Der Roman vom Wissenschaftler Frankenstein und dem von ihm geschaffenen Monster ist eine der berühmtesten Horrorgeschichten der Weltliteratur. Warum aber wählte die Autorin, Mary Shelley, Ingolstadt als jenen Ort, an dem Frankenstein sein unheilvolles Experiment durchführt? Sie hatte zwar Reisen durch Deutschland gemacht, in der in Oberbayern, an der Donau gelegenen Stadt aber war sie nie gewesen.
Links: Mary Shelley, Porträt gemalt von Richard Rothwell. National Portrait Gallery, London (CC BY-NC-ND 3.0).
Rechts: Titelblatt von Band 1 der ersten Ausgabe von „Frankenstein“
Die Autorin, Tochter der Schriftstellerin und Feministin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin, war erst knapp 19 Jahre alt, als sie 1816 ihren Frankenstein-Roman verfasste. Begonnen hatte die Arbeit daran – mit schlechtem Wetter. Denn Mary war, gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem Schriftsteller Percy Bysshe Shelley, im Sommer an den Genfersee gereist. Dort traf man sich mit Bekannten, unter ihnen auch der Dichter Lord Byron. Da es fast andauernd regnete, schlug Byron vor, sich die Zeit mit dem Erfinden von Schauergeschichten zu vertreiben. Mary fiel dazu, wie sie sich später erinnerte, zunächst nichts ein. Eine abendliche Diskussion über Versuche zur Reanimation Verstorbener jedoch brachte ihr einen Albtraum ein – und die Idee für ihre Geschichte.
Ihren Ferienort Genf machte sie dabei zur Heimatstadt ihres Titelhelden Victor Frankenstein. Dort wächst dieser in den späten 1700er Jahren1 auf und geht nach Abschluss der Schule nach Ingolstadt, um Naturphilosophie zu studieren.
Die Ingolstädter Universität war 1472 als erste bayerische Universität gegründet worden und wurde 1800, im Zuge der Napoleonischen Kriege, von denen Ingolstadt stark betroffen war, aus Sicherheitsgründen nach Landshut verlegt. Von dort übersiedelte sie 1826 nach München, wo sie als die heutige Ludwig-Maximilians-Universität weiterbesteht.
Die „Hohe Schule“. Das im 15. Jahrhundert errichtete Gebäude war der Sitz der Ingolstädter Universität (Foto B. Denscher)
Deutschland wurde in der englischen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts oft mit altertümlichen Traditionen, schaurigen Bräuchen und einer unheimlichen Atmosphäre assoziiert. Wesentlich dazu beigetragen hatte die sogenannte „German School of Horror“. Unter dieser Bezeichnung wurden Werke wie etwa der in England überaus erfolgreiche Schauerroman „Der Geisterbanner“ von Karl Friedrich Kahlert rezipiert. Aber auch Dramen, wie Friedrich Schillers „Die Räuber“, oder Balladen, wie Gottfried August Bürgers „Lenore“, hatten starken Einfluss auf die englische „Gothic Fiction“.
So war es durchaus schlüssig, dass Mary Shelley ihren Protagonisten zum Studieren nach Deutschland schickte. Dort war Ingolstadt der perfekte Studienort für Victor Frankenstein. Dies hing mit dem Ruf zusammen, den die Stadt hatte und der gut zu den Interessen Frankensteins passte. Denn dieser hatte sich seit frühester Jugend intensiv mit Geheimwissenschaften und Okkultismus beschäftigt und nach dem „Elixier des Lebens“ geforscht. Auch wenn es, als der Frankenstein-Roman 1818 herauskam, seit einigen Jahren keine Universität mehr in Ingolstadt gab, so war das hohe Ansehen, das vor allem die Medizinische Fakultät im 18. Jahrhundert gehabt hatte, noch nicht ganz in Vergessenheit geraten. Immerhin verfügte die Fakultät ab 1736 über ein eigenes Institutsgebäude (heute „Alte Anatomie“ genannt) mit einem für jene Zeit sehr modern eingerichteten Seziersaal und umfangreichen anatomischen Sammlungen. Es war also durchaus plausibel, dass Victor Frankenstein hier viele Anregungen und das nötige Fachwissen für seine Konstruktion eines künstlichen Menschen erhalten konnte.
Die Alte Anatomie, bis 1800 Institutsgebäude der Medizinischen Fakultät, beherbergt heute das Deutsche Medizinhistorische Museum (Foto: Wikimedia Commons / Christian Karl)
Ein weiterer Grund für Mary Shelley, Ingolstadt zum „Geburtsort“ von Frankensteins Monster zu bestimmen, war sicher, dass an der dortigen Universität 1776 der Illuminatenorden gegründet worden war. Der den Ideen der Aufklärung verpflichtete Geheimbund bestand zwar nur einige wenige Jahre, bis zu seinem Verbot 1784/85, liefert aber bis heute Inspiration für verschiedenste Verschwörungstheorien (so etwa in Dan Browns im Jahr 2000 publizierten Thriller „Angels & Demons“, in der deutschen Übersetzung „Illuminati“).
Es gibt Spekulationen, dass Mary Shelleys Ehemann Percy Bysshe Shelley Mitglied des Illuminatenordens gewesen sei. Dafür wurden allerdings bislang keine Beweise gefunden, nachweisbar aber ist, dass sich sowohl Percy als auch Mary Shelley für Geheimbünde und Geheimwissenschaften interessierten und entsprechende Literatur lasen.2
In dem in der „Alten Anatomie“ eingerichteten Deutschen Medizinhistorischen Museum ist dem berühmtesten – wenn auch nur fiktiven – Studenten der Ingolstädter Universität ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet. Ein zentrales Thema sind dabei die medizinisch-naturwissenschaftlichen Aspekte im Roman: Was könnte Frankenstein in Ingolstadt gelernt haben, wie wurde gelehrt, welche Art von Versuchen gab es, wie wurde seziert, wo fand Frankenstein die für die Erschaffung des künstlichen Menschen benötigten „Bestandteile“?
Detail aus der Frankenstein-Ausstellung im Deutschen Medizinhistorischen Museum (Foto: B. Denscher).
Links eine Kopie des Mary Shelley-Porträts von Richard Rothwell, im Zentrum eine Illustration zu einem jener „Theoretisch-praktischen Versuche über den Galvanismus“, die der italienische Physiker Giovanni Aldini3 um 1800 an Leichen ausführte.
Thematisiert wird in der Ausstellung auch, wie sehr Mary Shelleys Roman Inspiration für verschiedenste Bearbeitungen und Adaptionen lieferte, vor allem für zahlreiche Filme. Zu sehen sind dazu Ausschnitte aus einigen der berühmtesten Frankenstein-Streifen. So etwa aus dem allerersten, dem 1910 entstandenen Stummfilm „Frankenstein“, der – bei stark verkürzter Handlung – nur knapp 13 Minuten dauerte.
Das Monster in dem 1910 in den New Yorker Edison Studios gedrehten Streifen spielte der Stummfilmstar Charles Stanton Ogle (Foto: Wikimedia Commons).
Nicht fehlen darf in der Reihe der Verfilmungen natürlich der 1931 entstandene erste Frankenstein-Tonfilm mit Boris Karloff als Monster. Karloff prägte das Aussehen des Monsters in entscheidender Weise und spielte die Rolle in der Folge in etlichen weiteren filmischen Adaptionen des Frankenstein-Stoffes.
Links: Plakat für den ersten Frankenstein-Tonfilm, 1931, gestaltet von Karoly Grosz (Wikimedia Commons).
Rechts: Boris Karloff als Frankenstein auf einem Werbefoto für den 1935 entstandenen Streifen „Frankensteins Braut“ (The New York Public Library Digital Collections, Public Domain)
„Frankenstein“ war von Beginn an ein Erfolg: der ersten Auflage, die 1818 anonym herauskam (und bei deren Erscheinen vermutet wurde, dass entweder Marys Shelleys Vater, William Godwin, oder ihr Ehemann Percy den Roman geschrieben habe – auf Mary tippte zunächst niemand), folgten 1821 eine Übersetzung ins Französische sowie eine Reihe von Dramatisierungen. Besonders erfolgreich war dabei das Melodram „Presumption; or, The Fate of Frankenstein“ von Richard Brinsley Peake, das von Juli bis Oktober 1823 auf dem Spielplan des „English Opera House“ in London stand. Mary Shelley besuchte eine der Vorstellungen, war davon zwar nicht ganz begeistert – „The story was not well managed“, befand sie in einem Brief an einen Bekannten –, berichtete da aber auch: „Lo and behold! I found myself famous. Frankenstein had prodigious success as a drama”.4
Aufgrund dieses Erfolges veranlasste Marys Vater William Godwin eine neue Auflage des Romans („for he despaired utterly of my doing anything“5), die nun unter dem Namen der Schriftstellerin erschien. 1831 folgte eine weitere Ausgabe, für die Shelley das Buch teilweise überarbeitete und auf der die meisten der weiteren Editionen und die zahlreichen Übersetzungen basieren.
Titelbild zur 1831 im Londoner Verlag Colburn and Bentley publizierten Ausgabe von „Frankenstein“. Entworfen wurde die Illustration von Theodor von Holst, gestochen von William Chevalier.
Auf die Idee für den Namen ihres Titelhelden, Frankenstein, könnte Mary Shelley, so wird hin und wieder vermutet, durch die Burg Frankenstein nahe Darmstadt gekommen sein. Es mag sein, dass Shelley die Festung besuchte oder über sie gelesen hatte und dabei auch erfuhr, dass auf Burg Frankenstein im späten 17. Jahrhundert ein Alchemist gelebt hatte. Allerdings gibt es dazu keine eindeutigen Belege in Shelleys Biografie. Eindeutig aber wurde „Frankenstein“ zu einem der berühmtesten Namen der Populärkultur – auch wenn des Öfteren fälschlicherweise angenommen wird, dass es sich bei Frankenstein um das Monster handelt. Diesem aber hatte Mary Shelley keinen Namen gegeben.
1) Es gibt im Text keine konkreten Jahresangaben, an einer Stelle aber sagt das Monster, dass es das Buch „Die Ruinen“ von Constantin Volney kenne. Da dieses Werk 1791 erschienen ist, sind die Geschehnisse rund um das Monster zeitlich im späten 18. oder im frühen 19. Jahrhundert anzusiedeln.
2) Vgl. dazu: Christian Grawe, Nachwort. In: Mary Shelley, Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Düsseldorf 1994. S. 308.
3) Vgl. dazu: Jean Aldini, Theoretisch-praktischer Versuch über den Galvanismus. Mit einer Reihe von Experimenten. Leipzig 1804.
4) Mary Shelley, Brief an Leigh Hunt, 9.9.1823. In: Letters of Mary W. Shelley (mostly unpublished). By Henry H. Harper. Minneapolis 1918. S. 125.
5) Mary Shelley, Brief an Leigh Hunt, S. 127.
27.11.2025







