NEUE BIOGRAFIE: „JEANNE D’ARC. SEHERIN, KRIEGERIN, HEILIGE“

Albert Lynch: Jeanne d’Arc. Titelblatt von „Figaro Illustré“, 1.4.1903 (Ausschnitt)Albert Lynch: Jeanne d’Arc. Titelblatt von „Figaro Illustré“, 1.4.1903 (Ausschnitt)

Sie ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte, gilt in Frankreich als nationale Identifikationsfigur, wird als Heldin und Heilige verehrt und immer wieder auch für unterschiedliche politische Zwecke vereinnahmt. So etwa berufen sich sowohl Emmanuel Macron als auch Marine Le Pen auf jene junge Frau, die sich 1429 an die Spitze eines Heeres setzte, die bei Orleans die englische Belagerungstruppe besiegte und damit eine Wende im Konflikt um den französischen Königsthron herbeiführte und die 1431 nach einem Inquisitionsprozess in Rouen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde.

Das Schicksal von Jeanne d’Arc steht im Mittelpunkt von zahlreichen Erzählungen und Dramen, es wurde oftmals verfilmt, zu Opern umgeformt, in Chansons tradiert und in vielen biografischen Werken verarbeitet. Häufig wurde dabei nur wenig Rücksicht auf die historischen Fakten genommen, so manches wurde dem jeweiligen Zeitgeist angepasst, verfälscht und idealisiert. „All dies hat allerdings nicht zu einem klaren Bild der Person und der Ereignisse in ihrem Umfeld geführt, sondern im Gegenteil immer wieder zu denselben alten Fragen“[1], schreibt der deutsche Historiker Gerd Krumeich in seinem Buch „Jeanne d’Arc. Seherin, Kriegerin, Heilige“. Darin setzt er sich mit den unterschiedlichen und oft einander widersprechenden Überlieferungssträngen und Rezeptionslinien auseinander und liefert eine betont faktenbasierte Lebensgeschichte. Es gelingt Krumeich, sich den „alten Fragen“ in angemessener, objektiver Weise zu stellen – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil er sich, als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf, über lange Jahre intensiv mit Jeanne d’Arc und dem Kult um ihre Person beschäftigt hat.

Jean Pichore: Jeanne dʼArc. Buchillustration aus  „Les vies des femmes célèbres" von Antoine Dufour, 1504.

Jean Pichore: Jeanne dʼArc. Buchillustration aus  „Les vies des femmes célèbres” von Antoine Dufour, 1504.

Eine der immer wieder gestellten Fragen ist die nach Jeannes Visionen – jene, wie sie berichtete, Stimmen von Engeln und Heiligen, die ihr aufgetragen hatten, in die militärischen Auseinandersetzungen einzugreifen. Auf die vielen Spekulationen darüber, worauf denn die Visionen zurückzuführen seien, lässt sich Gerd Krumeich nicht ein, denn „ob diese Stimmen wirklich oder eingebildet waren, entzieht sich für immer historischer Kritik und spielt auch für ihre Motivationskraft keine Rolle.“[2] Tatsache ist, dass derartige Erscheinungen durchaus nicht als etwas Ungewöhnliches empfunden wurden und Jeanne keine Einzelerscheinung war. So verweist Krumeich auf ein Rundschreiben der Universität Paris aus dem Jahr 1413, in dem alle „frommen Personen“, die „die Gabe der Prophezeiung haben“ aufgefordert werden, sich zu melden, „um dem ‚Unglück des Königreichs‘ abzuhelfen.“[3] Man schien also durchaus anzunehmen, dass Menschen mit visionären Kräften einen Weg aus der Krise zeigen könnten. Das Besondere an Jeanne d’Arc war „die aus den Visionen erwachsende Energie […]. Im Unterschied zu anderen Seherinnen war Jeanne nicht vergeistigt oder verträumt und weltabgewandt. Sie setzte ihre Visionen in politisches Handeln um“.[4]

Ernest Meissonier: Jeanne dʼArc. Studie für eine Wandmalerei, um 1889.

Ernest Meissonier: Jeanne dʼArc. Studie für eine Wandmalerei, um 1889.

Jeanne (deren Familienname „Darc“ war, die Schreibung „d’Arc“ kam erst im 17. Jahrhundert auf) besaß viel Durchsetzungsvermögen und ein bemerkenswertes strategisches Talent. Durch ihr charismatisches Auftreten gelang es ihr, die Truppen von Karl VII. entsprechend zu motivieren, sodass dieser im Juli 1429 – nachdem die Engländer und die mit ihnen verbündeten Burgunder bei Orleans und an weiteren Orten geschlagen wurden – durch die Krönung in der Kathedrale von Reims seinen Thronanspruch symbolisch legitimieren konnte.

„Die auf Reims folgenden Ereignisse und Entwicklungen haben die Geschichtsschreibung von jeher polarisiert. Ist Jeanne d’Arc ‚verraten‘ worden? Oder hat sie ihren ‚Auftrag überschritten‘, ist sie hochmütig geworden und maßlos in ihren Forderungen?“[5] So leitet Gerd Krumeich seinen Bericht über die weiteren Geschehnisse ein. Immer noch waren Teile Frankreichs – auch Paris – unter der Kontrolle der Engländer und Burgunder. Karl VII. und seine Berater setzten auf Verhandlungen, Jeanne forderte ein militärisches Vorgehen, für das sie jedoch nur wenig Unterstützung bekam. Im Mai 1430 wurde sie bei einer Schlacht um die von den Burgundern gehaltene Stadt Compiègne gefangengenommen und einige Monate später an die Engländer ausgeliefert.

Die bedrückendsten Kapitel in Gerd Krumeichs Buch sind jene über den mit der Hinrichtung endenden Inquisitionsprozess gegen Jeanne d’Arc und das zwei Jahrzehnte später erfolgte Revisionsverfahren. In diesem wurden der erste Prozess für nichtig erklärt und damit das Urteil gegen Jeanne – posthum – aufgehoben. Detailliert zeigt Krumeich auf, wie es in beiden Verfahren keineswegs um eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Jeanne ging, sondern primär um machtpolitische Ziele. So dominierten im ersten Prozess die Interessen der Kirche, die sich durch das religiös fundiertes Sendungsbewusstsein Jeannes, das keine kirchliche Vermittlung nötig hatte, in ihrer Autorität und ihrem Machtanspruch bedroht sah. König Karl VII. „war Jeannes Schicksal bis zu seinem schließlichen Sieg über die Engländer im Jahre 1449 anscheinend gleichgültig“[6] gewesen. Dann jedoch strengte er den 1450 beginnenden Revisionsprozess an, bei dem „jeder Beteiligte wusste, worum es ging: Es sollte nachgewiesen werden, dass Karl VII. Erfolg und Thron keineswegs einer Hexe bzw. dem Teufel verdanke, wie es die Engländer behaupteten (und noch Shakespeare in seinem ‚Heinrich VI.‘ 1590–92).“[7]

Paul Delaroche: Jeanne d’Arc wird im Kerker vom Kardinal von Winchester verhört, 1824.

Paul Delaroche: Jeanne d’Arc wird im Kerker vom Kardinal von Winchester verhört, 1824.

Nach dem Abschluss des Revisionsverfahrens geriet Jeanne d’Arc weitgehend in Vergessenheit. Erst im Zuge des ab dem späten 18. Jahrhundert zunehmenden Nationalismus erinnerte man sich wieder an sie. Einen entscheidenden Impuls für die damals verstärkt einsetzende Verehrung Jeannes gab Friedrich Schillers Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“. Schon wenige Monate nach der deutschen Uraufführung (1801) lag die erste französische Übersetzung – „Jeanne dʼArc ou La Pucelle dʼOrléans“ – vor, die „bis in die 1850er Jahre in Frankreich in mehr als 250 verschiedenen Inszenierungen gezeigt“[8] wurde.

Charlotte Jenison-Walworth: Karl VII. und Jeanne dʼArc auf Spielkarten aus dem „Kartenalmanach 1805“, erschienen in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen. Der von Schillers Tragödie inspirierte Kartenalmanach war auch in Frankreich verbreitet. Abb.: Bibliothèque nationale de France.

Charlotte Jenison-Walworth: Karl VII. und Jeanne dʼArc auf Spielkarten aus dem „Kartenalmanach 1805“, erschienen in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen. Der von Schillers Tragödie inspirierte Kartenalmanach war auch in Frankreich verbreitet. Abb.: Bibliothèque nationale de France.

Der wachsenden Popularität Jeannes wollte sich auch die Kirche nicht mehr verschließen. Doch auch dies ist in Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen – vor allem mit dem aufkommenden französischen Laizismus – und kirchenpolitischen Strategien zu sehen. Als in den 1860er Jahren von französischen Bischöfen die Heiligsprechung Jeanne d’Arcs angeregt wurde, war eines der Hauptargumente, dass dadurch „der Heilige Stuhl […] in Frankreich und in der Welt sicherlich an Popularität gewinnen“[9] würde. Allerdings führte dann das 1905 erlassene „Loi de séparation des Églises et de lʼÉtat“ („Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat“) zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und Frankreich. Die 1909 erfolgte Seligsprechung Jeannes und die Heiligsprechung im Jahr 1920 sind durchaus auch als Annäherungsschritte zu sehen, die 1921 zur Wiederaufnahme der Beziehungen führten.

„Es kommt darauf an, Jeanne d’Arc zu ‚entmythisieren‘, sie so weit wie möglich von den beliebigen Vermutungen und Hypothesen, die sie nach wie vor umgeben, zu befreien“[10] nennt Gerd Krumeich als die Zielsetzung seines Buches. Mit der fast 400 Seiten starken, sehr lesenswerten Biografie ist ihm das zweifellos gelungen.

Buchcover

Gerd Krumeich: Jeanne d’Arc. Seherin, Kriegerin, Heilige. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2021.

[1] Gerd Krumeich: Jeanne d’Arc.  S. 8.
[2] Ebd. S. 43.
[3] Ebd. S. 44.
[4] Ebd. S. 44.
[5] Ebd. S. 159.
[6] Ebd. S. 282.
[7] Ebd. S. 280.
[8] Ebd. S. 310.
[9] Ebd. S. 314.
[10] Ebd. S. 11.