DIE VIELFALT DER TIERWELT

Der sogenannte „Beutelwolf“ oder „Tasmanische Tiger“ zeigt zwar in seiner Körperform und seinem Skelett eine starke Ähnlichkeit mit Hunden und Wölfen, ist jedoch enger mit den Kängurus und Wombats verwandt. „Die Geschichte dieses einzigartigen Tiers gehört allerdings zu den traurigsten in der gesamten Zoologie: Aufgrund der aggressiven Bejagung durch weiße Siedler wurde der Beutelwolf im frühen 20. Jahrhundert wahrscheinlich ausgerottet“ (David Bainbridge). Abb. aus dem zwischen 1845 und 1863 publizierten, mehrbändigen Werk „The Mammals of Australia“ von John Gould.Der sogenannte „Beutelwolf“ oder „Tasmanische Tiger“ zeigt zwar in seiner Körperform und seinem Skelett eine starke Ähnlichkeit mit Hunden und Wölfen, ist jedoch enger mit den Kängurus und Wombats verwandt. „Die Geschichte dieses einzigartigen Tiers gehört allerdings zu den traurigsten in der gesamten Zoologie: Aufgrund der aggressiven Bejagung durch weiße Siedler wurde der Beutelwolf im frühen 20. Jahrhundert wahrscheinlich ausgerottet“ (David Bainbridge). Abb. aus dem zwischen 1845 und 1863 publizierten, mehrbändigen Werk „The Mammals of Australia“ von John Gould.

Immer schon wollten die Menschen Ordnung in die Vielfalt der Tierwelt bringen. Zunächst ging es dabei vor allem ums Überleben und um Fragen wie etwa: Welche Tiere sind gefährlich, welche können gezähmt werden, welche geben Nahrung, welche liefern Material für Kleidung? Auch markante Ähnlichkeiten zwischen manchen Arten und große Unterschiede zu anderen gaben Anlass zu ersten Klassifikationen. Im Lauf der Zeit führten die Versuche zu systematisieren auch zu einer Vielzahl von bildlichen Darstellungen – wie überhaupt Tiere zu den frühesten Motiven gehören, die von Menschen gezeichnet wurden.

BuchcoverDer britische Biologe und Sachbuchautor David Bainbridge machte diese beiden Aspekte – den Wunsch nach einem System und das Bestreben, dies auch bildlich darzustellen – zum Ausgangspunkt für sein Buch „Tiere ordnen. Eine illustrierte Geschichte der Zoologie“. Man sollte sich von dem etwas trockenen Titel nicht davon abhalten lassen, sich näher mit diesem Werk zu beschäftigen. Denn es ist weit mehr als eine „Geschichte der Zoologie“. In dem 256 Seiten starken Band geht es ebenso um kulturhistorische Themen, um Forschungs- und Entdeckungsreisen, um theologische Fragen, um Ökologie, um sozialgeschichtliche Aspekte und um noch vieles mehr. All das wird illustriert durch eine Vielzahl von Bildern.

Zwei Abbildungen dem 1754 in Amsterdam publizierten Band „Poissons, ecrevisses et crabes“ von Louis Renard, einem aus Frankreich stammenden Verleger. Zwar sind etliche der insgesamt rund 460 dargestellten „Fische, Krebse und Krabben“ eher der Fantasie entsprungene Wesen als real existierend, doch gilt es als Renards Verdienst, eine erste große und durchgehend farbige Systematik vorgelegt zu haben.

Zwei Abbildungen aus dem 1754 in Amsterdam publizierten Band „Poissons, ecrevisses et crabes“ von Louis Renard, einem aus Frankreich stammenden Verleger. Zwar sind etliche der insgesamt rund 460 dargestellten „Fische, Krebse und Krabben“ eher der Fantasie entsprungene Wesen als real existierend, doch gilt es als Renards Verdienst, eine erste große und durchgehend farbige Systematik vorgelegt zu haben.

Entscheidenden Einfluss darauf, wie über lange Zeit die Welt der Tiere gesehen und klassifiziert wurde, hatten zum einen die Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles und zum anderen der von einem unbekannten Autor im 2. Jahrhundert verfasste „Physiologus“. Aristoteles war mit seiner Naturphilosophie, so erklärt Bainbridge, ein früher Verfechter einer „Stufenleiter der Natur“, „auf der alle Lebewesen in sorgfältig abgestufter Rangfolge von der Grundmaterie über Pflanzen, Tiere und Menschen bis hin zum Göttlichen geordnet waren. Diese strenge hierarchische Klassifikation widersprach zwar der wuchernden Vielfalt des Tierreichs, die er selbst beschrieb, bildete aber dennoch bis zum 19. Jahrhundert die Grundlage vieler zoologischer Klassifikationen und sogar der Philosophie allgemein.“ Die Vorstellung einer hierarischischen Ordnung des Lebendigen konnte sich nicht zuletzt deshalb so lange und hartnäckig halten, weil sie den Menschen eine überlegene Stellung zuschrieb.

In dem auf der Bibel und der frühchristlichen Gedankenwelt basierenden „Physiologus“ werden die insgesamt vierzig darin beschriebenen Tiere „weniger nach ihren zoologischen Merkmalen vorgestellt als danach, was sie uns als religiöse Symbole lehren können.“ Damit dienen sie „nur als illustrative Elemente für das Wort Gottes – die Zoologie hatte sich der Theologie untergeordnet, ihre wissenschaftliche Kohärenz sollte in den folgenden Jahrhunderten darunter leiden.“

In dem um 1250–1260 entstandenen „Northumberland Bestiary“ wird der Igel als Dieb dargestellt, der sich „mit aufgestellten Stacheln in Früchten rollt, um so viele wie möglich davonzutragen“.

In dem um 1250–1260 entstandenen „Northumberland Bestiary“ wird der Igel als Dieb dargestellt, der sich „mit aufgestellten Stacheln in Früchten rollt, um so viele wie möglich davonzutragen“.

Der große Wandel innerhalb der Zoologie, hin zum heutigen Verständnis der Beziehungen zwischen den Tieren, setzte im 18. Jahrhundert ein. Entscheidend dabei war unter anderem die – revolutionäre und zunächst vielfach angefeindete – Erkenntnis, dass die Erde wesentlich älter sei, als man angenommen hatte. Auch das Tierreich war also nicht in einem einzelnen Schöpfungsprozess entstanden, sondern hatte sich über lange Zeitläufte hinweg entwickelt und ausdifferenziert. Man fand heraus, dass es sich bei Fossilien um die uralten Überreste von Lebewesen handelt, erkannte Verwandtschaften zwischen einzelnen Tierarten und begann sich mit der globalen Ausbreitung der Lebewesen zu beschäftigen.

Zu der 1830 entstandenen Lithografie „Duria Antiquior“ von Henry Thomas De la Bèche vermerkt David Bainbridge: „Die erste und noch immer eine der reizvollsten künstlerischen Darstellungen einer urzeitlichen Szene, ‚A More Ancient Dorset‘, basiert auf den fossilen Funden von Mary Anning in Südwestengland. Die Rekonstruktion ist nicht nur bemerkenswert, weil sie den wissenschaftlichen Kenntnisstand der damaligen Zeit präzise wiedergibt, sondern auch, weil sie urzeitliche Wesen in der Interaktion zeigt.“

Zu der 1830 entstandenen Lithografie „Duria Antiquior“ von Henry Thomas De la Bèche vermerkt David Bainbridge: „Die erste und noch immer eine der reizvollsten künstlerischen Darstellungen einer urzeitlichen Szene, ‚A More Ancient Dorset‘, basiert auf den fossilen Funden von Mary Anning in Südwestengland. Die Rekonstruktion ist nicht nur bemerkenswert, weil sie den wissenschaftlichen Kenntnisstand der damaligen Zeit präzise wiedergibt, sondern auch, weil sie urzeitliche Wesen in der Interaktion zeigt.“

Die Qualität von David Bainbridges Buch besteht darin, dass es der Autor versteht, die wesentlichen Fakten in klarer, auch für Laien verständlicher und kompakter Form zu vermitteln – ob es nun um das Motiv der Arche Noah geht oder um die Bedeutung der Bilder von Maria Sibylla Merian für die Insektenkunde, ob er sich mit der Rolle von Charles Darwin und Alfred Russel im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie beschäftigt oder mit den neuesten, computergenerierten Darstellungsformen in der Molekularbiologie. Bainbridge verschweigt auch nicht, dass so manche der Theorien ideologisch missbraucht wurden und dadurch schreckliche Konsequenzen hatten – wenn nämlich vermeintliche Entwicklungen von „niedrig“ zu „höherstehend“ konstruiert und damit Rassismen legitimiert wurden.

„Tiere ordnen“ ist ein detail- und lehrreiches Werk zu einem interessanten Kapitel der Wissenschaftsgeschichte – und es ist ein beeindruckendes „Bilderbuch“ mit rund 260 meist großformatigen farbigen Abbildungen.

Zweihöckriges Kamel aus dem um 1270 entstandenen Buch „Der Naturen Bloeme“ des flämischen Schriftstellers Jacob van Maerlant

Zweihöckriges Kamel aus dem um 1270 entstandenen Buch „Der Naturen Bloeme“ des flämischen Schriftstellers Jacob van Maerlant.

David Bainbridge: Tiere ordnen. Eine illustrierte Geschichte der Zoologie. Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Schmidt-Wussow. Haupt Verlag, Bern 2021.