OST-BERLIN – EIN RÜCKBLICK

Ausschnitt aus dem Buchcover

Eigentlich wollte ich mich mit „Ostkram“ nicht mehr beschäftigen. In den letzten dreißig Jahren ist doch wohl schon sehr vieles von allen möglichen Seiten beleuchtet worden. Aber als alter „Ostberliner“ war ich dann doch neugierig, ob es da, in dem Buch „Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt“ von Stefan Wolle, noch etwas zu erfahren gibt. Wolle beleuchtet die Geschichte Ost-Berlins in der Folge des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende der DDR und damit auch deren Hauptstadt im Jahre 1990.

Als historisch interessierter Mensch, der dort auch die meisten Jahre der Hauptstadtexistenz lebte und erlebte, wurde vieles wieder in Erinnerung gerufen oder auch Verblasstes präzisiert. Das meiste kann ich aus eigener Erinnerung teilen und damit sind nicht nur die Fakten gemeint.

Der Autor 1980 (2.v.r.), mit Familienbesuch auf dem Alexanderplatz (Foto Grohnert, privat)

Beitragsautor René Grohnert 1980 (2.v.r.), mit Familienbesuch auf dem Alexanderplatz (Foto Grohnert, privat)

Was mich aber immer wieder beim Lesen aus dem „Tritt“ brachte, ist die Frage, welche Art von Geschichte da eigentlich erzählt werden soll. Zum einen gibt es sachlich durchkomponierte Erzählstränge – einem Sachbuch gleich –, dann glaubt man einem Augenzeugenbericht zu folgen – manchmal brechen sich dann wunderbar sarkastische Formulierungen Bahn, die die Haltung des Autors klarlegen. Immer wieder wird die Erzählung im Lesefluss jedoch auch unterbrochen durch Kanonaden von Zahlen und Fakten. Hier wäre die Konzentration auf wirklich Relevantes vielleicht dienlicher gewesen, alles andere kann ja in die Anmerkungen, oder man hätte in Exkursen komplexere Zusammenhänge behandeln können. Einmal ist es so gelöst, als kurze Statements über einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeschoben wurden. Auch die Sprache wandelt sich, manchmal ist sie distanziert wertend, manchmal glaubt man, in einer alten DDR-Zeitung zu lesen. Diese etwas unklare Struktur ist aber mein einziger Kritikpunkt.

Eine schöne Klammer eigener Erinnerung hat Stefan Wolle für den Ein- und Ausstieg gefunden: Alles beginnt mit einer Busfahrt der Linie A57 im Jahre 1962, die der Autor als Junge in besonderer Erinnerung hat. Von einem Plakat animiert wollte er mit Freunden einen ausgestopften Wal besichtigen, fuhr aber in die falsche Richtung … und es endet wieder mit einer Busfahrt, diesmal mit einer Fahrt im Jahre 1990 im alten Ikarus-Bus durch eine chaotisch, sich neu suchende Stadt. Dazwischen werden viele Zusammenhänge beschrieben, zwischen großer Politik und Alltagsleben, von Propaganda und Realität, von kleinen Freiheiten und Repressionen, von angepassten und widerständigen Künstlern, von Karrieren und Tragödien, und immer wieder wird von der Normalität berichtet, von den Nischen und den Anpassungen.

Der Autor 1987, erste eigene Wohnung im Plattenbau, Berlin-Marzahn (Foto Grohnert, privat)

René Grohnert 1987, erste eigene Wohnung im Plattenbau, Berlin-Marzahn (Foto Grohnert, privat)

Wenn es um die Einschätzung von Personen geht, findet Wolle immer wieder auch klare Worte: „Anna Seghers entschied sich für den Osten, mit allen Konsequenzen. (…) Der Preis war die politische Unterwerfung. Anna Seghers hat ihn bezahlt. (…) Sie protestierte oft und gern gegen Unrechtsurteile in imperialistischen Staaten (…). Gegen die Hinrichtung von kommunistischen Genossen in der Tschechoslowakei im Jahre 1952 protestierte sie nicht, obwohl sie mit einigen von ihnen lange befreundet war.“

Stephan Wolle begründet immer wieder, warum etwas so und nicht anders passiert ist, ohne dabei belehrend zu wirken, er schlägt auch immer wieder große Bögen und beschreibt den Zickzack von Entwicklungen, z.B. in der Architektur. BuchcoverEs geht um Prachtstraßen und Plattenbauten, um Repräsentation und Funktion, um „Konsumtempel“ und die ständig knappen Ressourcen der DDR und der Konzentration dieser auf die Umgestaltung Berlins zu einer „sozialistischen Hauptstadt“ – ganz zum Leidwesen der restlichen Republik.

Eindrücklich sind die Schilderungen des Abgesangs: „Eine groteske, peinliche Atmosphäre lag über den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag. Die Macht zerfiel den Herrschenden unter den Händen, und sie taten so, als würde nichts geschehen. Wie eine zur Greisin gewordene Kokotte, die sich mit dem Putz ihrer Jugendzeit behängt vor dem Spiegel dreht, feierte die SED-Führung noch einmal sich selbst und machte selbst dem Wohlmeinenden schmerzhaft deutlich, wie schlimm es um sie bestellt war.“

Es ist eine umfangreiche Darstellung eines abgeschlossenen Kapitels (Stadt- und Alltags-)Geschichte, die sachlich wie emotional eine Bilanz sucht. Vermisst habe ich wenig, einige Ereignisse hätte ich auch anders be- und gewertet, aber natürlich schaut man selbst eher befangen auf ein solch komplexes Thema und überbewertet seine eigenen Erlebnisse. Wer das heutige Berlin verstehen will, der braucht auch den Blick auf Ost-Berlin und die spezielle Entwicklung dort, wird aus dem speziellen Status auch die Konflikte zwischen Ost und West der unmittelbaren Vergangenheit neu einzuordnen wissen.

Stefan Wolle: Ost-Berlin. Biografie einer Hauptstadt. Christoph Links Verlag, Berlin 2020.