APULIEN: TRULLI, SÜDLICHE SONNE UND EINE KULTURHAUPTSTADT

Alle Fotos © Konrad Holzer

Apulien, die Region im Süden Italiens, am Absatz des italienischen Stiefels, hat sehr viel von dem, wovon wir Mitteleuropäer träumen, wenn wir von Italien träumen. Bevor also spezieller auf die ganz besonderen Sehenswürdigkeiten eingegangen wird, darunter Trulli, Castel del Monte und Barock in Lecce, bevor das alles und auch Matera, die europäische Kulturhauptstadt 2019, gezeigt wird, soll zuerst einmal einer dieser Träume bildlich dargestellt werden: Es sind diese kleinen schmalen Gassen, die ein ganz besonderes Flair haben, das sich aus vielen Bestandteilen, die genau gar nicht definiert werden können, zusammensetzt. Da gehören die Wände der Häuser dazu, die Tore, die Gerüche, die Geräusche oder ganz einfach, dass die Sonne einfällt, die eine ganz besondere, eben eine südliche Sonne ist. Wohin diese Gassen führen, ist egal. Manche enden in einem kleinen Platz, oder vor einer Kirche, oder hören einfach auf. Und sie verlieren ihren Reiz auch nicht in der Nacht.

Apulien ist zum Großteil ebenes Land, diese Ebene wird über weite Strecken hin von Ölbäumen geprägt. Das ist ein Vielerlei im Einerlei, weil diese Bäume alle schon so alt sind, dass sie eine eigene Physiognomie entwickelt haben, keiner gleicht dem anderen. Und aus der Ebene ragen dann Städte und Burgen empor.

Eine der schönsten Städte Apuliens ist Lecce, es wird auch „das Florenz des Südens“ genannt. Dort wird Barock bis an seine Grenzen ausgereizt, mühsam scheint die Architektur das alles zusammenzuhalten, was da üppig wuchert. Es sind nicht nur einzelne Bauwerke, die so geschmückt sind, geht man durch die Gassen der Altstadt, findet man eine Barockfassade neben der anderen, sowohl restauriert als auch verfallend. Man sollte sich die Stadt im Abendrot ansehen, da verfärbt sich der Tuffstein besonders spektakulär.

Die Trulli. Das sind runde Häuser, die kegelförmig und weiß gekalkt in den Himmel ragen. Und wenn der dann auch noch südlich strahlend blau ist, dann ist das ein unwahrscheinlich schöner Anblick: Kegel reiht sich an Kegel, in den verschiedensten Formationen sind sie rund um Alberobello und Locorotondo zu finden. Zuerst einzeln in der Landschaft stehend, dann aber zu ganzen Dörfern sich zusammenrottend. In Alberobello, dem Ort, der wegen der Trulli zum Weltkulturerbe gehört, gibt es sogar eine Kirche in Form eines Trullo. Geht man dann durch die weißgekalkten Gassen, kann es schon sein, dass man an die Kellergassen im Weinviertel erinnert wird.

Apulien liegt auch am Meer, oder besser an zwei Meeren, am Ionischen im Westen und an der Adria im Osten. Sandstrände wechseln sich ab mit rauen Felsenküsten, immer wieder findet man kleine idyllische Buchten. Die großen Städte haben natürlich ihre Hafenanlagen, die Küstenstraßen führen durch kleine Orte in denen alte Villen stehen, die aus längst vergangenen Zeiten stammen.

Eines der imposantesten Bauwerke Apuliens – und eines der bedeutendsten mittelalterlichen Architekturdenkmäler überhaupt – ist das von Friedrich II., dem Stauferkaiser, im dreizehnten Jahrhundert angelegte Castel del Monte. Man weiß bis heute nicht genau, welchem Zweck es hätte dienen sollen. Es steht einfach in sich vollkommen da, achteckig, mit acht Türmen und dicken Mauern und – was auf den Bildern nicht zu sehen ist – sturmumtost. Dieses pathetische Wort trifft allen Ernstes zu, voll trifft einen die Wucht, wenn man von einer windgeschützten Seite um eine Ecke kommt.


Es ist Italien, das heißt: Kirchen allüberall, stilistisch von der Romanik bis zum Barock, bescheiden versteckt in den kleinen Dörfern und mächtig triumphierend in den großen Städten. Prunkvolle Kassettendecken findet man genauso wie Fußbodenmosaiken oder Deckengemälde und wunderschöne Krypten.

Zum Abschluss also Matera, die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019. Man hat nun schon einiges Gegensätzliches darüber gehört, dass der Ort zum Museum geworden sei und dass niemand mehr dort wohne. Wenn das so ist, wird das die Besucher nicht stören, weil sie sicher auf den Gassen und Plätzen dieser Stadt nicht allein sein werden. Der erste Blick auf die Stadt ist auf jeden Fall atemberaubend. Alles weitere kann dann schon recht anstrengend werden: treppauf, treppab geht es durch die engen Gassen, oder hinunter ans Ufer der Gravina, man kann auch in einige der Sassi, also in die Höhlen, die noch bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts bewohnt wurden, hineinschauen. Und, diese Sassi wurden wiederbelebt: es befinden sich dort Trattorien und Bars, Souvenirshops und sogar Hotels.

Vor den Tipps für weiterführende Literatur eine Warnung: Man sollte sich beim Kauf eines Reiseführers doch vorher schon vergewissern, was man sehen will – und dann nachschauen, ob das, was man sehen will, in dem Guide auch beschrieben wird, denn da gibt es oft haarsträubende Mängel!
Nun aber zum Positiven:
Maria Carmen Morese: „Gebrauchsanweisung für Apulien“, erschienen bei Piper, ist eine sehr persönliche Annäherung an die Region, die man vor der Reise lesen kann, um sich einzustimmen, aber auch nachher, um Erinnerungen wachzurufen.
Der „Mann aus Apulien“ ist eine viel beachtete Romanbiografie aus den 1980er Jahren, die der Journalist Horst Stern geschrieben hat. Stern wurde damals mit Fernsehfilmen über Mensch-Tier-Beziehungen berühmt. Das ist natürlich auch in dem Roman über Friedrich II. ein Thema, der ja das Castel del Monte nur für seine Leidenschaft, die Jagd mit Falken gebaut haben soll. Erhältlich ist der Band als Rowohlt-Taschenbuch und auch als E-Book.