CHRISTINE WUNNICKES PAPAGEIEN

Christine Wunnicke wird am 24. Oktober mit dem Georg-Büchner-Preis die höchste literarische Auszeichnung im deutschen Sprachraum erhalten. Die Jury hob ihr „stets überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk“ hervor. Davon kann man sich auch einen Eindruck machen, wenn man ihr Papageien-Büchlein öffnet, das in der „Naturkunden“-Reihe des Verlages Matthes & Seitz erschienen ist. Da stellt diese begnadete Erzählerin zuerst den exotischen Kakapo aus Neuseeland vor und dann, als heimisches Gegenstück, den ungeliebten Wellensittich ihrer Kindheit, namens Klitz. „Klitz“ fürchtete sich vor allem, traute sich nie aus dem Käfig und hob auch nie seine Flügel.  Aus einer Art Wiedergutmachung heraus widmet die Autorin ihr Papageien-Porträt diesem ängstlichen Vogel.

Kakapo (Strigops habroptilus). Aus: George R. Gray: The Genera of Birds. Band 2, 1849
Kakapo (Strigops habroptilus). Aus: George R. Gray: The Genera of Birds. Band 2, 1849

Die grotesken Lebensgewohnheiten des neuseeländischen Kakapo, eines „eulenäugigen Fußgängers“, hat Christine Wunnicke genauso  studiert und recherchiert wie die Biografien der Heldinnen und Helden aus längst vergangenen Zeiten, die sie in ihren Romanen lebendig werden lässt. „Kakapos muss man lieben. Sie sind die nettesten Vögel der Welt“, beendet sie ihren Prolog, um sich dann dem geheimnisvollen Stammbaum der vielen verschiedenen Wörter, mit denen die Papageien international bezeichnet  werden, zu widmen.

Auch der höchsteigene Stammbaum der Psittaciformes, wie die Papageienvögel wissenschaftlich bezeichnet werden, gab lange Zeit Rätsel auf. Erst 2008 wurde in einer großen Studie festgestellt, dass die Sperlingsvögel, wozu auch alle Singvögel gehören, ihre nächsten Verwandten sind. Rund 400 lebende Arten und Unterarten gibt es von den Psittaciformes, „vom riesigen Ara bis zum fingerlangen Mikro-Sittich“, somit gehören sie zu den umfangreichsten und diversesten Ordnungen der Vögel.

Micropsitta pusio, die kleinste Papageienart. Aus: George Dawson Rowley u.a.: Ornithological miscellany. 1876
Micropsitta pusio, die kleinste Papageienart. Aus: George Dawson Rowley u.a.: Ornithological miscellany. 1876

Und weiter schreibt Wunnicke davon, dass viele Arten schon ausgestorben oder gerade am Aussterben sind, dass viele Papageien hervorragende Flieger sind, wie zum Beispiel der Wellensittich im australischen Binnenland. In diesem Zusammenhang muss sie im Original zitiert werden, weil die Bilder, die sie entstehen lässt, einfach überwältigend sind: „Die einzelnen Schwärme ballen sich zusammen, zu gewaltigen, zwitschernden, wogenden Wolken aus mehreren Hunderttausend Vögeln. Aus der Ferne kann man sie mit einem aufziehenden Gewitter verwechseln.“

Begeistert ist Christine Wunnicke von den fantastischen Farben der Papageien. Sie weiß auch, dass die meisten Vögel – und übrigens auch die Reptilien – einen Farbrezeptor mehr als wir Menschen auf der Netzhaut haben und dass wir dessen Bedeutung nie erfahren werden. Und weiter geht es in der Erkundung der Papageien, über ihr Fressverhalten zu Schnabel und Zunge, einem zusätzlichen Kaumuskel und den Zehen, mit denen sie ja oft ihre Nahrung greifen. Man hält sie zwar als Haustiere, aber sie sind keine, auch wenn sie – so Wunnicke – „die Königin der Nacht fehlerfrei pfeifen, das Geräusch der Klospülung nachahmen, Küsschen geben, schmusen und tanzen und steppen, einem ins Hemd kriechen, bellen und lachen und fluchen.“

Der Graupapagei, Psittacus erithacus, gilt als die sprechbegabteste Papageienart. Aus: François Levaillant: Histoire naturelle des perroquets. Band 2, 1805.
Der Graupapagei, Psittacus erithacus, gilt als die sprechbegabteste Papageienart. Aus: François Levaillant: Histoire naturelle des perroquets. Band 2, 1805.

Christine Wunnicke begleitet die Papageien auf ihrem Weg durch die Literatur von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und dessen Papagei Captain Flint über Gustave Flauberts Erzählung „Ein  schlichtes Herz“, in dem der Papagei Loulou heißt, bis hin zu Thomas Bernhards Komödie „Immanuel Kant“, in der ein Graupapagei namens Friedrich den Philosophen begleitet.

Dann kommt sie zu der gewaltigen Transferleistung, die den Papageien die Nachahmung menschlicher Sprache abverlangt. Das, was wir nämlich mit Lippen, Zähnen, flacher Zunge, Primatennase, Stimmbändern und Kehlkopf hervorbringen, versuchen sie mit Stimmorgan, Kehle, einer walzenförmigen Zunge und einem steinharten Schnabel ähnlich klingen zu lassen. Sie können aber auch Kunststücke mit ihren Augen vollführen und sie spielen leidenschaftlich. Den prächtigsten Papageien der Welt, jenen aus Zentral- und Südamerika widmet sie ein weiteres Kapitel, in dem sie sich dann auch mit deren Rolle in der bildenden Kunst beschäftigt.

Alexander Francis Lydon: Frauenlori (Lorius lory). Um 1885 (Artvee)
Alexander Francis Lydon: Frauenlori (Lorius lory). Um 1885 (Artvee)

Wunnicke befasst sich in ihrem Buch auch mit dem Artenschutz und muss da feststellen, dass die Rettung einer in Freiheit fast ausgestorbenen Art durch Auswilderung von Käfigvögeln so gut wie nie gelingt, dass es Papageien jedoch auf eigene Initiative, von sich aus, schaffen, florierende, stabile Kolonien im Freien zu gründen. Der eigentlich südamerikanische Mönchssittich zum Beispiel fliegt mittlerweile in Europa frei umher und entwickelt regionale Dialekte. Mönchssittiche werden bis zu 30 Jahre alt, entsprechend lang dauert ihre Entwicklung: „Teenager schließen sich zu Banden zusammen und beanspruchen eigene Bereiche im Hochhaus, worin sie Kreischorgien feiern, Scheinpaarungen veranstalten und mit Schnäbeln und Füßen Duelle austragen“. 

Mit dem Leben der Wohnzimmerpapageien schließt Christine Wunnicke den ersten Teil des Buches ab, im zweiten porträtiert sie zehn Papageienarten.

Alexander Francis Lydon: Golden-crowned conure (Goldscheitelsittich). Um 1885 (Artvee)
Alexander Francis Lydon: Golden-crowned conure (Goldscheitelsittich). Um 1885 (Artvee)

Übrigens, Judith Schalansky, die Herausgeberin der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz, wird die Laudatio auf Christine Wunnicke bei der Büchner-Preis-Verleihung halten.

Christine Wunnicke: Papageien. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026.
Die Abbildungen in diesem Beitrag stellen eine thematische Ergänzung dar und stammen nicht aus dem besprochenen Buch.

17.10.2026

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