Ab 10. September wird der „Teppich von Bayeux“ in London, im „British Museum“, ausgestellt. Doch die Chancen, die weltberühmte, fast eintausend Jahre alte Tapisserie dort zu sehen zu bekommen, sind nicht allzu groß. Bereits innerhalb des ersten Vorverkaufstags waren alle Termine bis Jahresende ausgebucht. Es werden weitere Kartenkontingent aufgelegt, tröstet man im Museum, und mit Glück und vor allem viel Geduld – an jenem ersten und einzigen Verkaufstag gab es online Wartezeiten bis zu neun Stunden – lassen sich vielleicht Tickets für nächstes Jahr ergattern.
Allen, für die nicht unbedingt der Thrill des Originals im Mittelpunkt steht, sondern die sich in aller Ruhe der Faszination der vor fast 1000 Jahren geschaffenen Bildwelten widmen wollen, empfiehlt sich eine Reise nach Dänemark, in den Norden von Jütland. Denn dort, im Ausstellungszentrum „Børglum Kloster“, gibt es den Bayeux-Teppich in der weltweit einzigen völlig originalgetreuen Kopie zu bewundern.
Die Geschichte von „Børglum Kloster“, das 2025 die Auszeichnung „Bestes Museum Dänemarks“ erhielt, reicht bis in die Wikingerzeit zurück. Damals, ab ca. 800, diente die Gebäudeanlage, die auf einem der wenigen Hügel im flachen Nordjütland thront, als Königsresidenz. Vom 12. bis Mitte des 16. Jahrhunderts war Børglum Bischofssitz, bis es dann im Zuge der Reformation in einen Gutshof umgewandelt wurde. Heutzutage setzt man in „Børglum Kloster“, das sich in Privatbesitz befindet, auf verschiedenste Kulturveranstaltungen, auf die Attraktion der im 13. Jahrhundert erbauten und später barockisierten ehemaligen Klosterkirche und vor allem auf „Bayeux-tapetet“, den „hauseigenen“ Bayeux-Teppich. Besichtigt werden kann dieser in einem großen Ausstellungsraum im Oberstock des einstigen Pferdestalls.
Beim „Teppich von Bayeux“ handelt es sich um einen 68,8 Meter langen und rund einen halben Meter hohen Wandbehang aus Leinen, der mit Wollgarn bestickt ist. An sich ist die Tapisserie Teil der Museumsbestände der Stadt Bayeux in der Normandie und dort üblicherweise im „Musée le la Tapisserie de Bayeux“ ausgestellt. Allerdings wird das Museum derzeit renoviert (die Arbeiten sollen im Herbst 2027 abgeschlossen sein), sodass terminlich nichts gegen die vor einigen Jahren vom französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron initiierte Entlehnung nach London sprach. Dennoch sorgte die Angelegenheit für Proteste, da von vielen Fachleuten befürchtet wird, dass das fragile Kunstwerk, das seit 2007 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört, durch den Transport Schaden nehme.
Überhaupt sorgt die gestickte Bildfolge, deren Thema die Vorgeschichte und der Verlauf der 1066 erfolgten Eroberung Englands durch die Normannen ist, seit Langem für zahlreiche Diskussionen. Sicher scheint, dass die Tapisserie Ende des 11. Jahrhunderts entstand, die erste bekannte Erwähnung aber stammt aus dem Jahr 1476 und findet sich in einem Inventarverzeichnis der Kathedrale von Bayeux. Wieso und wann der Wandbehang nach Bayeux kam, ist nicht bekannt. Auch zu den Fragen, wer den Auftrag für die Stickerei gab und wo diese gefertigt wurde, gibt es unterschiedliche Theorien. Während französische Fachleute eher der Ansicht sind, dass die Tapisserie in Frankreich entstanden sei, lokalisiert man in England die Herkunft auf der eigenen Seite des Ärmelkanals – und da wie dort verweist man auf entsprechende stilistische und inhaltliche Aspekte.
Jener inhaltliche Aspekt, der zur Fertigung des dänischen „Bayeux-tapetet“ führte, hat mit den Wikingern zu tun: Denn jener Normannen-Herzog, der 1066 die Eroberung Englands anführte und in der Folge als William the Conqueror zum englischen König gekrönt wurde, stammte aus einer Wikinger-Dynastie, die seit dem frühen 10. Jahrhundert die Normandie beherrschte. Das machte die Sache für die dänische „Vikingegruppe Lindholm Høje“ interessant, die sich, auf Amateurbasis, mit der Wikingervergangenheit Skandinaviens beschäftigt. Beliebt sind dabei auch diverse handwerkliche Aktivitäten, und dazu passte es, dass im Jahr 2000 eine Gruppe von neun Frauen beschloss, eine möglichst originalgetreue Kopie des „Teppichs von Bayeux“ anzufertigen.
In engem Kontakt mit dem „Musée le la Tapisserie de Bayeux“ arbeiteten die Frauen vierzehn Jahre lang an ihrem „Bayeux-tapetet“, der in Größe, Inhalt und sticktechnischer Ausführung dem Original entspricht. Lediglich die spezielle historische Patina konnte verständlicherweise nicht entsprechend kopiert werden. Daher wirkt der Wandbehang in „Børglum Kloster“, trotz exakter Abstimmung der acht verwendeten Garnfarben, wesentlich bunter als jener in Bayeux – und sieht farblich vermutlich so aus, wie das Original vor 1000 Jahren.
An den Darstellungen haben die Stickerinnen der „Vikingegruppe Lindholm Høje“ nichts verändert – und das unterscheidet ihr Werk von jener nicht ganz so exakten Kopie des „Teppichs von Bayeux“, die 1885/1886 in England hergestellt wurde und im Museum der Stadt Reading, westlich von London, ausgestellt ist. Denn die 35 englischen Stickerinnen hatten nicht nur ihre Namen in den unteren Rand der Tapisserie eingefügt, sondern auch jenen nackten Figuren, die an ein paar Stellen des Bayeux-Teppichs zu sehen sein, Hosen aufgestickt.
Mit Bezug auf den riesigen Andrang zur „Bayeux Teppich“-Ausstellung im „British Museum“ und einem Hinweis auf die Kopie in Reading meinte die Londoner Tageszeitung „The Times“ (14.8.2026): „No tickets for the real thing? Britain’s Bayeux Tapestry is almost as good“. Dem könnte man hinzufügen: „Denmark’s Bayeux Tapestry is almost better”.
Website von Børglum Kloster
Website des Museums in Reading
Link zur Ausstellung des Teppichs von Bayeux im British Museum
23.8.2026







