, aber vor allem die strenge, aus Venezuela stammende Mutter zeigte nur wenig Verständnis, als Anita Rée daran ging, daraus einen Beruf zu machen.

Anita Rée, Bildnis des Literaturhistorikers Albert Malte Wagner, 1920. Repräsentative Porträts wie dieses waren ein wesentlicher Bereich des Schaffens von Anita Rée

Anita Rée, Bildnis des Literaturhistorikers Albert Malte Wagner, 1920. Repräsentative Porträts wie dieses waren ein wesentlicher Bereich des Schaffens von Anita Rée

Von 1922 bis 1925 lebte Anita Rée im süditalienischen Positano, damals noch „ein verarmtes Fischerdorf“, das – so schreibt Karen Grol in ihrem Roman – für die von Schwermut und Angstzuständen gequälte Künstlerin „auch eine Art Sanatorium“ war, ein „kluges und ruhiges Versteck, ein vergessener und ausgestorbener Flecken Italiens. Sich unauffällig unter die Positanesi mischen. Sich anstrengen, dazuzugehören.“

Der Aufenthalt an der Amalfiküste wurde zu einer sehr produktiven und erfolgreichen Phase im Schaffen von Anita Rée. Als nach ihrer Rückkehr nach Hamburg die „Galerie Commeter“ Rées italienische Bilder ausstellte, vermerkte die renommierte Zeitschrift „Kunstchronik und Kunstmarkt“: „Die Künstlerin rangiert mit ihren letzten Schöpfungen unter das Beste, was in Deutschland z. Z. an neuerer Malerei gemacht wird.[…] Der Aufenthalt in der einsamen, großgearteten italienischen Landschaft und Umgebung bringt in der Künstlerin einen neuen Stil zum Reifen. […] Die Bilder sind nicht mit dekorativen Mitteln ins Große stilisiert, sie sind groß empfunden.“ (Kunstchronik und Kunstmarkt, Jg. 59, Nr. 48/49).

Anita Rée, Weiße Bäume, Positano, 1925

Anita Rée, Weiße Bäume, Positano, 1925

1930 erhielt Anita Rée den Auftrag zur Gestaltung eines Altarbildes für die neuerbaute evangelische Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn. Doch die Kirchengemeinde wurde von nationalsozialistischer Seite unter Druck gesetzt, wehrte sich zunächst mit dem Hinweis darauf, dass Anita Rée protestantisch getauft sei, zog jedoch dann den Auftrag zurück. „Trotzdem beschloss Anita, noch einmal um die Kirche zu laufen, ein letztes Mal nach dem Pastor zu suchen. Dann sah sie es. In der südlichen Fassade prangte ein kleines, aber deutlich zu erkennendes, aus hellrotem Ziegel gemauertes Hakenkreuz.“ So beschreibt Karen Grol jene Situation, die mitentscheidend war, dass Anita Rée Hamburg 1932 verließ und nach Sylt übersiedelte. Dort lebte sie in beengten finanziellen Verhältnissen und vor allem in ständiger Angst. „Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren“, vermerkte sie kurz vor ihrem Tod.

Anita Rée, Dünenlandschaft, 1932

Anita Rée, Dünenlandschaft, 1932

Es ist Wilhelm Werner zu verdanken, dass etliche Arbeiten von Anita Rée – darunter auch das Selbstbildnis aus 1930 und das Porträt des Zitronenmädchens Teresina aus Positano – in den Beständen der Hamburger Kunsthalle erhalten geblieben sind. Werner, der als Hausmeister in der Kunsthalle angestellt war, versteckte sie 1937 in seiner Dienstwohnung vor der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten, um sie dann 1945 stillschweigend wieder ins Depot zurückzustellen.

Karen Grol stellt diese „Rettungsaktion“ – als deren Urheber Werner erst nach seinem Tod erkannt wurde – als Rahmen um ihre im Wesentlichen chronologisch erzählte Biografie von Anita Rée. Insgesamt hält sich Grol eng an die belegbaren Fakten und stellt die Lebensgeschichte in einen detailreichen zeitgeschichtlichen, kultur- und sozialhistorischen Zusammenhang (wozu sie im Anhang auch eine umfangreiche Literaturliste und ein gut erläutertes Personenverzeichnis liefert). Diese Fülle mag den Text an einzelnen Stellen etwas langatmig machen, ergibt aber insgesamt ein vielschichtiges, interessantes Bild. Die fiktiven Elemente sind vor allem da zu finden, wo es um die Gedanken und Gefühle der Künstlerin geht.

In ihrem Nachwort vermerkt Karen Grol: „So gut Leben und Werk eines Menschen auch erforscht sein mögen, stets bleiben Fragen unbeantwortet. Einige Umstände und Hintergründe sollten womöglich nicht ans Licht kommen, andere bleiben unbekannt, weil sie nicht ausreichend dokumentiert wurden, Belege verschwunden sind oder niemand geahnt hat, was heute interessieren könnte. Im Leben von Anita Rée werfen insbesondere Liebesbeziehungen zu Männern wie Frauen Fragen auf. Ein ums andere Mal liefern Korrespondenzen oder ein Bild aus Rées beeindruckendem Werk lediglich vage Hinweise. Wie könnte es also gewesen sein, das Leben der ungewöhnlichen Hamburger Künstlerin?“ Karen Grols lesenswertes Buch gibt dazu eine Reihe von möglichen Antworten – und vor allem ist dieser biografische Roman eine gute Anregung, sich mit dem beeindruckenden Werk der als Malerin allzu lange vergessenen Anita Rée zu beschäftigen.

Karen Grol, Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée. Verlag ebersbach & simon, Berlin 2020.