BRACCELLIS BIZARRE FIGUREN

Alle Abbildungen in diesem Beitrag stammen aus der Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, WashingtonAlle Abbildungen in diesem Beitrag stammen aus der Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, Washington

„Kubismus“, lautet oft der erste Einordnungsversuch beim Anblick der Grafiken von Giovanni Battista Braccelli; „russischer Kubo-Futurismus“, würden die kunsthistorisch Mutigeren gerne meinen, aber da passt eben der Name des Künstlers nicht – und auch mit der geschätzten Entstehungszeit „frühes 20. Jahrhundert“ liegt man mächtig daneben. Denn die „Bizzarie di varie figure“, so der Titel dieses 50 Blätter umfassenden Radierungszyklus, wurden 1624 in Livorno veröffentlicht.

Über den Künstler, der diese bemerkenswerten Blätter geschaffen hat, ist nur sehr wenig bekannt. Giovanni Battista Braccelli[1] stammte wahrscheinlich aus Florenz, wo er Schüler des Malers Jacopo da Empoli war. Gemeinsam mit diesem war Braccelli 1616/1617 an der Ausgestaltung der Michelangelo-Ehrengalerie in der „Casa Buonarotti“ beteiligt. Das von ihm ganz im Stil der Zeit (und ganz anders als die „Bizzarie“) gemalte Deckenpaneel „Onore“ ist dort bis heute erhalten geblieben. Braccelli gehörte der renommierten Florentiner „Accademia delle Arti del Disegno“ an, und auf Florenz verweist auch das Titelblatt der „Bizzarie“, auf dem er sich als „pittore fiorentino“ – „florentinischer Maler“ bezeichnete.

Viel mehr ist über Braccellis Biografie allerdings nicht bekannt. Vermutlich kam er um 1619 nach Livorno, war später auch in Rom tätig (nannte sich dort „pittore fiorentino in Roma“) und publizierte 1632 eine Radierung in Neapel. Aus der Zeit zwischen 1624 und 1649 sind insgesamt 88 Radierungen von ihm erhalten, das letzte nachzuweisende Werk stammt aus dem Jahr 1649. Man weiß jedoch weder, wann Braccelli geboren wurde, noch wann und wo er gestorben ist.

Livorno erlebte im 16. und 17. Jahrhundert einen großen Aufschwung, und zahlreiche Künstler, so eben auch Giovanni Battista Braccelli, zog es in die von Liberalismus und Toleranz geprägte Stadt am Tyrrhenischen Meer. Unter der Herrschaft der Medici wurde Livorno nach dem Konzept einer „idealen Stadt“ neu angelegt, es wurde viel gebaut (unter anderem die „Cattedrale di San Francesco“, für die Braccelli ebenfalls Paneele schuf), und die Regenten – wie etwa Pietro di Pietro de’ Medici, dem Braccelli seine „Bizzarie“ widmete – gaben sich als kunstsinnige Gönner.

Mit seinen bizarren Figuren steht Giovanni Battista Braccelli ganz in der Tradition manieristischer Kunst. Einer der bedeutendsten Grafiker dieser Stilrichtung, Jacques Callot, war von zirka 1614 bis 1621 am Hof der Medici in Florenz tätig. Von Callots Werken erhielt Braccelli wohl entscheidende Impulse für sein Schaffen, ging jedoch in der Abstraktion und der Fragmentierung der Formen noch wesentlich weiter als sein Vorbild.

Giovanni Batista Braccellis Œuvre war lange Zeit fast vergessen, vom Zyklus „Bizzarie di varie figure“ haben sich nur zwei vollständige Exemplare erhalten: das eine in der „Library of Congress“ in Washington, das zweite in der „Bibliothèque nationale“ in Paris. Wiederentdeckt wurden der Künstler und sein Werk im 20. Jahrhundert. Der erste, der auf ihn aufmerksam machte, war der britische Kunsthistoriker und Direktor der „National Gallery“ in London, Kenneth Clark, der 1929 einen wegweisenden Aufsatz mit dem Titel „The ‚Bizarie‘ of Giovanbatista Braccelli“[2] publizierte. Fasziniert von Braccellis bizarren Figuren war auch der Schriftsteller Tristan Tzara. Als Vertreter des Dadaismus sah Tzara eine künstlerische Verwandtschaft zu Braccelli, dem er 1963 den Essay „Propos sur Braccelli“[3] widmete.

[1] In manchen kunsthistorischen Werken und Lexika ist der Familienname als Bracelli oder Braccielli zu finden.
[2] Clark, Kenneth: The ‚Bizarie‘ of Giovanbatista Braccelli. In: The Print Collector’s Quarterly, Vol. 16, No. 4, 1929, S. 310ff.
[3] Tristan Tzaras Essay erschien erstmals in einem von der Pariser „Librairie Alain Brieux“ herausgegebenen Faksimile der „Bizzarie di varie figure“.