WAS IST EIN „ROUT“?

Ernst Deutsch-Dryden, Grafik, um 1930 (Museum für Kunst Gewerbe Hamburg)
Ernst Deutsch-Dryden, Grafik, um 1930 (Museum für Kunst Gewerbe Hamburg)

Anlässlich eines großen Familienfestes habe es einen „Rout“ gegeben, erzählte mir unlängst eine tschechische Bekannte. „Was ist ein Rout?“, fragte ich mich. Jane Austen, Charles Dickens und Karl Kraus hätten sofort gewusst, worum es geht. Und bei meiner Recherche zum Thema kam ich zunächst einmal auf Charlie Chaplin:

Charlie Chaplin zu Ehren werde „in der englischen Gesandtschaft ein Rout gegeben“[1], meldeten die Wiener Zeitungen im März 1931. Der Stummfilmstar war auf Europareise und nach London und Berlin kam er auch nach Wien, wo sein Aufenthalt von den Zeitungen nahezu lückenlos dokumentiert wurde. Von Chaplins Besuchen in Theatern und Bars wurde ebenso detailliert berichtet wie eben auch von einem „Rout“ in der englischen Gesandtschaft:

Wiener Allgemeine Zeitung, 19. März 1931, S. 5
Wiener Allgemeine Zeitung, 19. März 1931, S. 5

Was aber ist nun ein „Rout“? Der zeitgenössischen Leserschaft war das Wort offenbar durchaus geläufig, denn der Begriff wurde in den Zeitungen häufig verwendet. Man wusste, dass es sich um ein meist größeres gesellschaftliches Treffen handelte. So etwa gab es auch bei der Eröffnung der Wiener Festwochen 1934 einen Rout.

Die Stunde, 8. Juni 1934, S. 1
Die Stunde, 8. Juni 1934, S. 1

Routs waren im Allgemeinen eher lockere Empfänge, die eine gute Gelegenheit zum Netzwerken boten. Einer, der dies intensiv zu nutzen verstand, war der legendäre Theaterintendant Angelo Neumann, der von 1885 bis 1910 das „Neue Deutsche Theater“ in Prag leitete und da zahlreiche Routs gab. Ein „Rout bei Neumanns“ war, so vermerkte das „Prager Tagblatt“, stets „ein gesellschaftliches Ereignis, für das man sich allgemein interessiert und von dem man allenthalben spricht.“[2]

Auch der Schriftsteller und Kritiker Karl Kraus berichtete in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ mehrfach von den Routs im Hause Neumann – allerdings in der für ihn typischen ironischen Art und Weise: „Herr Neumann und seine Frau[3] veranstalten bei jeder Gelegenheit einen sogenannten ‚Rout‘. ‚Rout‘ ist englisch und heißt zu deutsch: Rotte, Bande, große Gesellschaft. Als Vorwand zur Ausfütterung der Pressleute (…) dient das Gastspiel irgendeines namhaften Künstlers. Beim vorletzten Rout war es Gustav Mahler, beim letzten Herr Kainz[4], der die Ananas abgab, um die herum das Arrangement des Buffets getroffen wurde.“[5] „Die Abfütterung der Journalisten“ sei, so Kraus in einem anderen, „Rout bei Neumanns“ betitelten Text, „eine so gründliche, daß sie es für ein ganzes Jahr satt bekommen, die Theaterwirtschaft des schlauen Händlers mit kritischen Augen zu betrachten.“[6]

Wenn Karl Kraus schreibt, dass der Begriff „Rout“ englisch und mit „Rotte, Bande, große Gesellschaft“ zu übersetzen sei, so führt er damit auf die richtige etymologische Fährte. Im „Oxford Dictionary of English“ findet man beim Begriff „rout“ drei verschiedene Definitionen: Bei einem „rout“ handle es sich 1.) um „a disorderly retreat of defeated troops“; 2.) aber auch um „an assembly of people who made a move towards committing an illegal act which would constitute an offence of riot“; und letztlich 3.) um „a large evening party or reception”.[7] Das scheint auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun zu haben, aber das Wort „rout“ wurde – ebenso wie das deutsche „Rotte“ – aus dem altfranzösischen „rote“ übernommen, was ganz generell „Schar“ bedeutete.[8] Und man könnte sich doch vorstellen, wie sich eine muntere Schar zu einer Abendgesellschaft zusammenfindet, aus der ein Tumult, ein „riot“, entsteht, der dann für so manche zu einem „disorderly retreat“, zu einem ungeordneten Rückzug führt …

„A Promenade to a Rout on a fair Evening“ heißt diese 1797 entstandene Radierung von Isaac Cruikshank, der sich mehrfach in Karikaturen mit dem Thema „Rout“ beschäftigte
„A Promenade to a Rout on a fair Evening“ heißt diese 1797 entstandene Radierung von Isaac Cruikshank, der sich mehrfach in Karikaturen mit dem Thema „Rout“ beschäftigte
Isaac Cruikshank: „Returning from a Rout on a rainy Night“. 1797
Isaac Cruikshank: „Returning from a Rout on a rainy Night“. 1797

Nicht nur die Bezeichnung, sondern auch die Sache selbst stammt aus England: Der Rout war dort ab dem späten 18. Jahrhundert eine der populärsten Formen gesellschaftlichen Beisammenseins. Die Routs waren immer wieder – und teilweise mit durchaus satirischem Unterton – Thema von Reiseberichten aus England. So etwa brachte das Tübinger „Morgenblatt für gebildete Stände“ 1817 in einem mit „Londoner Leben“ betitelten Beitrag folgende Schilderung:

„Das Haus, in welchem ein rout gehalten werden soll, wird, um Platz zu machen, von oben bis unten umgekehrt; Betten, Schränke, überflüssiges Gerät wird alles in einem Winkel aufgeschichtet, und ihre Stellen mit einem Haufen wohlgeputzter Leute ersetzt, welche die Hausherrin an der Türe stehend, wie alle Gäste ebenfalls stehen, mit einem Bekanntschafts-Lächeln empfängt. Man schwatzt nicht, man spielt nicht Karte, man macht keine Musik; man stößt sich, drängt sich, dreht sich umher, schiebt sich von Zimmer zu Zimmer mühselig durch, und macht sich nach einer Viertelstunde aus dem Staube, um seinen Wagen an der Tür, unter dem Bedientenvolk, oft längere Zeit zu erwarten, als man in den Gesellschaftszimmern zugebracht hat. Nun eilt man eifrig zu einem andern rout, wo man, wegen des Wagengedränges, eine halbe Stunde und länger warten muss, ehe man aussteigt, um denselben Kreis zu beginnen.“[9]

Charles Williams: The Moving Panorama – or Spring Garden Rout. 1823 (British Museum, London. CC BY-NC-SA 4.0)
Charles Williams: The Moving Panorama – or Spring Garden Rout. 1823 (British Museum, London. CC BY-NC-SA 4.0)

Das Essen wird bei einem Rout nicht serviert, sondern in Form eines Buffets angeboten. Dabei sollte – neben diversem „fingerfood“ – vor allem eines nicht fehlen: nämlich „Rout-Cakes“. Es sind dies kleine Kekse, die auch mehrfach zu literarischen Ehren kamen, da sie unter anderem in William Makepeace Thackerays Roman „Vanity Fair“ („Jahrmarkt der Eitelkeiten“), in Charles Dickens‘ Kurzgeschichte „The Bloomsbury Christening“ und in Jane Austens Roman „Emma“ serviert werden. In der engagierten Jane Austen-Fangemeinde gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wie denn „echte“ Jane-Austen-Rout-Cakes zu backen seien. Vielleicht so, wie es Maria Rundell, eine Zeitgenossin von Austen, in ihrem weitverbreiteten Kochbuch „A new system of domestic cookery” beschrieben hatte:

„A new system of domestic cookery”, London 1809, S. 234. Als Autorin ihres Kochbuchs gab Maria Rundell „By a Lady“ an – genauso, wie es auch Jane Austen bei ihren Romanen tat
„A new system of domestic cookery”, London 1809, S. 234. Als Autorin ihres Kochbuchs gab Maria Rundell „By a Lady“ an – genauso, wie es auch Jane Austen bei ihren Romanen tat

Inspiriert von Maria Rundells Rezept, jedoch etwas adaptiert und mit wesentlich geringeren Zutatenmengen, lassen sich Rout-Cakes (ca. 16 Stück) aus 160g Mehl, 80g Butter, 80g Feinkristallzucker, 80g gehackten Rosinen, 1 Eidotter, 1 Eiklar zu Eischnee geschlagen, 2 Teelöffel Grand Marnier, 1 Teelöffel Zitronensaft, sowie Rosenblütenwasser (so vorhanden bzw. eventuell ersetzt durch Backaroma) herstellen – und hätten, nach ca. 14 Minuten Backzeit (170°), vielleicht auch Jane Austen geschmeckt.

Rout-Cakes wie bei Jane Austen? Ein Versuch …
Rout-Cakes wie bei Jane Austen? Ein Versuch …

Nur wenig konnte offenbar der französische Schriftsteller Honoré de Balzac den Routs abgewinnen. Ein Rout sei, so schrieb er 1839 in seiner „Autre Étude de Femme“ eine „kalte Revue des Luxus“ (cette froide revue du luxe“), ein „Defilee der Selbstliebe in großen Kostümen“ („défilé d’amours-propres en grand costume“). Von England aus werde diese gesellschaftliche Mode verbreitet, denn, so Balzac: „England scheint zu wollen, dass die ganze Welt sich so langweilt wie es selbst und so sehr wie es selbst“ („L’Angleterre semble tenir à ce que le monde entier s’ennuie comme elle et autant qu’elle“).[10] Im Französischen wird der Rout übrigens „raout“ geschrieben und ist eine sprachliche Rückübernahme aus dem Englischen.

Wesentlich positiver als Balzac beurteilte etliche Jahrzehnte später die deutsche Publizistin Julie Elias den Rout. Im „Berliner Tageblatt“ schrieb sie 1928, dass der Rout „vollkommen den Bedingungen“ des modernen, von Zeit- und Termindruck bestimmten Lebens entspreche: „Freiheit des Kommens, Freiheit des Gehens, des Bewegens, der Konversation, ja sogar Freiheit der Eßwahl; all das wirkt beruhigend auf die abgehetzten Nerven.“[11]

Thomas Rowlandson (1756–1827): The Duchess of Gordon’s Rout
Thomas Rowlandson (1756–1827): The Duchess of Gordon’s Rout

Im Englischen und Französischen wird der Begriff „Rout“ bzw. „raout“ bis heute für Evening Partys und Soiréen verwendet. In Tschechien und Polen, wo man „raut“ schreibt, ist dies – wie eine kurze Internetrecherche bestätigen kann – derzeit ein Modewort für die verschiedensten Arten von Empfängen sowie ein beliebter Name für Restaurants und Catering-Unternehmen.

Für das Deutsche hingegen bezeichnet der „Duden“ das Wort „Rout“ als „veraltet“.[12] So empfand es offenbar auch schon Friedrich Torberg, als er sich in den späten 1950ern an die Herausgabe der Werke seines ein paar Jahre zuvor verstorbenen Schriftstellerkollegen Fritz von Herzmanovsky-Orlando machte. Denn dabei ersetzte Torberg im Titel der Erzählung „Scoglio Pomo oder Rout am Fliegenden Holländer“ den „Rout“ durch ein „Bordfest“.[13] Bei der Neuausgabe der Herzmanovsky-Orlando-Werke im Jahr 2007 ging man dann wieder zum Originaltitel zurück.[14]

Aktuell scheint der Rout immerhin dann noch zu sein, wenn es um die „Richtlinien für das Anlegen des Österreichischen Ehrenzeichens und fremder Orden“ geht. Denn da ist unter anderem zu erfahren: „Gibt der Bundespräsident ein Diner oder einen offiziellen Rout zu Ehren eines fremden Gastes von besonderer Distinktion (Gesandter, Minister oder dgl.), so trägt er das Band des fremden Ordens unter dem Gilet, an der Brust den Stern des österr. Großsterns und den Stern des fremden Großkreuzes.“[15]

Isaac Cruikshank: A Rout. 1790. Einige Personen sind mit Nummern markiert, auf die sich unterhalb der Darstellung verkürzte Namensangaben beziehen. Bei dem Mann in der rechten Bildhälfte im roten Frack und mit Ordensstern an der Brust soll es sich um Graf Siegmund von Haslang handeln, der 1783–1803 bayrischer Gesandter in London war.
Isaac Cruikshank: A Rout. 1790. Einige Personen sind mit Nummern markiert, auf die sich unterhalb der Darstellung verkürzte Namensangaben beziehen. Bei dem Mann in der rechten Bildhälfte im roten Frack und mit Ordensstern an der Brust soll es sich um Graf Siegmund von Haslang handeln, der 1783–1803 bayrischer Gesandter in London war

[1] Der Wiener Tag, 17.3.1931, S. 9.
[2] Prager Tagblatt, Morgenausgabe, 11.5.1904, S. 1f.
[3] Die Schauspielerin Johanna Buska.
[4] Der Schauspieler Josef Kainz gastierte im Oktober 1899 in den Hauptrollen von Shakespeares „Romeo und Julia“ und Rostands „Cyrano de Bergerac“ im „Neuen Deutschen Theater“.
[5] Die Fackel, Heft Nr. 25, Anfang Dezember 1899, S. 30f.
[6] Die Fackel, Heft 162, 15.5.1904, S. 22.
[7] Oxford Dictionary of English. Third Edition, Oxford 2010, S. 1550.
[8] Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Aufl., Berlin 1995, S. 693.
[9] Morgenblatt für gebildete Stände, 21.5.1817, S. 483. Die Orthografie wurde dem heutigen Standard angepasst.
[10] Honoré de Balzac: Autre Étude de Femme. In: Balzac: La fausse maitresse. Paris 1892, S. 138.
[11] Julie Elias: Moderne Kochkunst. In: Berliner Tageblatt, 26.2.1928, S. 21.
[12] Duden Onlinewörterbuch, www.duden.de (abgerufen am 4.8.2023).
[13] Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Scoglio Pomo oder Bordfest am Fliegenden Holländer. In: Herzmanovsky-Orlando: Das Gesamtwerk in einem Band. Hg. u. bearb. v. Friedrich Torberg. Wien 1957-1963, S. 621ff.
[14] Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Scoglio Pomo oder Rout am Fliegenden Holländer. Hg. v. Klaralinda Ma. Salzburg 2007.
[15] Land Steiermark, Referat Protokoll und Auszeichnungen: Richtlinien für das Anlegen des Österreichischen Ehrenzeichens und fremder Orden (https://www.verwaltung.steiermark.at/cms/ziel/74835094/DE/ abgerufen am 4.8.2023).

4.8.2023

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