LA FONTAINE – DER MEISTER DER FABEL

Illustration von Jean-Jacques Grandville (1803-1847) zur Fabel „Der Wolf und der Fuchs“Illustration von Jean-Jacques Grandville (1803-1847) zur Fabel „Der Wolf und der Fuchs“

Zur Einleitung eine Definition: die Fabel ist eine kurze Erzählung, in der zumeist Tiere mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind und die auf eine Pointe hinausläuft. Ob es Äsop, den antiken Dichter, dem man so viele Fabeln zuschreibt, wirklich gegeben hat, ist zweifelhaft. Jean de La Fontaine aber hat es gegeben. Und wie! Sein Lebenslauf, der ja hinter seinem Hauptwerk – eben den Fabeln – zumeist unbeachtet bleibt, ist nämlich höchst interessant. Geboren 1621 in einem kleinen Städtchen in der Champagne, Sohn eines wohlhabenden königlichen Beamten, besuchte er zunächst ein Priesterseminar in Paris, das er allerdings wegen mangelnder theologischer Eignung bald wieder verließ. Er absolvierte ein Jurastudium und begann zu dichten – zunächst allerdings nur für die eigene Schublade.

Bei der von seinem Vater für ihn arrangierten Zweckehe schien zwar die Liebe ganz und gar zu fehlen, immerhin aber brachte die Verbindung Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten. So vor allem zum mächtigen Finanzminister Nicolas Fouquet, was für La Fontaine den entscheidenden Karriereschub brachte. Denn Fouquet stellte ihn 1658 als eine Art Haus- und Hofdichter bei sich an, was zur Abfassung diverser Gelegenheitsgedichte verpflichtete – und damit La Fontaine bekannt machte. 1661 allerdings fiel Fouquet bei König Ludwig dem XIV. in Ungnade und wurde gestürzt – und damit verlor La Fontaine nicht nur seinen Mäzen, sondern, weil er sich in einer Petition an den König für Fouquet eingesetzt hatte, auch die Chance, je die Gunst des „Sonnenkönigs“ zu erlangen. Nie bekam er Zugang zum Hof, und als er in die „Académie française“ aufgenommen werden sollte, verweigerte Ludwig der XIV. zunächst seine Bestätigung.

Doch es gelang La Fontaine immer wieder, sich einflussreichen Menschen anzuschließen – so etwa Marguerite de Lorraine, der Herzogin von Orléans, in deren Pariser Palais er acht Jahre lang (ohne seine Ehefrau und seinen Sohn) als angestellter „gentilhomme servant“ lebte. Nach dem Tod der Herzogin im Jahr 1672 fand La Fontaine in der Kunstmäzenin Madame Marguerite Hessein de La Sablière eine neue Gönnerin, die den Dichter mehr als zwei Jahrzehnte lang unterstützte und beherbergte. Nach ihrem Tod übersiedelte La Fontaine in das Haus der Bankiersfamilie dʼHervarth, wo er 1695 starb.

Jean de La Fontaines literarisches Werk umfasst unter anderem Gedichte, Epen, Opernlibretti und auch erotische Erzählungen, mit denen er, noch bevor er 1668 seine ersten Fabeln herausbrachte, bei der Pariser Gesellschaft überaus erfolgreich war und die vom Rokoko-Maler Jean-Honoré Fragonard in entsprechender Weise illustriert wurden. Zum „Klassiker“ der Weltliteratur aber wurde La Fontaine mit seinen moralisierenden Tiergeschichten – oder, wie es Schriftstellerkollege Voltaire formulierte: „Jene Fabeln werden der Nachwelt erhalten bleiben und sind für alle Menschen und für alle Zeiten geeignet.“

Buchcover

La Fontaine verfasste rund 250 Fabeln, die er sich allerdings nicht alle selbst ausgedacht hat, sondern für die er sich durchaus auch Anleihen bei Vorbildern wie Äsop oder beim römischen Schriftsteller Phaedrus nahm. Doch er hat die Stoffe, die er da fand, genial bearbeitet: Er behielt den inhaltlichen Kern, präsentierte diesen aber in seinem ganz eigenen Stil, der in Frankreich bis heute als Inbegriff sprachlicher Eleganz gilt. Eine kongeniale Übersetzung ins Deutsche lieferte dazu 1877 der Schriftsteller Ernst Dohm (der übrigens auch langjähriger Mitarbeiter des politisch-satirischen Berliner Witzblattes „Kladderadatsch“ war). Auf dieser bis heute als vorbildhaft geltenden Fassung von Dohm basiert auch die neueste, bibliophile Ausgabe der La Fontaine-Fabeln, die im Verlag Faber & Faber erschienen ist. Mag sein, dass man dabei über die eine oder andere mittlerweile schon antiquierte Wortschöpfung stolpert, umso intensiver wird es aber dadurch, dass es eben einer genaueren Lektüre bedarf, damit einem die nicht ganz so zeitgemäßen Verse eingängig werden und man deren Altertümlichkeit entsprechend genießen kann. Dazu passen die Illustrationen von Jan Peter Tripp, einem Maler und Grafiker unserer Tage, der sich in seinen Tierbildern der Zeit Lafontaines wunderbar angenähert hat.

Jean de La Fontaine: Das große Fabel-Buch. Aus dem Französischen übersetzt von Ernst Dohm. Illustrationen von Jan Peter Tripp. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2021.