SCHWIMM-GESCHICHTEN

Detail aus dem Plakat „Swim for Health“ der Cleveland Division of Health. 1940 (Library of Congress)Detail aus dem Plakat „Swim for Health“ der Cleveland Division of Health. 1940 (Library of Congress)

Nicht schwimmen zu können sei ebenso sehr ein Zeichen grober Unbildung wie nicht lesen zu können. Dieser Ansicht war man im antiken Rom – und die Feststellung „neque litteras didicit nec natare“ (jemand habe „weder die Buchstaben noch zu schwimmen erlernt“) war ein gebräuchliches abschätziges Urteil. Wieweit verbreitet das Können in diesen beiden Bereichen tatsächlich war, ist im Detail nicht bekannt.

Heutzutage ist in unseren Breiten die Kenntnis des Alphabets im Allgemeinen gesichert, mit dem Schwimmen hingegen sieht es etwas anders aus. Da nimmt das Können in letzter Zeit merklich ab. Einer der Gründe dafür ist, dass durch die Pandemie viel Schwimmunterricht entfallen ist, ein anderer, dass Baden zwar beliebt, sportliche Betätigung dabei aber nicht allzu gefragt ist. „Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Nichtschwimmer“, heißt es im „Jahresbericht 2020“ der „Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft“[1], und die „Schwimmstudie 2021“ des österreichischen „Kuratoriums für Verkehrssicherheit“ hat ergeben, „dass derzeit zwischen 7 und 8 Prozent der österreichischen Bevölkerung über 5 Jahre – das sind zwischen 600.000 und 700.000 Personen – nicht schwimmen können. Rund 20 Prozent der Österreicher schätzen ihre Schwimmskills als (sehr) unsicher bis mittelmäßig ein.“[2]

Honoré Daumier: „Die erste Schwimmstunde. Ich möchte gerne schwimmen lernen, aber nicht im Wasser, Papa … oh! nicht im Wasser!“ Lithografie aus der Serie „Croquis d'Été“, 1855.

Honoré Daumier: „Die erste Schwimmstunde. Ich möchte gerne schwimmen lernen, aber nicht im Wasser, Papa … oh! nicht im Wasser!“ Lithografie aus der Serie „Croquis d’Été“, 1855.

Durch die gegenwärtige Entwicklung erhöhe sich einerseits, so wird gewarnt, das Risiko für Badeunfälle, und andererseits gehe gesundheitlicher Wert verloren. Denn dass das Schwimmen dem Körper guttut, auch das wussten bereits die alten Römer. So etwa findet sich beim Dichter Horaz die Empfehlung, bei Schlafbeschwerden dreimal den Tiber zu durchschwimmen (wobei allerdings als zusätzlicher Einschlaftipp ergänzt ist, am Abend reichlich Wein zu trinken).[3] Bei Horaz findet sich, in übertragenen Sinne, auch ein Hinweis auf die bis heute wohl bekannteste Schwimmhilfe, nämlich den Schwimmreifen. Mit zunehmender körperlicher und geistiger Reife werde er lernen, „sine cortice“, ohne Kork-Schwimmreifen, zu schwimmen – so habe ihm sein Vater gesagt, berichtet der Dichter.[4]

Ein weiteres Hilfsmittel beim Schwimmen waren luftgefüllte Ziegenledersäcke, die unter anderem als Luftkissen dienten – hier zu sehen auf einem assyrischen Alabasterrelief, entstanden um 875–860 v.u.Z. Dargestellt sind Krieger, die auf der Flucht vor Bogenschützen über einen Fluss schwimmen. (Fundort: Nimrud / Irak. Foto © The Trustees of the British Museum)

Ein weiteres Hilfsmittel beim Schwimmen waren luftgefüllte Ziegenledersäcke, die unter anderem als Luftkissen dienten – hier zu sehen auf einem assyrischen Alabasterrelief, entstanden um 875–860 v.u.Z. Dargestellt sind Krieger, die auf der Flucht vor Bogenschützen über einen Fluss schwimmen. (Fundort: Nimrud / Irak. Foto © The Trustees of the British Museum)

Dass Menschen schwimmen – sich also „im Wasser in Verbindung von Auftrieb und Vortrieb“[5] fortbewegen –, ist seit Jahrtausenden überliefert. Wie gut sie es konnten und wie gerne sie es taten, das änderte sich allerdings immer wieder. So etwa war in der Spätantike nur noch wenig von der früheren römischen Begeisterung für den Schwimmsport vorhanden. Eine interessante These führt dies auf die Entwicklung der Badekultur zurück: Hatte es im Jahr 33 v.u.Z. in Rom 170 Thermen gegeben, so war deren Anzahl bis ins späte 4. Jahrhundert auf 856 angewachsen.[6] Es war also nicht mehr nötig, zur Rekreation im Tiber zu schwimmen, wenn man gemütlich in einer der vielen Thermen planschen konnte. Eine Situation also, die durchaus der heutigen ähnelt.

Wenn das Schwimmen in Europa an Prestige verlor und von einem Freizeitvergnügen zum gefährlichen, möglichst zu meidenden Unterfangen wurde, so lag dies an einer durchaus von der Kirche geförderten, zunehmenden Körperfeindlichkeit sowie auch an der vor allem im Mittelalter weitverbreiteten Vorstellung, dass Gewässer unheimliche, von allerlei Monstern bevölkerte Orte seien. Diese hatte man zu meiden, um nicht von bösen Wasserwesen in die Tiefe gezogen zu werden. Reste dieser Vorstellungen finden sich bis heute in volkstümlichen Überlieferungen, in Märchen und Sagen.

Seeungeheuer in einer Darstellung von ca. 1544, basierend auf Motiven aus der „Carta marina“ des Olaus Magnus (Wikimedia Commons)

Seeungeheuer in einer Darstellung von ca. 1544, basierend auf Motiven aus der „Carta marina“ des Olaus Magnus (Wikimedia Commons)

Lange Zeit wurde verdrängt, dass Schwimmkenntnisse durchaus ein Schutz gegen das Ertrinken sein können, ja vielfach wurde das Schwimmen sogar verboten. Wer sich nicht daran hielt, hatte mancherorts mit schweren Strafen zu rechnen. So etwa wurde 1571 in der englischen Universitätsstadt Cambridge schwimmfreudigen Studenten öffentliches Auspeitschen angedroht: „If any scholar should go into any river, pool or other water in the county of Cambridge, by day or night, he should […] be sharply and severely whipped publicly“[7].

Zwar gab es allmählich ein Umdenken in Sachen Schwimmen, und schon 1538 war in Augsburg das vermutlich allererste Schwimm-Lehrbuch erschienen. „Colymbetes, Sive De Arte Natandi“ lautete der Titel des vom Schweizer Gelehrten Nikolaus Wynmann in lateinischer Sprache abgefassten Werkes. Allerdings stellte noch zweieinhalb Jahrhunderte später der deutsche Pädagoge Johann GutsMuths in seinem „Kleinen Lehrbuch der Schwimmkunst“ fest: „Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist“. In außereuropäischen Kulturen sei, so GutsMuths, das Schwimmen weitverbreitet, in Europa aber habe man vergessen, was bei Griechen und Römern ein „Stück der Erziehung war“. Daher frage er „denn nochmals und dringender an: Soll denn das Schwimmen nicht auch bei uns Mode werden?[8]

Les Nageurs – Die Schwimmer. Karikatur aus der Serie „Le Suprême Bon-Ton“, Paris 1815

Les Nageurs – Die Schwimmer. Karikatur aus der Serie „Le Suprême Bon-Ton“, Paris 1815

In Mode kam das Schwimmen im 19. Jahrhundert, als in den europäischen Städten nach und nach Badeanstalten mit integrierten Schwimmschulen eröffnet wurden. Diese waren zunächst hauptsächlich für die Ausbildung des Militärs bestimmt. Eine der ersten Einrichtungen dieser Art war die 1810 eröffnete k. k. Militärschwimmschule in Prag, eine weitere folgte 1813 in Wien und ab 1815 gab es auch in Berlin eine Militärschwimmschule.

Jakob Alt: Die k. k. Militärschwimmschule im Prater. 1815. (Wien Museum Online Sammlung)

Jakob Alt: Die k. k. Militärschwimmschule im Prater. 1815. (Wien Museum Online Sammlung)

Bei den Militärschwimmschulen und auch bei den bald zahlreich vorhandenen zivilen Schwimmbädern handelte es sich oft um sogenannte Badeschiffe oder Badeflöße. Es waren dies Holzkonstruktionen, die in ihrem Aufbau Umkleidekabinen hatten, während sich in der Mitte das Schwimmbecken befand.

Die 1831 eröffnete Wiener „Ferdinand-Marien-Donau-Schwimm- und Badeanstalt“, die auch die erste Wiener Schwimmschule für Frauen beherbergte (Lithografie von Franz Wolf, 1833)

Die 1831 eröffnete Wiener „Ferdinand-Marien-Donau-Schwimm- und Badeanstalt“, die auch die erste Wiener Schwimmschule für Frauen beherbergte (Lithografie von Franz Wolf, 1833)

Der zunehmenden Begeisterung für das Schwimmen entsprach die ständige Verbesserung in der Ausstattung der Bäder. So etwa berichtete das „Österreichische Morgenblatt“ im Juni 1847 über die „Ferdinand-Marien-Donau-Schwimm- und Badeanstalt“: „Sowohl in der Männer- als Damen-Schwimmschule wurde die Vorrichtung getroffen, dass das Wasser eine sanfte Strömung erhält, wodurch die Möglichkeit erzielt wurde, dass Schwimmer so wie nach abwärts fast eben so leicht und ohne Anstrengung gegen den Strom schwimmen können; die Bäder erhielten aber durch diese Vorrichtung eine größere Strömung, wodurch dem Wunsche der Schwimm- und Badefreunde vollkommen entsprochen wurde, und die Anstalt dadurch an Zweckmäßigkeit ungemein gewonnen hat. Es wurde nämlich in der Mitte des Strombettes ein kostspieliger Damm aufgeführt und ein eigener Wasserkanal errichtet, wodurch sämtlichen Schwimm- und Badeabteilungen stets reines, rasch fließendes Wasser hinlänglich zugeteilt wird.“[9]

„Natation sur le ventre. Natation sur le dos“ – Brustschwimmen und Rückenschwimmen. Aus: F.E. Bilz: La nouvelle médication naturelle. Paris 1899, Bd 2, S. 1201

„Natation sur le ventre. Natation sur le dos“ – Brustschwimmen und Rückenschwimmen. Aus: F.E. Bilz: La nouvelle médication naturelle. Paris 1899, Bd 2, S. 1201

Die Methoden, nach denen in den Schwimmschulen unterrichtet wurde, variierten – und manchmal stand vor dem ersten Sprung ins Wasser ein entsprechendes „Trockentraining“ auf dem Programm.

Derartige Übungen im Trockenen empfahl der Berliner Turnlehrer Wilhelm Auerbach (nach dem übrigens der „Auerbachsprung“, also der Salto rückwärts ins Wasser, benannt ist) zum Erlernen der Koordination von Arm- und Beintempi. In: Wilhelm Auerbach: Das Schwimmen sicher, leicht und schnell zu erlernen. Zum Selbst-Unterricht für Jedermann. Berlin, 2. Aufl., 1873, S. 71

Derartige Übungen im Trockenen empfahl der Berliner Turnlehrer Wilhelm Auerbach (nach dem übrigens der „Auerbachsprung“, also der Salto rückwärts ins Wasser, benannt ist) zum Erlernen der Koordination von Arm- und Beintempi. In: Wilhelm Auerbach: Das Schwimmen sicher, leicht und schnell zu erlernen. Zum Selbst-Unterricht für Jedermann. Berlin, 2. Aufl., 1873, S. 71

Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts war das Schwimmen ein echter Breitensport und ein populäres sommerliches Freizeitvergnügen. Das Prestige, das ihm nun wieder zukam, zeigt sich auch darin, dass es seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896, im Wettkampfprogramm enthalten ist. Zunächst waren dabei allerdings nur Männer zugelassen (der erste Schwimm-Olympiasieger war der Ungar Alfréd Hajós-Guttmann), Frauen durften erstmals 1912 an den olympischen Schwimm-Bewerben teilnehmen (erste Olympiasiegerin war die Australierin Fanny Durack).

Detail aus einem Werbeplakat für das Strandbad in Mödling bei Wien (Joseph Binder, 1930)

Detail aus einem Werbeplakat für das Strandbad in Mödling bei Wien (Joseph Binder, 1930)

[1] DLRG – Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Website.
[2] KFV – Kuratorium für Verkehrssicherheit. Website.
[3] „Ter uncti transnanto Tiberim, somno quibus est opus alto, irriguumque mero sub noctem corpus habento”. In: Quintus Horatius Flaccus, Sämtliche Werke. Hg. u. übers. von Niklas Holzberg. Berlin 2018. S. 112.
[4] „Simulac duraverit aetas membra animumque tuum, nabis sine cortice“. Ebenda, S. 74.
[5] Brockhaus. Die Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Leipzig 2001. Bd 19, S. 643.
[6] s. Chaline, Eric: How Europe Learnt to Swim. History Today, 16.7.2018.
[7] University of Cambridge, Research news.
[8] GutsMuths, J[ohann] C.F.: Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterrichte. Weimar, 1793. Vorrede, S. VIIIf. (Die Orthografie wurde dem heutigen Standard angepasst).
[9] Österreichisches Morgenblatt, 5.6.1847, S. 268 (Die Orthografie wurde dem heutigen Standard angepasst).