DIE KÖNIGIN DES KAISERS

Reliefplastik im Dom von Freising, die, wie die Inschrift besagt, Beatrix von Burgund darstellen soll (Foto: GFreihalter / Wikimedia Commons)
Reliefplastik im Dom von Freising, die, wie die Inschrift besagt, Beatrix von Burgund darstellen soll (Foto: GFreihalter / Wikimedia Commons)

Die Braut war höchstens 16, der Bräutigam um rund 20 Jahre älter. Doch das war damals, Mitte des 12. Jahrhunderts, nichts Ungewöhnliches. Außergewöhnlich aber scheint der Einfluss gewesen zu sein, den die junge Frau in der Folge auf ihren Ehemann hatte. Denn der war immerhin der Kaiser: Friedrich I., genannt Barbarossa. Die Hochzeit fand am 17. Juni 1156 in Würzburg statt, und die Braut war Béatrice de Bourgogne. Als Königin von Burgund und als römisch-deutsche Kaiserin Beatrix sollte sie in die Geschichte eingehen. Über die Beziehung der beiden zueinander vermerkte ein zeitgenössischer Chronist, dass Friedrich, der an sich ein sehr selbstbewusster Mann war, als seiner Ehefrau ergeben gelte, bestrebt, ihr in allem zu gefallen.[1] Diese Aussage bezieht sich nicht oder nicht nur auf den privaten Bereich, denn Béatrice scheint auch einen über das übliche Maß hinausgehenden Einfluss auf politische Entscheidungen des Kaisers gehabt zu haben.

„Wollte man noch etwas zu ihrem Lob hinzufügen, so könnte man sagen, sie war geübt im Lesen und Schreiben, gewandt im Musizieren und bezaubernd im Singen.“ Auch die für eine Frau jener Zeit außergewöhnlich umfassende Bildung von Béatrice wird in zeitgenössischen Berichten hervorgehoben. Das zitierte Lob stammt allerdings nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem im Jahr 2000 erschienenen Roman „Baudolino“ von Umberto Eco.[2] Die Kaiserin, in die der Titelheld hoffnungslos verliebt ist, spielt dort zwar eine markante Rolle, ist aber eine Nebenfigur. Ganz im Mittelpunkt steht sie in dem Band „Beatrice von Burgund. Die Königin Friedrich Barbarossas“. Verfasst wurde der fast 550 Seiten starke historische Roman von Dorothea von Choltitz. Sie hat evangelische Theologie studiert, ist Gymnasiallehrerin in Konstanz und ist als Autorin bisher mit zahlreichen Publikationen im religionspädagogischen und kulturwissenschaftlichen Bereich hervorgetreten. „Beatrice von Burgund“ ist ihr Roman-Debüt, und daher lautet die erste Frage an sie:

Denscher: Was hat Sie veranlasst, ein Buch über Beatrix von Burgund zu schreiben? Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Von Choltitz: Im imposanten Dom zu Speyer stand ich in der Krypta vor dem Grab von Kaiserin Beatrix, in dem sie heute gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Agnes liegt. Das berührte mich als jemand, der selbst ein Kind verloren hat. Ich begann über das Leben von Beatrice von Burgund zu recherchieren und entdeckte, welch beeindruckendes und spannendes Leben sie geführt hat. Es ist unbedingt wert, erzählt zu werden und darüber zu lesen!
Im Laufe der Arbeit fand ich dann heraus, dass sie erst seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihrer Tochter zusammen im Grab liegt, das Mädchen aber ganz kurz vor ihrem eigenen Tod 1184 gestorben ist. Davon aber im zweiten Band, an dem ich arbeite, mehr.

Denscher: Der Roman scheint stark faktenbasiert zu sein. Woher haben Sie ihre Informationen bezogen? Wie viel historisches Quellenmaterial gibt es überhaupt zu Beatrice?

Von Choltitz: Es gibt sehr viele zeitgenössische Schilderungen zum Leben des berühmten Stauferkaisers Friedrich Barbarossa, wie zum Beispiel die Erzählungen seines Onkels Otto von Freising, aber auch viel moderne Forschung. So gibt es ein Itinerar, das Prof. Ferdinand Opll herausgegeben hat, in dem unter Aufbietung und Gewichtung aller Quellen, wie der Herrscherurkunden, historiografische Quellen und Privaturkunden des Kaisers, in der Verbindung mit Nachrichten aus seinem Umfeld versucht wird, den korrekten chronologischen Ablauf der Reisen des Reisekaisers Friedrich festzuhalten und die Orte und den jeweiligen Grund seiner Anwesenheit zu erschließen. In all diesen Unterlagen gibt es nur wenige, aber sehr aufschlussreiche Bemerkungen zu Kaiserin Beatrix. So hat sie ihn nicht nur in Deutschland, sondern auch bei seinen Kriegen in Italien jeweils begleitet und war damit auch Bedrohungssituationen ausgesetzt, denen sie standhaft entgegentrat.

Es gibt keine zeitgenössischen Porträts der Beatrix von Burgund. Als Titelbild für das Buch hat der Verlag das (für seinen Zweck bearbeitete) Autorbild des Minnesängers Wernher von Teufen aus der im 14. Jahrhundert entstandenen Manessischen Liederhandschrift gewählt.
Es gibt keine zeitgenössischen Porträts der Beatrix von Burgund. Als Titelbild für das Buch hat der Verlag das (für seinen Zweck bearbeitete) Autorbild des Minnesängers Wernher von Teufen aus der im 14. Jahrhundert entstandenen Manessischen Liederhandschrift gewählt.

Denscher: Beatrice wird von Ihnen durchwegs positiv gezeichnet, als eine hochgebildete Frau, die ihrem Mann Barbarossa wissensmäßig teilweise um einiges überlegen war, und die viel soziales Mitgefühl und Engagement zeigte. Wieweit entspricht dies der historischen Realität?

Von Choltitz: Historisch gut belegt ist, dass Kaiserin Beatrix mehrere Sprachen sprach, zum Beispiel sehr gute Lateinkenntnisse hatte und ein hohes Interesse an Literatur hatte, während Kaiser Friedrich Analphabet war. Sicher ist auch, dass sie die damals kulturell hoch geschätzte französisch-burgundische Kultur dem deutschen Hof nahe brachte.
Wie mehrere Kaiserinnen vor und nach ihr war sie die Ansprechpartnerin von Hilfesuchenden, wenn der Weg zum Kaiser und seinen Beratern wenig aussichtsreich erschien. Insofern hat ihr im Roman geschildertes Mitgefühl durchaus historische Anhaltspunkte, auch galt die Kaiserin aufgrund ihrer Vielzahl von Spenden an Klöster als fromm und freigiebig. Es gibt allerdings keine Quellen, die explizit ihre sozial fortschrittliche Haltung erwähnen, hier habe ich die historisch bekannte Herrschermilde ihres eigenen Vaters, Graf Renaud von Burgund, auf sie selbst übertragen und neu zugeschnitten.

Denscher: Zeitlich umfasst der Roman die Jahre 1154 bis 1162. Warum haben Sie gerade diesen Abschnitt aus dem – relativ kurzen – Leben Beatrices gewählt?

Von Choltitz: Mich begannen während der Recherche die alten Legenden zu ihrer Jugend zu interessieren, in der sie ihr eigener Onkel in einen Turm eingesperrt haben soll, weil er ihr nach dem Leben getrachtet hat, um selbst erben zu können. Diese Vorstellung einer problematischen Jugend ließ mir Raum, die Geschichte einer von traumatischen Erlebnissen belasteten jungen Frau zu erzählen, die ihre ganz eigenen Schritte hin zu einer selbstständigen Persönlichkeit findet. Nicht nur Jungen und Männer, sondern auch Mädchen und Frauen brauchen Geschichten von mutig gelebtem Leben. Der ausschließlich aus dem Blick von Beatrice von Burgund geschriebene Roman in seiner Monoperspektive mit dem verständlichen Wunsch der Jugendlichen nach Schutz und Geborgenheit bot mir auch die gute Gelegenheit, die Engelerlebnisse einzuführen und somit ein interessantes „Gespräch“ mit den Lesenden zu beginnen: Gibt es Engel? Das bespricht Beatrice auch in einem, historisch nicht belegten, aber geschichtlich durchaus möglichen Besuch bei Hildegard von Bingen[3].

Denscher: Warum stellen Sie den einzelnen Kapiteln Bibelzitate voran?

Von Choltitz: Nachdem ich entdeckt hatte, dass für Kaiser Barbarossa häufig Tag und Ort seiner Anwesenheit bekannt ist, ist mir aufgefallen, dass man damit ebenfalls weiß, was der Kaiser und seine Frau genau zu jener Zeit wohl als biblischen Sonntagstext gehört hatten, da es schon damals ein Lektionar gab, das die biblischen Lesungen im Ablauf des Kirchenjahres zum Vortrag im Gottesdienst erhält. Ein faszinierender, in der Forschung noch zu wenig ausgewerteter, möglicher gedanklicher Einfluss auf Herrscherentscheidungen und eine interessante Parallele zu unserem eigenen Leben, denn auch im Gottesdienst von heute erscheinen (fast) dieselben Evangelientexte mit ihrer Verdichtung in den Wochensprüchen, die ich den Kapiteln voranstelle.

Denscher: Was wollen Sie dem Lesepublikum vermitteln, was ist Ihr Anliegen?

Von Choltitz: Ich wollte vor allem ein Buch schreiben, das uns Frauen heute von einem Mut machenden Leben einer unserer Vorgängerinnen erzählt, und dabei all die faszinierenden Besonderheiten eines Frauenlebens im 12. Jahrhunderts weitergeben, die ich recherchiert habe. Ich wollte die hochinteressanten Beziehungen und Kämpfe zwischen den Fürsten und Kaiser Barbarossa, dem Kaiser und den Päpsten den Leserinnen und Lesern plastisch vor Augen führen mitsamt ihren damaligen gedanklichen, religiösen und politischen Hintergrundkonstrukten.

[1] Das lateinische Originalzitat stammt von dem englischen Chronisten Radulfus de Diceto und lautet: „Et licet Fredericus in adversis hucusque semper extiterit constantissimus, vir tamen uxoris reputatur a multis, quaerens in omnibus quomodo placeat uxori.“ In: William Stubbs (Hg.): Radulfi de Diceto Decani Lundoniensis Opera Historica. London 1876, Bd.1, S. 427.
[2] Umberto Eco: Baudolino. Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. München 2001, S. 63.
[3] Die in der historischen Forschung kontrovers diskutierte Vermutung, dass Kaiserin Beatrix Kontakt zu der heilkundigen Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen gehabt haben könnte, basiert auf einem erhalten gebliebenen Brief an Hildegard von Bingen. Unterzeichnet von fünf Zisterzienseräbten aus dem Burgund ist es eine Art Empfehlungsschreiben für eine nicht namentlich genannte „adelige Frau“, die um Rat suchend zu Hildegard komme. Siehe z.B. Claudia Opitz: Frauenalltag im Spätmittelalter. In: Georges Duby u. Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Bd. 2, S. 303.

Dorothea von Choltitz: Beatrice von Burgund. Die Königin Friedrich Barbarossas. J. S. Klotz Verlagshaus, Neulingen 2020.
Website von Dorothea von Choltitz.

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