SUSAN SONTAG – EIN STRAHLENDER MYTHOS

Ausschnitt aus dem Cover des Buches „Sontag. Die Biografie“ von Benjamin Moser.Ausschnitt aus dem Cover des Buches „Sontag. Die Biografie“ von Benjamin Moser. Foto: Richard Avedon, © The Richard Avedon Foundation.

Schon als Kind wollte die später als Essayistin, Publizistin, Schriftstellerin und Filmemacherin berühmt gewordene Susan Sontag vollkommen sein, und sie schaffte es, aus sich einen strahlenden Mythos zu machen. Wie ihr dies gelang, das ist zum großen Teil Thema der von Benjamin Moser verfassten Susan Sontag-Biografie. Der in den Niederlanden lebende Texaner erhielt für sein Buch den Pulitzer-Preis 2020 in der Kategorie Biografie. Die Auszeichnung gebührt ihm auf jeden Fall für die Intensität und den Umfang seiner Bemühungen. Mehr als 800 Seiten ist das Buch dick, und Moser hat umfassend recherchiert: Allein die Personen, bei denen er sich für ihre Mithilfe bedankt, umfasst je zwei Spalten auf fünf Seiten. Darunter ist auch die berühmte Fotografin Annie Leibovitz zu finden, mit der Sontag von 1988 bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 zusammengelebt hat. Für sein Buch hat Moser selbstverständlich auch die sehr umfangreichen autobiografischen Schriften Sontags verwendet und dabei zum Teil auch Unveröffentlichtes.

Was in letzter Zeit zum Thema Biografie häufig festgestellt werden muss, trifft auch auf diese Biografie zu: Es ist kein Buch für eine konservative Leserschaft, die von einem derartigen Werk erwartet, chronologisch über einen Lebenslauf von der Geburt bis zum Tod informiert zu werden, um dann auch noch einiges über die Werke und deren Nachwirkung zu erfahren. Sollte man das wollen, ist man bei etwa bei Wikipedia besser aufgehoben. Denn heutzutage werden Lebensläufe sehr oft dazu verwendet, als Grundlage für einen Roman zu dienen, in dem dann willkürlich das eine oder andere dazu erfunden wird. Oder aber die Biografie artet zu einer Hagiografie aus, in der die anbetende Begeisterung keine Grenzen kennt. Nun, Moser hat keinen Roman geschrieben. Aber ist er nicht gänzlich frei von unkritischer Bewunderung für Sontag. Er meint, dass sie „Amerikas letzter großer Literaturstar“ war, ihr „Sexualleben etwas Olympisches“ gehabt hätte und dass es nur wenigen gelang, „so radikal individuell zu sein wie sie.“ Er weiß viel über sie zu erzählen, schweift auch sehr oft ab. Da könnte schon der Vorwurf aufkommen, dass er da vor allem auch auf die eigene Intellektualität hinweisen wolle, zum Beispiel, wenn er darüber schreibt, dass Sontag 1959 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann, dem Soziologen Philip Rieff, der auch der Vater ihres Sohnes David ist, den Band „Freud: The Mind of the Moralist“ veröffentlichte. Da zeigt Moser her, was er alles über Freud weiß und zu sagen hat.

Moser beginnt sein Buch mit Verweis auf zwei Filme aus der Jugend von Sontags Eltern und endet mit der ausführlichen Beschreibung ihres Todeskampfes. Dazwischen wird dieses ganze Leben abgehandelt, das Verhältnis zu ihrer Mutter, natürlich ihre Bisexualität, ihre politische Einstellung, ihre literarische Arbeit und bei all dem einfach ihre Kunst, aus sich eine Ikone zu machen. So reiste sie in den 1990er Jahren in das belagerte Sarajewo, um dort Beckets „Warten auf Godot“ zu inszenieren. Und so wurde sie Vorbild für Generationen von künstlerischen und intellektuellen Frauen, „überzeugender als alles bisher Gekannte.“ Ob man diese Meinung nun teilt oder nicht – auf jeden Fall nimmt man in diesem Buch am Leben einer faszinierenden Persönlichkeit teil.

Eine Ergänzung zur Biografie bildet ein im Hanser Verlag erschienener Band mit Erzählungen von Susan Sontag, betitelt „Wie wir jetzt leben“. Das literarische Schreiben sei Sontag wichtiger gewesen als das essayistische, erklärt die deutsche Publizistin und Filmemacherin Verena Lueken in ihrem Nachwort zu den Erzählungen, „in denen sie sich fast verspielt an die Arbeit macht, bevor sie in den Essays ihre ganze Ernsthaftigkeit zum Zuge kommen lässt.“

Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Penguin Verlag, München 2020.
Susan Sontag: Wie wir jetzt leben. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser Verlag, München 2020.