MIT JOSEPH ROTH IM „HEANZENLAND“

„An der Grenze stehen sechs Gendarmen und ein Polizeispitzel. Einer der Gendarmen besieht den Pass, ein zweiter tastete mich ab und fragte: ‚Haben Sie keine Ware?‘ Wie naiv! Ich bin doch neugierig, ob ihm ein Schmuggler schon je gestanden hat, dass er Ware mithabe. Nichtsdestoweniger sage ich vorschriftsmäßig: ‚Nein!‘, worauf ich passiere. Zwanzig Schritte weiter versucht ein analphabetischer Rotgardist einen Pass zu buchstabieren. Das dauert lange. Ausgerechnet an meinem Pass will der Gute deutsch lesen lernen. Ich muss ihm zwei Zigaretten geben, worauf er jeden Versuch, zu studieren, auf- und mir den Pass zurückgibt.“

So erlebte Joseph Roth im Sommer 1919 das Passieren der Grenze von Österreich zu Ungarn. Der Schriftsteller war auf Recherche für eine Reportage, die dann, in drei Teilen, zwischen 7. und 9. August 1919 in der Wiener Zeitung „Der neue Tag“ veröffentlicht wurde.

„Der neue Tag“ war eine linksliberale Tageszeitung, die ab dem 23. März 1919 erschien. Gründer und Herausgeber war der renommierte sozialdemokratische Publizist Benno Karpeles, zu den Mitarbeitern des Blattes gehörten unter anderen die Schriftsteller Alfred Polgar, der als Feuilletonchef tätig war, Egon Erwin Kisch und Leo Perutz, der Komponist und Musikwissenschaftler Egon Wellesz und der Grafiker Carl Josef Pollak. Das engagierte Projekt hatte allerdings nur ein Jahr Bestand, die letzte Ausgabe erschien am 30. April 1920. Joseph Roth war einer der aktivsten Mitarbeiter und lieferte insgesamt rund 140 Berichte und Glossen für den „Neuen Tag“.

Der Titel von Roths Artikelserie aus dem August 1919 lautete „Reise durchs Heanzenland“. Die Route führte somit in jene Region südöstlich von Wien, die bis zum Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie ein Teil Ungarns gewesen war und um deren staatliche Zugehörigkeit es dann heftige Auseinandersetzungen gegeben hatte. 1921 sollte das gesamte Westungarn gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrags von Trianon von Ungarn an Österreich abgetreten werden, eine Volksabstimmung in Ödenburg – ungarisch Sopron – und acht umliegenden Gemeinden führte allerdings dazu, dass das Gebiet rund um Sopron bei Ungarn blieb. Das restliche Westungarn wurde unter dem Namen Burgenland zum jüngsten österreichischen Bundesland.

Beim ersten Teil seiner Reportage firmierte Joseph Roth lediglich als „Sonderberichterstatter“. Erst die beiden weiteren Teile waren namentlich gezeichnet.

Der Leserschaft des „Neuen Tages“ brauchte der Begriff „Heanzenland“ nicht näher erklärt werden. Man wusste, dass es sich bei den „Heanzen“ um die deutschsprachige Bevölkerung Westungarns handelte. Woher allerdings diese Bezeichnung stammt, dazu gab – und gibt es bis heute – einige Theorien, aber keine klare Antwort. So etwa wird das „Heanz“ vom Vornamen Heinrich bzw. Heinz hergeleitet und dies damit in Verbindung gebracht, dass die ersten deutschen Siedler zur Zeit von Kaiser Heinrich IV., also ab Mitte des 11. Jahrhunderts, ins Land gekommen waren. Die häufigste etymologische Erklärung wiederum lautet, dass der Name auf den für die Region typischen Dialekt zurückgehe, und zwar darauf, dass man dort statt „jetzt“ meist „heanz“ oder „hienz“ sage. Insgesamt gab es in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert einiges Interesse am „Heanzenland“. Es erschienen Artikel zur Geschichte, den Traditionen und den sprachlichen Besonderheiten der Gegend, und einer 1863 veröffentlichten „ethnographischen Skizze“ war zu entnehmen, dass damals im Heanzenland rund 250.000 Deutsche, 30.000 Kroaten, 12.000 Juden und 4.000 Magyaren lebten.[1]

Der Anlass dafür, dass Joseph Roth im Sommer 1919 ins Heanzenland reiste, war die sich zuspitzende politische Entwicklung. Am 1. August 1919 war die kommunistische ungarische Räterepublik, die im März 1919 ausgerufen worden war, zusammengebrochen, es herrschte die (wie sich zeigen sollte, durchaus berechtigte) Angst, dass den Repressalien durch die „Roten“ nun ein noch viel ärgerer „weißer“ Terror folgen werde, und in den deutschsprachigen Gebieten Westungarns gab es eine große Verunsicherung betreffend die künftige territoriale Zugehörigkeit. Da aufgrund der prekären Lage die an sich vorhandenen Zugsverbindungen nicht in Betrieb waren, musste Joseph Roth seine Reise größtenteils zu Fuß absolvieren. Die Grenze hatte er, von Wiener Neustadt kommend, bei Neudörfl überschritten. Die weitere Route führte ihn nach Sauerbrunn, Ödenburg/Sopron, Zinkendorf und schließlich – als letzte Station, über die er in seiner Reportage berichtete – nach Deutschkreutz.

In dem seither vergangenen Jahrhundert haben sich diese Orte in vielerlei Hinsicht stark verändert. Nicht nur Ödenburg/Sopron, sondern auch Zinkendorf – ungarisch Nagycenk – kam nach der Volksabstimmung von 1921 zu Ungarn. Nichts mehr von einer territorialen Trennlinie hingegen ist heutzutage – zum Glück – dort zu merken, wo Joseph Roth 1919 die Grenze zwischen Österreich und Ungarn passierte. Denn das niederösterreichische Wiener Neustadt und das burgenländische Neudörfl sind mittlerweile fast zusammengewachsen, und wenn man auf der Bundesstraßenbrücke den – hier meist nur sehr wenig Wasser führenden – Grenzfluss Leitha überquert, macht lediglich ein Schild am Straßenrand mit der freundlichen Aufschrift „Willkommen im Burgenland“ darauf aufmerksam, dass hier ein anderes Bundesland beginnt. Ein paar Meter weiter, auf der anderen Straßenseite, hat man, zur Erinnerung daran, dass die Situation lange Zeit ganz anders war, das alte Grenzwärterhäuschen wiederaufgebaut.

Auf der am Neudörfler Grenzwächterhäuschen angebrachten Infotafel ist zu lesen: „Die Leitha war von 1031–1921 Grenzfluss zwischen Österreich und Ungarn. Hier war einer der wenigen Grenzübergänge. Dieses Häuschen diente den Zöllnern als Unterstand.“ (Foto: B. Denscher)

Auf der am Neudörfler Grenzwächterhäuschen angebrachten Infotafel ist zu lesen: „Die Leitha war von 1031–1921 Grenzfluss zwischen Österreich und Ungarn. Hier war einer der wenigen Grenzübergänge. Dieses Häuschen diente den Zöllnern als Unterstand.“ (Foto: B. Denscher)

„Neudörfl ist die Introduktion vom Heanzenland“, schreibt Joseph Roth und meint, dass der Ort eigentlich „Neudorf“ heißen sollte, denn „das Dorf besteht aus einer einzigen Straße, die unglaublich lang und zu beiden Seiten von weißen Häuschen bestanden ist.“ Der Charakter eines langgestreckten Straßendorfes hat sich bis heute in Neudörfl erhalten, auch wenn die Häuser etwas bunter sind und wohl kaum mehr, wie es Roth erzählt, ein Hahn in der Straßenmitte spaziert und zwei Enten in einem Tümpel patschen.

Neudörfl um 1900 (Ansichtskarte / Wikipedia)

Neudörfl um 1900 (Ansichtskarte / Wikipedia)

Neudörfl 2020 (Foto: B. Denscher)

Neudörfl 2020 (Foto: B. Denscher)

„Da Neudörfl gar nicht die leiseste Absicht hat, aufzuhören, beschließe ich, es eigenmächtig zu unterbrechen und betrete ein Gasthaus“, so Joseph Roth. Für seinen weiteren Weg stärkte er sich dort mit „einem Viertel Rotwein“ und vermerkte – durchaus mit schriftstellerischer Ironie: „Der Wirt ist ein Ungar, die Frau eine Deutsche. Ein Knecht ist ein Deutscher, eine Magd Ungarin. Der Wirt ist sehr gut zur Magd, die Wirtin zum Knecht. Wahl- und Stammesverwandtschaft. Liebesromane und Ehebruchsskandale an der Grenze“.

Während Roth den Aufenthalt in Neudörfl als fast beschaulich beschreibt, hat er auf seinem weiteren Weg etliche unangenehme und auch beklemmende Erlebnisse. So etwa beobachtet er, wie ein bewaffneter österreichischer Polizeiagent vier unbewaffnete ungarische Rotgardisten in einen Wald treibt – was dort passiert, bleibt offen. In Sauerbrunn bekommt er zunächst kein Nachtquartier, weil man Angst hat, er könne ein Spion sein. Und als er nach Deutschkreutz kommt, geht es dort gerade fröhlich zu. Mit viel Musik wird ein „Tanz- und Polterabend“ gefeiert, doch als Roth den Gasthof betritt, tritt „feindselige Stille“ ein: „Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich.“ Man hält ihn für einen „kommunistischen Agitator“, Essen und Unterkunft werden ihm verweigert, der Wirt ist lediglich bereit, ihm ein Glas Wein zu geben – doch als er dieses mit einer Hundertkronennote bezahlt, „kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache. Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist.“

Schließlich findet Joseph Roth in Deutschkreutz aber doch freundliche Aufnahme und ein Nachtquartier – abseits des „Tanz- und Polterabends“, bei einer jüdischen Familie. „Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben. In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt“, berichtet Roth, der seine Reportage über das Heanzenland mit einem eigenen Abschnitt über die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz beschließt. Seine Informationen hatte er vom „Kultusvorsteher, Herrn Lipschütz“, der ihm erzählte:

„Vor vielen Jahren seien die Juden aus Österreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten ‚Schweh-Khilles‘, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung.“

Von Lipschütz erfuhr Joseph Roth auch, dass „der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang“ Goldmark hieß. Es war der Vater des Komponisten Carl Goldmark (1830–1915), dem heutzutage in Deutschkreutz ein sehenswertes kleines Museum gewidmet ist.

Im Goldmark-Museum von Deutschkreutz ist auch eine Kopie des Gemäldes „Ein Abend bei Johann Strauss“ von Franz von Bayros zu sehen. Goldmark – prominent in der Bildmitte neben dem am Klavier sitzenden Strauss platziert – war Ende des 19. Jahrhunderts ein sehr erfolgreicher Komponist und v.a. durch seine Oper „Die Königin von Saba“ auch international bekannt. (Foto: B. Denscher)

Im Goldmark-Museum von Deutschkreutz ist auch eine Kopie des Gemäldes „Ein Abend bei Johann Strauss“ von Franz von Bayros zu sehen. Goldmark – prominent in der Bildmitte neben dem am Klavier sitzenden Strauss platziert – war Ende des 19. Jahrhunderts als Komponist sehr erfolgreich und v.a. durch seine Oper „Die Königin von Saba“ auch international bekannt. (Foto: B. Denscher)

Das Haus, in dem das Goldmark-Museum untergebracht ist und in dem der Komponist einige Jahre seiner Kindheit verbrachte, ist eines der letzten noch erhaltenen jüdischen Wohnhäuser von Deutschkreutz. Vor dem Haus erinnert eine Gedenktafel an die einst so bedeutende Gemeinde, die durch den nationalsozialistischen Terror vernichtet wurde. Die Synagoge wurde 1941 gesprengt, der Friedhof verwüstet. Geblieben sind nur noch einige Grabsteine…

Jüdischer Friedhof in Deutschkreutz (Foto: B. Denscher)

1  Die Heanzen. Eine ethnographische Skizze von M.A. Becker. In: Österreichische Revue 1863. Dritter Band. S. 282–289.