
Der vor 250 Jahren, am 24. Januar 1776, geborene E.T.A. Hoffmann zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte: Er war Dichter, Musiker und Zeichner; er war ein Multitalent, das in Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ selbst zur Kunstfigur wurde; er war Jurist, Beamter – und ein scharfzüngiger Kritiker, der Obrigkeitsstaat und Untertanengesinnung immer wieder karikierte.

Als E.T.A. Hoffmann am 25. Juni 1822, 46-jährig, in Berlin starb, hielt sich die offizielle Trauer in Grenzen. Mag sein, dass man durchaus erleichtert war, ihn losgeworden zu sein – jenen aufsässigen Kammergerichtsrat, dem auch durch Strafandrohungen nicht beizukommen gewesen war, jenen skurrilen Dichter, dessen literarischer Kosmos von sprechenden Tieren und verzauberten Menschen, von Gespenstern und Doppelgängern bevölkert war.
Auch Johann Wolfgang von Goethe konnte dem Werk des 27 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen nur wenig abgewinnen. So etwa notierte er in seinem Tagebuch, dass ihm die Lektüre von Hoffmanns Märchen „Der goldne Topf“ „schlecht bekommen“ sei.1 Und ausführlich zitierte er einen Beitrag aus der Londoner Zeitschrift „The Foreign Quarterly Review“, in der es über Hoffmanns Dichtungen unter anderem hieß: „Fürwahr, die Begeisterungen Hoffmanns gleichen oft den Einbildungen, die ein unmäßiger Gebrauch des Opiums hervorbringt und welche mehr den Beistand des Arztes als des Kritikers fordern möchten.“ Goethe stimmte dieser fünf Jahre nach Hoffmanns Tod publizierten Beurteilung zu: E.T.A. Hoffmanns „krankhafte Werke“ hätten, so meinte er, zu Sorgen um die „Nationalbildung“ Anlass gegeben, da „solche Verirrungen“ lange Jahre in Deutschland „als bedeutend-fördernde Neuigkeiten gesunden Gemüthern eingeimpft worden“ waren.2
Wesentlich positiver war das Urteil von Sigmund Freud. In seiner 1919 erschienenen Studie „Das Unheimliche“ widmete er Hoffmanns Werk und vor allem dessen Erzählung „Der Sandmann“ breiten Raum und resümierte: „E. T. A. Hoffmann ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung“3. Tatsächlich ist die von Hoffmann erschaffene fiktive Welt überaus vielschichtig. Das Unheimliche und das Fantastische brechen in ihr meist plötzlich und unvermittelt in das alltägliche Leben ein. Wenn etwa das „Der goldne Topf“ – Untertitel „Ein Märchen aus der neuen Zeit“, damit beginnt, dass „am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr“ der Student Anselmus „in Dresden durchs Schwarze Tor“ rennt und dabei den mit Äpfeln und Kuchen gefüllten Marktkorb einer alten Frau umstößt, woraufhin „die Straßenjungen sich lustig die Beute“ teilen, so lässt da noch nichts erwarten, dass sich die Szenerie bald ins Gespenstische verwandeln wird.

„… als er nun auf den letzten die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden Lächeln. (…) Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen (…) Die Klingelschnur senkte sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen (…)
E.T.A. Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 im damals preußischen Königsberg (heute Kaliningrad/Russland) geboren. Seine Vornamen lauteten Ernst Theodor Wilhelm, später änderte er dies, als Zeichen seiner Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart, zu Ernst Theodor Amadeus. Entsprechend der Familientradition – Hoffmanns Vater war „Hofgerichtsadvokat“ – absolvierte er ein Jurastudium und war ab 1800 als Gerichtsassessor in Posen (heute Poznań/Polen) tätig. Posen gehörte damals erst seit wenigen Jahren zu Preußen. Zur lokalen polnischen Bevölkerung hielten sich die Angehörigen der preußischen Verwaltung und des preußischen Militärs auf Distanz, E.T.A. Hoffmann allerdings durchbrach dieses starre Gefüge, als er 1802 eine Polin, Maria Thekla Michalina Rorer-Trzcińska, heiratete.
Im Karneval desselben Jahres sorgte Hoffmann für einen veritablen Skandal. Denn bei einem Fest der preußischen Kolonie wurden Karikaturen verteilt, auf denen die Posener Offiziersclique verspottet wurde. Der Zeichner war bald ermittelt: es war Hoffmann, der mit seinen Bildern dem schwelenden Konflikt zwischen den zumeist bürgerlichen Beamten und den aristokratischen Militärs sarkastisch Ausdruck verlieh. Hoffmann wurde daraufhin für zwei Jahre in das Städtchen Plock (heute Płock/Polen) strafversetzt.

1804 wurde Hoffmann zum Regierungsrat im damals ebenfalls preußischen Warschau ernannt. Hoffmann, der bis dahin kaum an eine Karriere als Künstler gedacht hatte, begann sich dort intensiv der Musik zu widmen. Er wurde Mitbegründer der Warschauer „Musikalischen Gesellschaft“, trat als Dirigent auf und komponierte innerhalb von zwei Jahren eine Messe, eine Klaviersonate, die Musik zu vier Singspielen und eine Symphonie.
Mit der Besetzung Warschaus durch die französischen Truppen Napoleons im November 1806 und der Auflösung der preußischen Verwaltung verlor E.T.A. Hoffmann seine Anstellung. Seine Bemühungen nach Wien zu übersiedeln scheiterten ebenso wie die Versuche, in Berlin Fuß zu fassen. Einen Ausweg aus seiner zunehmend prekären finanziellen Lage hoffte er in seiner künstlerischen Tätigkeit zu finden. Nach zahlreichen Bewerbungen wurde er als Musikdirektor nach Bamberg berufen.

In Bamberg gab Hoffmann am 21. Oktober 1808 sein Debüt als Dirigent. Doch der Abend, bei dem die Oper „Aline“ von Henri-Montan Berton auf dem Programm stand, wurde zum Debakel. „Das zahlreiche versammelte Publikum“ stutzte bereits, so erinnerte sich später E.T.A. Hoffmanns Verleger Carl Friedrich Kunz, als der relativ kleingewachsene Hoffmann sich an den Flügel setzte, um von dort aus die Aufführung zu leiten: „Was kann der – Großes leisten? dachte die Masse. Und vor den Flügel setzt er sich? Wo steckt denn die Violine? (…) ‚Das wird eine schöne Geschichte werden‘, will Hoffmann in seine Ohren hineingehört haben.“4 Tatsächlich, so Kunz, „haperte“ es während der Vorstellung dann überall: Die Einsätze stimmten nicht, die Intonationen der Sänger waren falsch, das Orchester gab sich lahm, das Publikum pfiff, zischte und johlte.

Hoffmann, dem das Image eines skurrilen Sonderlings anhaftete, war Opfer einer Intrige geworden und musste schon nach wenigen Wochen die Orchesterleitung zurücklegen. In den fünf Jahren, die er in Bamberg blieb, lebte er von Musikstunden und Gelegenheitskompositionen, die Verbindung mit dem Theater hielt er als Dramaturg und Theatermaler aufrecht. Und er schuf sich ein literarisches Alter Ego. Es war der Kapellmeister Johannes Kreisler, der in der Folge in Hoffmanns Werken wiederholt auftreten sollte. So etwa in der Textsammlung „Kreisleriana“, in denen der fiktive Kapellmeister in kurzen Erzählungen und Essays seine Kunsttheorie entwickelt.

E.T.A. Hoffmann war 38 Jahre alt, als mit den „Fantasiestücken in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten“ seine eigentliche literarische Karriere begann. Die „Fantasiestücke“, die in vier Bänden und mit einer „Vorrede“ von Hoffmanns Schriftstellerkollegen Jean Paul 1814/1815 im Bamberger Verlag von Carl Friedrich Kunz erschienen, waren eine Sammlung unterschiedlichster Texte, von den „Kreisleriana“ bis zu „Der goldne Topf“ – und sie machten Hoffmann schlagartig berühmt. Innerhalb der folgenden acht Jahre kam sein gesamtes dichterisches Werk heraus.
Den „Fantasiestücken“ folgte 1817 eine weitere Erzählsammlung, die in zwei Teilen publizierten „Nachtstücke“. Unter diesen findet sich eine der erfolgreichsten Erzählungen Hoffmanns. Es ist „Der Sandmann“ mit der berühmten Figur des Studenten Nathanael, der sich unter dem Einfluss des dämonischen Coppelius in die Automaten-Puppe Olimpia verliebt und darüber wahnsinnig wird.
Der „Sandmann“ wurde einige Male vertont, so etwa von Leo Delibes, der die Erzählung dem Ballett „Coppelia“ zugrunde legte. Auch andere Werke Hoffmanns lieferten Inspirationen: Die Kriminalgeschichte „Das Fräulein von Scuderi“ etwa wurde mehrfach verfilmt und von Paul Hindemith unter dem Titel „Cardillac“ als Oper vertont, die Erzählung „Klein Zaches“ bildete die Basis für Ferruccio Busonis Komposition „Racconti fantastici“.
Die populärste szenische Umsetzung von Texten Hoffmanns, verwoben mit seiner Lebensgeschichte, aber ist Jacques Offenbachs 1881 uraufgeführte Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Das da, im Libretto von Jules Barbier, präsentierte Hoffmann-Bild hat sehr wesentlich zur Verbreitung des Klischees vom trinkfreudigen Bohemien Hoffmann beigetragen, das auch Hoffmanns Freund und Biograf Julius Eduard Hitzig (1780–1849) teilweise bestätigte: „Er trank, um sich zu montieren; dazu gehörte anfangs, wie er noch kräftig war, weniger; später natürlich mehr – aber war er einmal montiert, wie er es nannte, in exotischer Stimmung, (…) so gab es nichts Interessantes als das Feuerwerk von Witz und Glut und Phantasie, das er dann unaufhaltsam, oft fünf, sechs Stunden hintereinander, vor der entzückten Umgebung aufsteigen ließ. War aber auch seine Stimmung nicht exaltiert, so war er im Weinhause nie müßig, wie man so viele sitzen sieht, die nichts tun als nippen und gähnen; er schaute vielmehr mit seinen Falkenaugen überall umher; was er an Lächerlichkeiten, Auffallenheiten, selbst an rührenden Eigenheiten bei den Weingästen bemerkte, wurde ihm zur Studie für seine Werke, oder er warf es mit fertiger Feder auf das Papier.“5

Nach Aufenthalten in Dresden und Leipzig war Hoffmann 1814 nach Berlin übersiedelt. Sein Stammlokal war die Weinstube „Lutter und Wegener“ im Gendarmenmarkt-Viertel. Bei seinem Tod hinterließ er dort die beträchtliche Summe von 1.116 Reichstalern an Zechschulden. Der Wirt hatte auf das Eintreiben der unbezahlten Rechnungen verzichtet, da er wusste, dass ihm sein Stammkunde Hoffmann die Neugierigen scharenweise ins Lokal zog.
In Berlin suchte Hoffmann, nach acht Jahren freien Künstlertums, um Wiederaufnahme in den preußischen Staatsdienst an. Er wurde zunächst als Beamter ohne Gehalt im Justizministerium aufgenommen und nach zwei Jahren zum besoldeten Kammergerichtsrat ernannt. 1819 wurde Hoffmann in die „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ berufen. Damit stand er plötzlich und ungewollt an vorderster Front der Bespitzelungs- und Verleumdungskampagne gegen die sogenannten „Demagogen“, zu denen die preußische Staatsführung all jene zählte, die sich in irgendeiner Weise mit den reaktionären, anti-demokratischen politischen Verhältnissen unzufrieden zeigten.
Zwar war Hoffmann mit vielen Zielen der vermeintlichen Revolutionäre nicht einverstanden – so etwa lehnte er die deutschtümelnden Ideen der Burschenschaftler als „chimärisch“ ab – in seinen Untersuchungen aber verfuhr er streng nach dem Grundsatz, „dass bloße Gesinnungen, sind sie nicht als Tat ins Leben getreten, nicht der Gegenstand einer Kriminaluntersuchung sein können.6“ Mehrmals votierte Hoffmann für die Freilassung von Verdächtigen, was ihm selbst den Ruf des heimlichen Demagogentums eintrug.

In liberalen Kreisen – von Berlin und Paris bis Wien – erntete er für seine Vorgangsweise Anerkennung. So etwa vermerkte Ludwig van Beethoven: „Hoffmann – du bist kein Hofmann“7. Bei seinen Vorgesetzten aber machte sich Hoffmann viele Feinde. Zum Eklat kam es, als bekannt wurde, dass er in sein Märchen „Meister Floh“ eine Satire auf den Berliner Polizeidirektor Karl Albert von Kampz eingebaut hatte. Es war die sogenannte „Knarrpanti-Episode“: Ein Mann wird verhaftet, weil er eine Frau entführt haben soll. Allerdings ist keine Frau als verschwunden gemeldet, doch das beirrt den mit der Untersuchung „entführerischer Umtriebe“ betrauten Geheimen Hofrat Knarrpanti nicht. Denn der „Polizeischnüffler Knarrpanti“, in dessen Namen die Zeitgenossen sehr schnell die Verballhornung von „Narr Kamptz“ entdeckten, hat seine eigenen Grundsätze: „Auf die Erinnerung, daß doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, daß, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde.“8
Als sich herausstellte, dass Hoffmann in „Meister Floh“ auch aus Untersuchungsakten zitiert hatte, wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, in das sich auch der Justizminister mit dem Vermerk einschaltete: „Wenn man mit diesem Vergehen des Kammergerichtsrats Hoffmann sein bisheriges Benehmen in der Untersuchungs-Kommission (…) vergleicht und dabei auf sein früheres Betragen – indem er schon als Regierungsrat zu Posen auf das ganze Kollegium, dessen Mitglied er war, ein Pasquill gemacht haben soll – sowie auf seine schriftstellerische Tätigkeit Rücksicht nimmt, so kann über die offizielle und moralische Unwürdigkeit dieses Mannes ein Zweifel kaum obwalten.“ Daher sei Hoffmann „mit der verdienten Indignation in eine entfernte Provinz“ zu versetzen und „einer strengen Aufsicht“ zu übergeben.9 Zu einer Verurteilung kam es nicht mehr. Am 25. Juni 1822 starb E.T.A. Hoffmann in Berlin an einer Rückenmarkslähmung.
- Zit. n. Friedrich Schnapp: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten. München 1974. S. 744. ↩︎
- Ebd. S. 746f. ↩︎
- Sigmund Freud: Das Unheimliche. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Jg. V, Heft 5/6, 1919. S. 309. ↩︎
- Schnapp: E.T.A. Hoffmann in Aufzeichnungen, S. 129. ↩︎
- Julius Eberhard Hitzig: Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. Zit.n. Klaus Günzel (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin 1984, S. 335. ↩︎
- Zit.n. Rainer Lewandowski: E.T.A. Hoffmann – inszeniert. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch Bd 17 / 2009, S. 190. ↩︎
- Zit.n. W.A. Thomas-San-Galli: Ludwig von Beethoven. München 1920, S. 353. ↩︎
- E.T.A. Hoffmann: Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde. In: E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden. Bd 6, Berlin 1963, S. 85. ↩︎
- Zit.n. Klaus Günzel (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten, S. 459f. ↩︎
Die Pflege des Andenkens an E.T.A. Hoffmann hat sich die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft in Bamberg zur Aufgabe gemacht.
Die Staatsbibliothek Berlin und die Staatsbibliothek Bamberg verfügen über die weltweit bedeutendsten E.T.A. Hoffmann-Sammlungen, die zu einem großen Teil digitalisiert sind.
Ein „Standardwerk“ zu E.T.A. Hoffmann ist die von Rüdiger Safranski verfasste Biografie „E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten“. Diese ist in der aktuellen Ausgabe (2022) des Hanser Verlages als Hardcover und als E-Book erhältlich.
24.1.2026







