BERTHA VON SUTTNER: NEUJAHR

Jules-Alexandre Grün: Fin du souper (1913)Jules-Alexandre Grün: Fin du souper (1913)

Der Jahreswechsel, die damit verbundene Vorstellung eines Neubeginns und die Tradition des gegenseitigen Glückwünschens waren das Thema eines Feuilletons, das die österreichische Schriftstellerin, Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843–1914) am 29. Dezember 1890 in der Wiener Wochenzeitschrift „Extrapost“ publizierte.

„Sylvesterabend – drei Viertel auf Zwölf …
Allgemeine Spannung: noch fünfzehn Minuten und etwas Neues hebt an – ein neues Jahr (…) Das Souper ist vorüber, aber die Gesellschaft sitzt noch bei Tische. Eben wird der obligate Punsch in die Gläser gefüllt; doch um mit diesen Gläsern anzustoßen, muss der Mitternachtsschlag abgewartet werden. Der Ehrengast des Abends, den zu feiern man sich hier versammelt hat, dieser Unsichtbare, Geheimnis- und Verheißungsvolle, der kommt erst in fünfzehn Minuten herangeschwebt und er muss mit donnerndem ‚Hoch!‘ empfangen werden. Die früher laut und allgemein geführte Unterhaltung ist jetzt einigermaßen gedämpft; die Sessel wurden ein wenig zurückgeschoben und die Nebeneinandersitzenden sind in abgesonderte leise Gespräche vertieft; mehrere auch sind ganz verstummt und geben sich den Gedanken hin, welche durch die Bedeutung der Stunde erweckt werden: ein Reigen von Erinnerungen aus dem scheidenden – von Hoffnungen und Wünschen für das vorrückende Jahr. (…)

‚Noch volle dreizehn Minuten!‘ ruft einer, nach der Uhr zeigend. ‚Wie schlagen wir sie tot? Doktor Denner – halten Sie uns eine Rede … es dürfte Ihnen zwar schwerfallen, sich so kurz zu fassen, dass Sie in dreizehn – jetzt sind‘s nur mehr zwölfeinhalb Minuten, fertig werden … aber das ist ja auch nicht nötig, legen Sie nur los!‘ ‚Gut‘, erwidert lächelnd der Angeredete, ein berühmter Advokat, ‚diese Gelegenheit, noch das ganze Jahr in einem Zuge zu sprechen, darf ich nicht vorübergehen lassen.‘ Er klopft mit dem Messerrücken an sein Glas und steht auf. (…)

‚Meine Herrschaften!‘ – beginnt der Sprecher – ‚Glauben Sie denn wirklich, dass, wenn der Zeiger dort bei der Ziffer Zwölf anlagt – dass sich dann etwas vollziehen wird? Sehen Sie es nicht ein, welche Täuschung es ist, in deren Banne wir den Punsch schlürfen wollen? Schon in Paris und in Konstantinopel (geschweige denn im Universum) geschieht nicht gleichzeitig das Ding, welches wir hier in Wien als den Eintritt des »neuen Jahres« bejubeln und welches im Grunde nirgends als in unsern abstraktionswütigen Köpfen geschieht. Als ob die Zeit diesen Begriff, über welchen ganze Bibliotheken unverständliche Abhandlungen verfasst worden sind, je den Bruchteil einer Sekunde stille stände, um einen alten Lauf zu schließen und einen neuen zu beginnen! Bedenken Sie nur: jene Naturgewalten, die ihre pausenlose Arbeit in Jahrmillionen verrichten, brauchen die wohl sylvesterliche Absteckpfähle auf jener Bahn? Oder fänden Sie es von den Eintagsfliegen vernünftig, wenn sie nach Ablauf jeder Sekunde zu der Neusekunde sich gratulieren wollten?

Ich versichere Sie: mit dem nächsten Schlage Zwölf tritt gar nichts Wirkliches, gar nichts Neues ein – und vernünftig ist das Angratulieren bei uns auch nicht. Das Wirklichste an der ganzen Sache sind die Trinkgelder. Von fünf Sechserln bis zu fünf Gulden: – das ist ungefähr der Preis, für den man in der ersten Januarwoche sich ein »glückseliges neues Jahr« unzählige Male anschaffen kann. Dass die Leute, welche im Laufe des vergangenen Jahres den Krach ihrer Kasse, das Durchgehen ihrer Frau, oder gar den eigenen Tod erlebt haben, ebenfalls Glückseligkeitswünsche eingeheimst hatten, das sollte doch genügend erweisen, dass derlei Wünsche nichts nützen. Aber das tut nichts; es handelt sich ja nur – nicht wahr? – um die freundliche Kundgebung der wohlwollenden Gesinnungen, die wir ausnahmslos für jeden hegen, dem wir um diese Jahreszeit begegnen. Ich werde doch nicht an der Aufrichtigkeit der verschiedenen Hausmeister, Briefträger, Rauchfangkehrer und Laternenanzünder zweifeln, die des Himmels Segen aus mein Haupt herabflehen und die meinen gerührten, in Form von Guldenzetteln gezollten Dank für diese ihre Nächstenliebe hinzunehmen nicht versäumen.

Wäre sie nur wahr diese Nächstenliebe – wäre es überhaupt nur möglich, dass sie wahr wäre! Allen Menschen Gutes wünschen – jeden gedeihen und genießen sehen wollen: solche bei Jahreswechsel epidemisch geheuchelte Gesinnung, könnte sie auch wirklich vorhalten, wenn das Jahr älter geworden! Dazu müsste aber erst eine Gesellschaftsordnung eingeführt sein, in welcher das Wohl des einen nicht auf Kosten des andern zu erreichen wäre. Aber – wie die Dinge nun einmal stehen – kaum sind die offiziellen und privaten Glückwünsche getauscht, so geht der Interessenkampf wieder an, der die einen den Schaden der anderen – wenn nicht stiften – so doch wünschen lässt. Wollte nicht jeder Geschäftsmann, dass es den Konkurrenten schlecht gehe – nicht jeder Staat, dass die Nachbarstaaten an Macht verlieren? Hofft der beförderungsbedürftige Angestellte nicht im Stillen, dass unter seinen Vorgesetzten, welchen er zu Neujahr – in Gala – recht langes Leben gewünscht, doch bald ein paar Vakanzen eintreten mögen? Wird es den Gutsbesitzer nicht aufrichtig freuen, wenn tüchtige Missernten in der Umgebung (die Karten p. f. [Glückwunschkarten] an alle Gutsnachbarn hat er nicht versäumt) den Preis seiner Feldfrucht zu ungewohnter Höhe steigerten? …

Sehen Sie, meine Herrschaften, wenn ich mehr als sieben Minuten vor mir hätte, so würde ich diese Sylvesteransprache zu einem nationalökonomischen Vortrage erweitern, der zu erläutern versuchte, dass die das ganze Jahr auf allen Gebieten herrschende Missgunstpolitik im Unrecht , dass die Neujahrslaune, die da allen Glück zu wünschen – vorgibt, in ihrem natürlichen Rechte ist. In jener erhebenden Minute, da die Menschen glauben es fange etwas Neues an, da fühlen sie instinktiv, dass mit dem alten übervorteilenden Geiste, dass mit dem Hass gebrochen werden sollte, dass das Neue nur auf dem Gebiete des Allvorteils, nur im Geist der Liebe zu herrschen berufen wäre. Doch was hilft die momentane Aufwallung allgemeinen Wohlwollens, das bei dem nächsten Mitternachtsschlage fast alle unsere Herzen erwärmen wird – was hilft‘s, wenn der Rest des Jahres wieder in den Bahnen der frostigen Selbstsucht – in dem der alte Gesellschaftskarren sich fortwälzt – verbracht werden muss?

Auf Neujahr, so begeistert ich für das Neue bin – setze ich keine Hoffnungen, meine Verehrtesten. Der Kalender – dieser starre, patentierte Lügenbold – schafft nichts Neues. Der 1. Jänner inauguriert gar nichts. Sogar die Briefe – Dinger, die man an anderen Tagen mit Spannung erbricht, weil sie etwas Ungewusstes mitzuteilen pflegen – bringen an dem unseligen 1. Jänner nur das vorhergesehene höchst uninteressante: »Empfangen Sie meine aufrichtigsten, innigsten u.s.w.«. Mit jenem Uhrschlage, den Sie so ungeduldig erwarten, fängt eigentlich nichts an und nichts hört damit auf – es sei denn meine Rede, die er natürlich abbrechen wird. Die wirklichen Wendepunkte im Zeitenlauf, die haben mit dem Datum nichts zu tun. Wenn ein Christof Columbus sich einschifft, ein Gutenberg den ersten Druck liefert, ein Edison den elektrischen Funken meistert, ein [Robert] Koch seine Lymphe braut: das sind die Neujahrstage der Menschheitsgeschichte; und jene Tage, an welchen die Leibeigenschaft, der Absolutismus, die Folterjustiz und ähnliche Dinge gefallen sind – und noch fallen werden –, die bedeuten die Sylvesterfeier eines begrabenen alten Zeitabschnitts.

Auch im Einzelleben gibt es – zu jeder Jahreszeit – der Momente genug, die ein Neues bringen, die ein Altes überwinden. Da ist vor Allem die Stunde der Geburt, welche doch unleugbar einen – für alles Zukommende recht unentbehrlichen – Anfang bildet; da ist jene, die höchste Lebensfeier einweihende Stunde, in der zwei Herzen zu einander fliegen (…) Da sind noch‘ – fährt der Redner fort – ‚jene Augenblicke, in welchen der Mensch, von der Macht einer neuen Idee, einer neuen Erkenntnis ergriffen, irgend eine Laufbahn betritt, einen gewichtigen Entschluss fasst … Wenn er als Kämpfer gegen ein allgemeines Übel oder auch gegen die eigene Leidenschaft in die Schranken tritt; – wenn er still und tapfer, im Namen eines Prinzips, im Dienste einer Tugend sich selbst befragt; wenn er‘ – der Doktor will noch weiter sprechen, aber in diesem Augenblick hebt die Uhr zu schlagen an und auf der Straße ertönt fröhlicher Lärm. Alle erheben sich und stoßen mit den Gläsern an. ‚Das neue Jahr ist da, Herr Doktor! Wenn Sie es auch geleugnet haben, wollen Sie es nicht dennoch leben lassen?‘
‚Meinetwegen – Hoch !!!‘“

Extrapost, 29. Dezember 1890, S. 4f. Der Text wurde leicht gekürzt und der aktuellen Orthografie angepasst.