DIE BUNTE WELT DER FIBELN

Illustrationen aus dem 1825 in Berlin erschienenen Band „Erstes Buch für Kinder, als Anleitung zum Nachdenken über mancherlei nützliche Gegenstände“ von J. E. FriedbergIllustrationen aus dem 1825 in Berlin erschienenen Band „Erstes Buch für Kinder, als Anleitung zum Nachdenken über mancherlei nützliche Gegenstände“ von J. E. Friedberg

Von A wie Affe oder Adler bis zu Z wie Ziege oder Zebra: Das Alphabet zu kennen ist eine jener Grundkompetenzen, deren Erwerb in vielen Teilen der Welt am Beginn des schulischen Lernens steht. Allerdings ist die erste Auseinandersetzung mit den Schriftzeichen eine durchaus fordernde Aufgabe, und es gibt vielfältige Bemühungen, diesen Lernprozess möglichst zu erleichtern und kindgerecht zu gestalten. Eine lange Tradition haben dabei jene Abbildungen, bei denen den Buchstaben Bilder zugeordnet sind. Es sind Visualisierungen von Begriffen, die dem Erfahrungsschatz und dem Wissenstand der Kinder entsprechen, wobei meist der Anfangsbuchstabe die assoziative Verbindung zwischen dem Schriftzeichen und dem Begriff darstellt.

Bildtafel zum Buchstaben S im Band „Kleines Bilder A. B. C.“ (1832) von Christian August Leberecht Kästner. Die einzelnen Begriffe waren bei dieser Publikation nicht direkt bei den Bildern platziert, sondern über die Zahlen in einem eigenen Verzeichnis erschließbar. Beim Buchstaben S war dazu vermerkt: „181. Das Schaukelpferd. 182. Der Schwan. 183. Der Schubkärner. 184. Das Schiff. 185. Die Scheere. 186. Der Schlitten. 187. Der Schmetterling. 188. Der Schnitter. 189. Die Sichel. 190. Die Schüssel. 191. Das Schaaf. 192. Die Säge“.

Bildtafel zum Buchstaben S im Band „Kleines Bilder A. B. C.“ (1832) von Christian August Leberecht Kästner. Die einzelnen Begriffe waren bei dieser Publikation nicht direkt bei den Bildern platziert, sondern über die Zahlen in einem eigenen Verzeichnis erschließbar. Beim Buchstaben S war dazu vermerkt: „181. Das Schaukelpferd. 182. Der Schwan. 183. Der Schubkärner. 184. Das Schiff. 185. Die Scheere. 186. Der Schlitten. 187. Der Schmetterling. 188. Der Schnitter. 189. Die Sichel. 190. Die Schüssel. 191. Das Schaaf. 192. Die Säge“.

Im Vorwort zu seinem 1827 und nochmals 1832 in Leipzig veröffentlichten Buch „Kleines Bilder A. B. C.“ schrieb der Pastor und Pädagoge Christian August Leberecht Kästner: „Bilder sind gewiß ein vortreffliches Mittel, Kinder zur Buchstabenkenntniß und zum Lesen zu führen. Außerdem, daß sie ihnen mehr Lust machen, hiernach zu streben, weil sie bisher ganz in der Bilderwelt gelebt haben, lassen sich Figur, Name und Laut des Buchstabens auch leichter an einem Gegenstande ergreifen, dessen Name damit anfängt“.

Links: Seite aus einem polnischen ABC-Buch, erschienen 1920 (Biblioteka Narodowa, Warszawa). Rechts: Seite aus einer 1935 publizierten französischen Fibel, illustriert von Gaston Maréchaux (Bibliothèque nationale de France / Gallica).

Links: Seite aus einem polnischen ABC-Buch, erschienen 1920 (Biblioteka Narodowa, Warszawa). Rechts: Seite aus einer 1935 publizierten französischen Fibel, illustriert von Gaston Maréchaux (Bibliothèque nationale de France / Gallica).

Derart bebilderte Werke (im Deutschen als Fibeln oder ABC-Bücher bezeichnet) gab es ab dem 18. Jahrhundert in zahlreichen Sprachen und Ländern. Teilweise wurde die illustrierte Buchstabenreihe auch auf Einzelblättern publiziert (ähnlich den heutzutage beliebten ABC-Posters).

Niederländisches „Beroepen alfabet“ (Berufe-Alphabet), publiziert um 1825 in Rotterdam. Bemerkenswert an dem Blatt ist, dass neben dem Bauern, dem Buchbinder, dem Chirurgen, dem Doktor, dem Goldschmied und dem Gärtner auch ein Engländer und ein Franzose in der Reihe der „Berufe“ zu finden sind. Stereotype Darstellungen von Angehörigen verschiedener Nationen gehörten lange Zeit zum Repertoire vieler Fibeln und ABC-Tafeln.

Niederländisches „Beroepen alfabet“ (Berufe-Alphabet), publiziert um 1825 in Rotterdam. Bemerkenswert an dem Blatt ist, dass neben dem Bauern, dem Buchbinder, dem Chirurgen, dem Doktor, dem Goldschmied und dem Gärtner auch ein Engländer und ein Franzose in der Reihe der „Berufe“ zu finden sind. Stereotype Darstellungen von Angehörigen verschiedener Nationen gehörten lange Zeit zum Repertoire vieler Fibeln und ABC-Tafeln.

Unter den vielen illustrierten Fibeln, die seit dem 18. Jahrhundert erschienen sind, finden sich hin und wieder auch mehrsprachige Exemplare. Meist sind es zwei Sprachen, in denen die Begriffe wiedergegeben sind. Deutsch und Latein sowie Deutsch und Französisch waren dabei offenbar lange Zeit bevorzugte Kombinationen.

Seite aus dem 1841 in Wien publizierten und von Carl Seipp illustrierten deutsch-französischen „Bilder ABC Buch. Zur Belehrung und zum Vergnügen für die Jugend“.

Seite aus dem 1841 in Wien publizierten und von Carl Seipp illustrierten deutsch-französischen „Bilder ABC Buch. Zur Belehrung und zum Vergnügen für die Jugend“.

Ein besonderes Exemplar in dieser Kategorie der mehrsprachigen Bücher ist die 1848 in Wien publizierte, von Johann Baptist Hofstetter verfasste „Österreichische National-Bilderfibel“. Sie enthält bebilderte ABC-Seiten und Geschichten in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Latein, Polnisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Begriffe zu den einzelnen Illustrationen finden sich auf den Bildseiten jeweils nur in einer Sprache, wie sie in den anderen lauten, ist dann auf der Folgeseite zu erfahren.

Seite aus „Österreichische National-Bilderfibel“

Bis heute gehören die ABC-Bücher zu den Standardpublikationen im Kinderbuchbereich. Natürlich hat sich die grafische Gestaltung immer wieder, entsprechend den jeweiligen ästhetischen Vorlieben, verändert, und lange Zeit waren bei weitem nicht alle Bücher farbig illustriert. Vor allem jene Fibeln, die nicht für die private Nutzung gedacht waren, sondern als Schulbücher dienten, waren – aus Kostengründen – bis ins 20. Jahrhundert meist nur mit einfarbigen Bildern ausgestattet.

Von Paul Hey gestaltete Illustrationen zu L und EI aus dem von Christoph Hering verfassten Schulbuch „Deutsche Fibel. Unter Berücksichtigung der jetzigen Kreislehrpläne für die bayerischen Volksschulen. Erster Teil“ (München 1918).

Von Paul Hey gestaltete Illustrationen zu L und EI aus dem von Christoph Hering verfassten Schulbuch „Deutsche Fibel. Unter Berücksichtigung der jetzigen Kreislehrpläne für die bayerischen Volksschulen. Erster Teil“ (München 1918).

Bär, Biene oder Blume für B, Kamel, Katze, Kerze oder Kuh für K, Reh oder Rose für R, Taube oder Tiger für T – das sind einige jener zahlreichen Standardkombinationen, die in den ABC-Büchern immer wieder auftauchen. Doch es gibt auch einige Schriftzeichen, bei denen sich nicht allzu viele passende Begriffe finden lassen. Im Deutschen sind dies X und Y. Heutzutage ist bei Y oft ein Yak abgebildet und bei X ein Xylophon. Manchmal findet sich bei X aber auch nur der Spruch „Bei X gibt’s nix“. Ähnlich ist es in dem 1845 in Leipzig erschienenen „ABC-Buch für kleine und große Kinder“. Zu einer von Theobald von Oer gestalteten Zeichnung reimte Robert Reinick: „Und stellst du auf den Kopf dich schon, / Du findest nichts auf Ypsilon!“.

In dem 1820 in Wien erschienenen „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“ löste der Verfasser, F. Josephinus, das XY-Problem mit den Wörtern „Xanthium“, „Ysop“ und „Yvo“.

Auch heutzutage würden Kinder wohl sehr schnell darauf kommen, dass es sich bei Yvo um den auf dem Bild dargestellten Knaben handelt. Mit Ysop und vor allem mit Xanthium aber hätten sie vermutlich – trotz der fein gestalteten Grafik – größere Verständnisschwierigkeiten. Ysop mögen manche als Gewürzkraut kennen, doch dass es sich bei Xanthium um eine Spitzklette handelt, ist wohl nur Expertenwissen. Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch scheinen die beiden Pflanzen so bekannt gewesen zu sein, dass ihre Namen als Merkhilfen für die Schriftzeichen geeignet waren.

In vielen Fibeln gibt es zusätzlich zu den Schriftzeichen und Einzelbegriffen auch kurze Gedichte, Geschichten und allgemeine Erläuterungen zu den Illustrationen. Zum Beispiel, wenn bei Q (heutzutage im Deutschen oft mit dem Bild einer Qualle versehen) Quäker abgebildet sind – was vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstaunlich oft der Fall ist.

Quäker in dem 1801 in Nürnberg erschienenen Band „Neue ABC-Tafeln nach Pestalozzi-Lehrart“ (links) und im „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“, 1820 in Wien veröffentlicht (rechts).

Quäker in dem 1801 in Nürnberg erschienenen Band „Neue ABC-Tafeln nach Pestalozzi-Lehrart“ (links) und im „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“, 1820 in Wien veröffentlicht (rechts).

Im „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“ ist zur Abbildung zu lesen: „Hier werden euch, liebe Kinder, zwey Männer in die Augen fallen, die mit ernsten Gesichtern und nieder geschlagenen Augen einher schreiten. Man nennt sie Quäker. Sie wohnen nicht unter uns, sondern größtentheils in England, Holland, am häufigsten aber in Nord-Amerika.“ Die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft seien, so erfahren die Kinder, „sehr gute, friedliche und wohlthätige Menschen, wohlthätig selbst gegen fremde Religionsgenossen. Ihr Fleiß, ihre Redlichkeit und Ordnungsliebe, die Einfachheit ihrer Lebensart, und der Ernst in ihrem Betragen haben ihnen die öffentliche Achtung erworben.“

Aus der Gestaltung der Fibeln lassen sich pädagogische Intentionen, gesellschaftliche Entwicklungen, politische Bedingungen und ideologische Ausrichtungen ablesen. So etwa, wenn das 1825 in Wien erschienene „Neueste ABC Buch in bildlichen Darstellungen für die Jugend zum Nutzen und Vergnügen“ mit der „Andacht“ beginnt und erst dann der „Apfelbaum“ folgt.

Aus heutiger Sicht bedrückend wirkt es, wenn im „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“ aus dem Jahr 1820 als beispielhafte Figuren beim Buchstaben O zwei Offiziere abgebildet sind, die als „Obrigkeit“ für den Zugang zu einem Ort entsprechende Dokumente fordern. Eher erheiternd hingegen ist es, dass im Leipziger „ABC-Buch für kleine und große Kinder“ 1845 als Illustration für Q der Quacksalber – gezeichnet von Ludwig Richter – gewählt wurde.

Alte Fibeln liefern ein buntes Bild vom Leben in jener Zeit, in der sie entstanden sind. So etwa, wenn es um jene Angehörigen verschiedenster – heute teilweise nicht mehr existenter – Berufsgruppen geht, die als so typisch angesehen wurden, dass man sie als beispielhaft in die ABC-Bücher aufnahm.

Die ABC-Bilder mit Grasmädchen, Fasszieher, Laufer, Wachter und Tambour stammen aus dem „Neuesten ABC Buch in bildlichen Darstellungen für die Jugend zum Nutzen und Vergnügen“ (Wien 1825); Harfner, Hutmacher, Lehrer, Milchfrau und Zettelträger aus dem „Neuen A, B, C-Buch zum Nutzen und Vergnügen für gute Kinder“ (Wien 1830); der Postknecht aus dem „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“ (Wien 1820); und der Nachtwächter aus dem „Ersten Buch für Kinder, als Anleitung zum Nachdenken über mancherlei nützliche Gegenstände“ von J. E. Friedberg (Berlin 1825).

Die ABC-Bilder mit Grasmädchen, Fasszieher, Laufer, Wachter und Tambour stammen aus dem „Neuesten ABC Buch in bildlichen Darstellungen für die Jugend zum Nutzen und Vergnügen“ (Wien 1825); Harfner, Hutmacher, Lehrer, Milchfrau und Zettelträger aus dem „Neuen A, B, C-Buch zum Nutzen und Vergnügen für gute Kinder“ (Wien 1830); der Postknecht aus dem „Neuen ABC-Buch mit 24 sinnvollen und lehrreichen Bildern für gute Kinder“ (Wien 1820); und der Nachtwächter aus dem „Ersten Buch für Kinder, als Anleitung zum Nachdenken über mancherlei nützliche Gegenstände“ von J. E. Friedberg (Berlin 1825).

ABC-Bücher sind also nicht nur in ihrer grafischen Gestaltung attraktive Dokumente zur Geschichte der Pädagogik, sondern auch, allgemein betrachtet, aufschlussreiche Materialien zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte.