DIE WÜRDIGUNG DES BISONS

Foto: Douglas Bowen / USFWS-United States Fish and Wildlife Service

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Dieser im Rahmen der globalen Umweltdiskussion vielfach zitierte Satz wird oft als „Weissagung der Cree“ bezeichnet. Die Zuschreibung scheint allerdings nicht sicher zu sein, und es gibt auch zahlreiche andere Quellenangaben für die so aufrüttelnde Sentenz. Wie auch immer – auf jeden Fall hatten die Cree, die eines der größten indigenen Völker Nordamerikas sind, in bitterster Weise erfahren müssen, wie die Vernichtung von Naturraum und die Ausrottung von Tierbeständen zur Zerstörung ihrer angestammten Lebensformen führte.

Symbolhaft dafür ist der Bison – jenes Wildrind, das den Cree (wie auch vielen anderen indigenen Völkern) heilig ist. In riesigen Herden bevölkerten die Bisons die Prärien im Norden des amerikanischen Kontinents. Man schätzt, dass ihre Bestände bis ins 18. Jahrhundert bei 30 bis 50 Millionen Tieren lagen. Mit der zunehmenden weißen Besiedlung des Landes aber setzte eine intensive Bejagung ein. Denn Produkte wie Bisonfelle und vor allem Büffelleder hatten sich zu einträglichen Exportartikeln – hauptsächlich für den europäischen Markt – entwickelt. Darüber hinaus aber war um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Bisonjagd auch zu einem brutalen „Sport“ geworden: Eisenbahngesellschaften bewarben spezielle „Hunting by Rail“-Exkursionen, bei denen die Teilnehmer vom Zug aus auf die Bisonherden schossen und die toten Tiere dann einfach liegen ließen.

Um 1900 waren die Bisons nahezu ausgerottet. Für indigene Völker wie die Cree war dies eine Katastrophe, denn die Tiere hatten für sie eine wesentliche Nahrungsgrundlage dargestellt und mit Fell, Leder, Hörnern, Sehnen, Knochen und Innereien wichtige Ressourcen für das tägliche Leben geliefert. Das Verschwinden der Bisons trug wesentlich zum Verlust der Autonomie der sogenannten First Nations bei, zu ihrer Verarmung und zum Verlust von traditionellen Lebensformen und spirituellen Werten.

Dank vermehrter Schutzmaßnahmen im Laufe des 20. Jahrhunderts gibt es derzeit in den USA und Kanada wieder über 400.000 Bisons, wobei der Großteil in Bisonfarmen gehalten wird und nur rund 21.000 wildlebend sind.[1]

Zunehmend setzt auch Interesse für die Bedeutung ein, die der Bison für die Lebenswelt von Völkern, wie die Cree es sind, über lange Zeit hatte und zum Teil immer noch hat. Einen bemerkenswerten Beitrag dazu liefert die kanadische Schriftstellerin Judith Silverthorne mit ihrem Buch „Honouring the Buffalo. A Plains Cree Legend“. Der Band, der nach seinem Erscheinen 2014 mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet wurde, liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor: „Die Würdigung des Bisons. Eine Legende der Plains Cree“. Silverthorne beruft sich in ihrem Text auf Raymond Lavallee (1941–2016), einen Cree aus den Great Plains, der sich zeitlebens engagiert für die Bewahrung und Vermittlung der Kultur seines Volkes einsetzte. Er hatte ihr jene Legende erzählt, nach der sich der Bison den Menschen als Gottesgeschenk geopfert habe und als Dank dafür von ihnen als heilig verehrt wurde. Judith Silverthorne hat daraus eine kleine Geschichte geformt – ein Großvater gibt das Wissen um die Bedeutung des Bisons an seinen Enkel weiter –, und Mike Keepness, ein aus dem indigenen Volk der Pasqua stammender kanadischer Maler, hat dazu die Illustrationen geschaffen.

Der mit rund 50 Seiten relativ schmale Band mag auf den ersten Blick wie ein Kinderbuch wirken – aber er ist als eine zum Nachdenken und eigenen Recherchen anregende Lektüre auch einer erwachsenen Leserschaft zu empfehlen. Eine Besonderheit des Werkes ist seine Zweisprachigkeit: Neben der deutschen Fassung ist der Text auch in der Sprache der Cree abgedruckt – so wie das auch in den beiden kanadischen Ausgaben, also der englischen und der französischen, der Fall ist. Dort, wo mehr als 350.000 Cree – und damit der Großteil dieses Volkes – leben, ist das eine korrekte Rücksichtnahme auf diesen Teil der potenziellen Leserschaft. Doch auch im deutschsprachigen Raum, wo es wohl kaum Cree-Sprechende gibt, ist es als Würdigung von deren Kultur anzuerkennen. Und außerdem ist es durchaus spannend, während der Lektüre immer wieder einen Vergleich zwischen den beiden Sprachen anzustellen.

Ausschnitt aus „Die Würdigung des Bisons“, so wie hier ist im gesamten jeweils auf der linken Seitenhälfte der Text in der Sprache der Cree abgedruckt.

Ausschnitt aus „Die Würdigung des Bisons“. Im gesamten Buch ist jeweils auf der linken Seitenhälfte der Text in der Sprache der Cree abgedruckt.

Die Würdigung des Bisons. Eine Legende der Plains Cree. Erzählt von Ray Lavallee. Aufgeschrieben von Judith Silverthorne. Illustrationen von Mike Keepness. Übersetzung Wolfgang Barth. Mons Verlag, Dresden 2019.

[1] Quelle: IUCN – International Union for Conservation of Nature, American Bison Status Survey and Conservation Guidelines 2010. Ed. by C. Cormack Gates, Curtis H. Freese, Peter J.P. Gogan, and Mandy Kotzman. S. 9.