
Die Sache sorgte für Aufsehen: Eine plötzliche Windböe habe, so hieß es, ein Luftschiff beim Landeanflug in Wien gegen den Stephansdom getrieben. Dort habe es sich im Turm verfangen, von wo sich der Aeronaut nur mit Mühe und mit einiger Beschädigung des Turmes herunterretten konnte.
Doch war es tatsächlich so gewesen, wie es über ein Flugblatt1 verbreitet wurde? Die missglückte Landung, die, so hieß es, am 24. Juni 1709 stattfand, sorgte jedenfalls weithin für Interesse und bald verbreiteten sich europaweit auch Abbildungen des Fluggeräts.

Bis heute ist bisweilen zu lesen, dass an jenem 24. Juni 1709 in Wien ein Luftschiff gelandet sei. Ob dies allerdings mit jenem Flugobjekt gelingen konnte, das so aussah, wie es das in der Französischen Nationalbibliothek erhaltene Blatt zeigt, ist zu bezweifeln.
Fest steht, dass in der Zeitung „Wiennerisches Diarium“ am 5. Juni 17092 von einem Flugversuch berichtet wurde, der am 24. Juni jenes Jahres stattfinden sollte. Fest steht auch, dass es den „Flug-Maschinen“-Erfinder, der im „Diarium“ als „Geistlicher aus Brasilien“ bezeichnet wird, tatsächlich gab. Er hieß Bartolomeu Lourenço de Gusmão, wurde 1685 im brasilianischen Santos geboren, erhielt seine Ausbildung bei den Jesuiten, lebte ab 1701 in Portugal und studierte dort Mathematik, Sprachen und Kirchenrecht. Er machte sich als Erfinder ebenso wie als Prediger einen Namen, war königlicher Kaplan, geriet aber, vermutlich wegen seiner liberalen theologischen Haltung, ins Visier der Inquisition und starb 1724 im Exil im spanischen Toledo.
Gusmão, der heute als einer der Pioniere der Luftfahrt gilt, hatte tatsächlich im Jahr 1709 Flugversuche unternommen – allerdings, wie das „Wiennerische Diarium“ korrekt vermerkte, nicht in Wien, sondern in Lissabon. Diese Versuche machten offenbar derart Eindruck, dass der portugiesische König, João V., Gusmão das erste nachweisbare Luftfahrtpatent der Welt verlieh. Ausschlaggebend dafür war vermutlich, dass man sich von der Weiterentwicklung der Flugtechnik strategische und wirtschaftliche Vorteile versprach. Denn, so heißt es im „Wiennerischen Diarium“, mit Fluggeräten könne man „in 24 Stunden durch die Luft 200 Meilen“ zurücklegen und so „Kriegsheeren“ in „weit entlegenen Ländern“ Befehle, Soldaten und Materialnachschub übermitteln; man könne „belagerte Plätze mit allen Notwendigkeiten“ versorgen; und sich über den Handel „alle Waren“ beschaffen.
Die Meldung aus dem „Wiennerischen Diarium“, dass am 24. Juni 1709 ein Flugversuch stattfinden solle, wurde samt Bild auch auf Flugblättern verbreitet. Auf diesen aber hieß es nicht, wie im „Diarium“, dass „die Prob in Lissabonn geschehen solle“, sondern die Ortsangabe wurde weggelassen. Dies mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass dann kolportiert wurde, der Flug habe in Wien stattgefunden.

Ob Bartolomeu Gusmão am 24. Juni 1709 in Lissabon einen Flugversuch durchführte, ist ungewiss, Dokumente dazu fehlen. Hingegen gibt es einen Augenzeugenbericht über die Präsentation eines Flugmodells am 8. August 1709. In einem großen Saal habe Gusmão dem König und zahlreichen Adeligen einen Ballon vorgeführt, „der sanft bis zur Höhe des Saals aufstieg und ebenso sanft wieder herabsank, angetrieben von einem bestimmten brennbaren Material, das der Erfinder selbst entzündet hatte“3 Das Besondere daran ist, dass Gusmão das Prinzip des Heißluftballons bereits rund sieben Jahrzehnte vor den Gebrüdern Montgolfier, die dafür berühmt werden sollten, angewandt hatte.
All das war jedoch bei Weitem nicht so spektakulär, wie jene Flugerlebnisse, von denen das eingangs erwähnte Flugblatt zu berichten wusste. Da hieß es etwa, dass der – nicht namentlich genannte – Aeronaut bei seiner zweittägigen Luftfahrt, die ihn von Lissabon nach Wien führte, nicht nur mit riesenhaften Vögeln zu kämpfen hatte, sondern auch so nahe am Mond vorbei gekommen sei, dass er die Mondbewohner beobachten konnte. Diese seien menschenähnliche Wesen, die aber, wie Schildkröten, einen Panzer auf dem Rücken hätten, in den sie sich vollständig zurückziehen können. Das sei auch der Grund dafür, dass der Luftschiffer auf dem Mond „kein einziges Haus oder Schloss“ gesehen habe. Mit 40 oder 50 Luftschiffen könne man, so meinte er, das „Mond-Königreich“ leicht attackieren und „ohne großen Widerstand“ erobern.
Es war eine Lügengeschichte ganz nach dem Geschmack des damaligen Publikums. Abenteuerliche Reisen waren beliebter Lesestoff (was siebzehn Jahre später auch Jonathan Swift mit seinem Roman „Gullivers Reisen“ zu nutzen wusste). Vor allem aber waren die zunehmenden Bemühungen Fluggeräte zu konstruieren ein beliebtes Thema. Bartolomeu Gusmãos Experimente fanden da ebenfalls entsprechende Beachtung – so etwa beim italienischen Schriftsteller Pier Jacopo Martello. Dieser zitierte in seiner 1710 publizierten Schrift „Del Volo“4 den Text aus dem „Wiennerischen Diarium“ über die militärischen und ökonomischen Nutzen der Luftfahrt, er nannte Gusmão – und er kannte offensichtlich auch das Bild des Fluggefährts, das er in allen Einzelteilen analysierte.

Was er davon hielt, illustriert der beigefügte Kupferstich mit der Inschrift „Democritus ridet“ – „Demokrit lacht“. Der griechische Philosoph Demokrit hätte also nur ein Lachen für die, nach Martellos Meinung, offensichtlich zum Scheitern verurteilten Flugversuche übrig.
- Der Text des Flugblattes findet sich bei Otto Nirenstein: Luftfahrt im Alten Wien. Wien 1917, S. 4ff. ↩︎
- Wiennerisches Diarium, Num. 609 [5.7.1709], S. 2. ↩︎
- „…um globo, que subiu suavemente a altura da salla (…), e do mesmo modo desceu, elevado de certo material que ardia e a que aplica o fogo o mesmo inventor.” Siehe: C.H. [Charles Harvard] Gibbs-Smith: Father Gusmão: The First Practical Pioneer in Aeronautics. In: Journal of the Royal Society of Arts, London, 9.9.1919, S. 829. ↩︎
- In: Versi e prose di Pierjacopo Martello, Rom 1710, S. 224ff. ↩︎
18.1.2026







