HERBARIUM GIFTGRÜN

Ausschnitt aus dem Buchcover

Eine Studentin wird tot aufgefunden, ein junger Maler nimmt – durch Zufall und zunächst eher unwillig – Nachforschungen zu dem mysteriösen Fall auf, er wird hineingezogen in ein gefährliches Ambiente von Korruption, Habgier und Ausbeutung, ein Mord geschieht. Das ist, in groben Zügen, der Plot des Romans „Herbarium, giftgrün“, dessen Autor, Gert Ueding, daraus eine perfekt konstruierte Krimihandlung entwickelt hat. Immerhin bringt er dafür auch die nötigen theoretischen Voraussetzungen mit: Denn Ueding ist nicht nur ein renommierter Germanist, sondern auch Literaturkritiker und Mitglied zahlreicher literarischer Jurys. Lange Zeit leitete er den „Studiengang für Allgemeine Rhetorik“ an der Universität Tübingen – und nutzt nun seine genauen lokalen Kenntnisse, indem er Tübingen zum Hauptschauplatz seines Romans macht.

Ueding versteht es, Spannungsbögen aufzubauen und Neugier weckende Hinweise zu setzen, er kennt die krimiwirksamen Konstellationen, wie etwa jene des übereifrigen Hobby-Detektivs, der immer wieder der nicht ganz so eifrigen Polizei in die Quere kommt, und er weiß, dass zum „Crime“ auch ein wenig „Sex“ gehört. All das aber – der packende Plot und die genregerechte Ausführung – macht nur einen Teil der Qualität des rund 330 Seiten starken Bandes aus. Denn „Herbarium, giftgrün“ ist kein Krimi im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr ein kultur- und vor allem wissenschaftskritischer Roman.

„Der Wissenschaftsbetrieb ist ein korrupter Haufen und wer nicht schon drin wühlt, wartet sehnsüchtig auf die nächste Gelegenheit“, konstatiert ein kurz vor der Emeritierung stehender Germanistikprofessor, in dessen resignative Äußerungen Ueding vermutlich so manche eigene Meinungen verpackt hat. Es geht um wissenschaftlichen Quotendruck und damit einhergehenden Niveauverlust, um die teilweise Selbstabschaffung humanistischer Fächer, und – wenn es dann kriminell wird – um Veruntreuung und Bereicherung. Im Mittelpunkt stehen da jene Fake-Verlage, die gegen üppige Gebühren Texte herausbringen, die nur mangelhaft oder auch gar nicht wissenschaftlich fundiert sind – mit denen sich aber Forschungsförderung kassieren lässt und mit denen unter Veröffentlichungsdruck stehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Publikationslisten auffetten können.

„Wir haben ein Experiment gemacht und einen Vortrag angemeldet“, berichtet im Roman ein in der Sache recherchierender Journalist. Der Titel, den er und ein Freund dafür vorschlugen, lautete: „Die Erfindung Wallensteins durch Herrn von Schiller, eine kulturstrukturale postkoloniale Studie“. Obwohl die beiden dann doch befürchteten, „zu dick aufgetragen zu haben“, wurde der Vortrag und dessen Publikation mit dem Vermerk angenommen „Die Bedeutung Ihrer Studie steht außer Frage und wird nicht nur in der Fachöffentlichkeit heiß diskutiert werden.“ Bedingung ist allerdings zunächst die Überweisung der „Teilnahmegebühr von Euro 2500.-“.

Das ist natürlich eine böse Parodie – verweist jedoch auf aktuelle Probleme und Entwicklungen. Denn Pseudo-Fachzeitschriften, Fake-Verlage, fiktive Kongresse und Derartiges mehr sind Themen, mit denen Forschungseinrichtungen weltweit konfrontiert sind. „Herbarium, giftgrün“ ist somit durchaus kein rasch konsumierbarer, flotter Krimi (wer das erwartet, wird enttäuscht werden), sondern ein Buch, das wohl auch teilweise polarisiert, aber sicher auf spannende Weise zum Nachdenken anregt.

Gert Ueding: Herbarium, giftgrün. Kröner Verlag, Stuttgart 2021.