RADIUM – EINE MERKWÜRDIGE GESCHICHTE

Detail aus dem Notentitelblatt von „The Radium Dance“Detail aus dem Notentitelblatt von „The Radium Dance“

„Ein gespenstisch wirkendes Schaustück“ war es, das im Mai 1904 als „neue Sensation“ im Londoner „Alhambra Theatre“ zu sehen war. Europaweit berichteten zahlreiche Zeitungen davon, so auch das „Neue Wiener Journal“: „Das große Theater wurde völlig verdunkelt. Man sah nur den Taktstock des Dirigenten […]. Dann erschienen auf der Bühne zehn gespenstische Gestalten, von denen ein hellblaues, phosphoreszierendes Licht ausging. Es waren fünf Pierrots und fünf Pierretten. Die Gesichter der Tänzer waren nicht sichtbar; man sah nur fünf zuckerhutförmige Hüte, und fünf bewegliche Körper schimmerten geisterhaft durch das Dunkel; fünf Springseile drehten sich wie feurige Schlangen. Die Pierretten trugen glitzernde Kronen, fliegende Bänder mit Pompons und strahlende Schuhe. Es machte einen seltsamen Eindruck, wenn die Figuren blitzartig über die Bühne dahinglitten.“[1]

Viel Beachtung fand der Auftritt schon allein wegen seines Titels: „The Radium Dance“. Denn das ein paar Jahre zuvor, 1898, vom Physikerehepaar Marie Skłodowska Curie und Pierre Curie entdeckte chemische Element war eines der Topthemen jener Zeit. Nicht nur die Wissenschaft beschäftigte die – damals noch weitgehend als harmlos bewertete – Radioaktivität, sondern das Phänomen stieß auch auf breites populäres Interesse.

Der „Radium Dance“, der in London Teil einer „All the Year Round“ betitelten Tanz-Revue war, hatte zuvor schon am New Yorker Broadway Furore gemacht, wo er als Zusatz zum Musical „Piff! Paff! Pouf!“ aufgeführt wurde.[2] In der Folge wurde der Radium-Tanz auch in anderen Theatern mit großem Erfolg gezeigt und in weitere Stücke integriert. Ob die aufsehenerregenden Kostüme tatsächlich mithilfe „eines Präparates, in dem Radium die Hauptrolle spielt“[3] hergestellt wurden, ist – da sie nicht erhalten geblieben sind – allerdings nicht nachweisbar.

Ausschnitt aus dem Notentitelblatt von „The Radium Dance“

Abb.: Ausschnitt aus dem Notentitelblatt von „The Radium Dance“.  Die von dem in Budapest geborenen Jean Schwartz (1878–1956) komponierte Musik zum „Radium Dance“ erschien auch auf Schallplatte. Hier zu hören in einer Aufnahme aus dem Jahr 1913, aufbewahrt in der Library of Congress, Washington.

Auch die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller (1862–1928) war fasziniert von den vielfältigen Möglichkeiten, die das Radium zu bieten schien. Fuller, die als eine Pionierin in der Verwendung von Lichteffekten in Bühnenproduktionen gilt, lebte seit den 1890er Jahren in Paris und war dort nicht nur mit vielen Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch mit dem Ehepaar Curie befreundet. Dieses ersuchte sie um Rat bei der Gestaltung eines neuen Bühnenkostüms. Fuller, die über ein eigenes Laboratorium verfügte und mit flu­o­res­zie­renden Substanzen experimentierte, wollte Radiumsalze in den Kostümstoff integrieren, um diesen im Dunkeln zum Leuchten zu bringen. Zwar rieten ihr die Curies von der Verwendung von Radium ab, unterstützten sie aber dabei, ähnliche radioaktive Materialien für derartige Leuchteffekte zu finden.

Ihre „Radium Dances“ zeigte Fuller im Frühjahr 1904 zunächst in ihrem Pariser Tanzstudio vor wenigen Gästen, unter denen sich auch das Ehepaar Curie befand, dann bei Auftritten in ganz Europa. Unter der Schlagzeile „Radium Dances. Loïe Fuller’s Latest Sensation“ berichtete dazu der britische „Evening Express“: „Loïe Fuller, who is nothing if not modern, has just invented ‚radium dances‘, which she has shown to M. and Madame Curie. The name ‚radium dances‘ is not, as might be imagined, a fanciful one. No actual salt of radium is manipulated by the lade in the production of her new effects. But she uses substances very nearly akin to radium.“ Mit diesen fluoreszierenden Salzen hatte Fuller einen speziellen Seidenstoff imprägniert und erzielte damit bei ihrem Auftritt einen Effekt, den der „Evening Express“ als „weird and fantastic in the extreme“ beschrieb: „In complete darkness only the portions of material thus rendered luminous are visible. Hence the extraordinary ghostly effects. In the treatment of stuffs by fluorescent salts lies the originality of the invention.“ Es war ein Verfahren, von dem sich auch Pierre Curie beeindruckt zeigte: „M. Curie, keenly interested in the idea, said that it was an application of the properties of radiant matter of which he had not thought.“[4]

Werbung in der französischen Zeitschrift „Marie-Claire“, 23. Juli 1937. Die Firma Tho-Radia war einer der Marktführer beim Vertrieb von Kosmetikprodukten mit Radiumzusätzen.

Werbung in der französischen Zeitschrift „Marie-Claire“, 23. Juli 1937. Die Firma Tho-Radia war einer der Marktführer beim Vertrieb von Kosmetikprodukten mit Radiumzusätzen.

„Radium“ war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Schlagwort für Fortschritt und Modernität. Der Begriff hatte, ganz im Gegensatz zu heute, ein absolut positives Image – über die Gefahren der Radioaktivität war man sich noch nicht im Klaren. Der Leuchteffekt von Radium und radiumähnlichen Substanzen, mit dem Loïe Fuller auf der Bühne solches Aufsehen erregte, war auch in anderen Bereichen erwünscht – etwa in der Kosmetik. Und so kamen Cremes und Schminkprodukte auf den Markt, die Radiumbromid enthielten und dem Teint eine vermeintlich „gesunde Ausstrahlung“ verliehen. Auch bei Haartinkturen, Zahnpasten, Seifen und zahlreichen anderen Pflege- und Hygienemitteln versprach man sich – und versprach man den KundInnen – eine positive Wirkung durch Radium.

Werbung in der Wiener Zeitschrift „Die Bühne“, Nr. 328, Mai 1932, S. 40.

Werbung in der Wiener Zeitschrift „Die Bühne“, Nr. 328, Mai 1932, S. 40.

Mit dem Verweis auf Radium ließen sich zahlreiche Produkte erfolgreich vermarkten – von Waschpulvern, Schuhcremes und Farben bis zu Radium-Pastillen und Radium-Schokolade. Nicht immer war dabei Radium vorhanden, doch das Element galt als kostbar und erstrebenswert, edler als Gold oder Diamanten. Und so erstaunte es wohl nicht allzu sehr, als man im Dezember 1910 in der Wiener „Illustrierten Kronen-Zeitung“ lesen konnte: „Bisher hat man silberne, goldene, eiserne und diamantene Hochzeiten gekannt. Jetzt ist noch die Radiumhochzeit hinzugekommen, die siebzigste Wiederkehr des Tages, da zwei noch lebende Ehegatten vor dem Altar die Ringe wechselten.“[5] Der Begriff „Radiumhochzeit“ findet sich bis in den 1930er Jahre immer wieder in Zeitungen bei Berichten über betagte Ehepaare. Danach ging man wieder zum vorher üblichen Begriff „Gnadenhochzeit“ über. Man war sich der Gefährlichkeit des Radiums allmählich bewusst geworden…

Ein Buchtipp zum Thema:
In dem Band „Half Lives. The Unlikely History of Radium“ erzählt die britische Historikerin und Sachbuchautorin Lucy Jane Santos in detailreicher und spannend zu lesender Form die so unwahrscheinliche Geschichte des Radiums, das als Wundermittel begrüßt wurde, um schließlich zum Inbegriff für gefährliche Strahlung zu werden. „‚Half Lives‘ is very much about the human story of radium,“ betont Santos: „It’s about the people who discovered it, made or used radium products. It’s their stories, rather than just a book about a chemical element. And I’m specifically interested in the use of radium in everyday life.“
„Half Lives. The Unlikely History of Radium“ ist 2020 bei Icon Books, London, erschienen und auch als E-Book erhältlich.

 

[1] Neues Wiener Journal, 26.5.1904, S. 8. Gleichlautende Berichte brachten u.a. das „Prager Tagblatt“, 25.5.1904, S. 8, das „Neuigkeits-Welt-Blatt“, 4.6.1904, S. 12, und das „Grazer Tagblatt“, 4.6.1904, S. 8.
[2] Das zweiaktige Musical „Piff! Paff! Pouf!“, zu dem Stanislaus Stange und William Jerome die Texte geschrieben und Jean Schwartz die Musik komponiert hatten, stand von 2.4.1904 bis 19.11.1904 mit 264 Aufführungen auf dem Spielplan des New Yorker „Casino Theatre“.
[3] Neues Wiener Journal, 26.5.1904, S. 8.
[4] Evening Express, 2.3.1904, S. 4.
[5] Illustrierte Kronen-Zeitung, 3.12.1910, S. 8. Ähnliche Berichte über diese neue Bezeichnung des 70. Hochzeitstages fanden sich damals auch in zahlreichen weiteren Zeitungen.