GUNTER DAMISCH: HERZORT AUGFELD

Gunter Damisch: Graulochpilzcollage (Ausschnitt), Foto: Günter KönigGunter Damisch: Graulochpilzcollage (Ausschnitt), Foto: Günter König

Der österreichische Maler und Plastiker Gunter Damisch (1958–2016) gehörte zu den sogenannten „Neuen Wilden“, also zu jener Gruppe von Künstlern, die seit Ende der 1970er Jahre hauptsächlich in Deutschland und Österreich tätig waren und sind. Die stilistischen Kennzeichen sind großformatige Bilder, gezielte Formlosigkeit, eine kräftige, fast aggressive Farbigkeit, die teilweise Rückkehr zur Gegenständlichkeit und generell die radikale Ausschöpfung malerischer Möglichkeiten.

Gunter Damisch war nebenbei aber auch musikalisch tätig, am Bass und an der Orgel in der Band „Molto Brutto“. Der Kunsthistoriker Carl Aigner meinte einmal in einem Interview über Damisch, dessen künstlerischen Werdegang er begleitet hatte, dass er „zu den eindrucksvollsten und vielfältigsten Künstlern der Gegenwart“ gehöre. Und dann kam von ihm ein Satz, den sich heutzutage – wenn es um Kunst geht – schon sehr selten jemand getraut so zu formulieren. Und zwar meinte Aigner über das Werk von Damisch: „Ich scheue mich nicht zu sagen, dass es auch unfassbar schön ist, in seinen Farben, Formen und Aussagen.“

Gunter Damisch: Freidegger Sonnenfeldweltweg. Foto: Günter König

Gunter Damisch: Freidegger Sonnenfeldweltweg. Foto: Günter König

Dieses „Schöne“ eröffnet sich einem auch beim Durchblättern des Buches „Gunter Damisch. Herzort Augfeld“ in einer Überfülle von Bildern, von fotografierten und gemalten Bildern. Über den Titel dieses Buches, das Damischs Witwe Maria und sein Sohn Lucas herausgegeben haben, kann man lange nachdenken: Was denn unter dem „Herzort“ zu verstehen und mit dem „Augfeld“ gemeint sei. Beides sind – so erklärt Maria Damisch – Wortschöpfungen von Gunter Damisch. „Am Herzort“ nannte er 2004 eine kleine Lithografie, „Szenen aus Augfeld“ war eine Mappe mit Arbeiten in verschiedenen Drucktechniken aus dem Jahr 1984. Der „Herzort“, so kann man annehmen, ist das Schloss Freidegg in Niederösterreich, in dem Damisch lebte und arbeitete. Gleich zu Beginn des Buches erzählt der ORF-Journalist Johannes Jetschgo ausführlich über den Ort und über Richard Strein von Schwarzenau, der Ende des 16. Jahrhunderts das einst prächtige Renaissanceschloss (von dem heutzutage allerdings nur noch Teile erhalten sind) errichten ließ und der mit seiner ausgeprägten Kunstsinnigkeit eine Art Vorgänger für Damisch war.

„Herzort“: Wie das mit den Orten ist, darüber finden sich am Ende des Buches ein paar Zeilen von Gunter Damisch selbst, die bezeichnenderweise mit „Vom Aufsuchen der Orte“ übertitelt sind. Über die Intensität von Wahrnehmungen und deren beglückenden Nachhall schrieb Damisch: „Meine Arbeit eröffnet Räume für Erfahrungen.“ Ansonsten ist das Verbale anderen, Freunden zumeist, überlassen. Das Werk des Künstlers füllt dieses Buch überwältigend mit Bildern, aber nicht nur mit gemalten Bildern, sondern auch mit Fotografien. An diesen Fotografien spürt man, wie sehr Damisch das Anwesen in Freidegg zum Herzort, zum Augenfeld wurde. Denn dieses Gefühl, in vertrautem Umfeld immer wieder Neues und noch Schöneres zu entdecken, das kennt auch unsereins als dilettierender Fotograf.

Foto: Gunter Damisch

Damisch zeigte mit seinen Fotos, wie weit man da gehen kann. Er bildete die Natur ab, das Gemüse, die Pilze, die Wiesen, Blumen, Sträucher und Bäume. Aber auch Lebendiges, wie Eulen, Hühner, Gänse, Schlangen und Fische, über und unter der Wasseroberfläche, zu allen Jahreszeiten, während des Tages und in der Nacht. Betrachtet man Damischs Fotos von Pflanzen und sieht daneben seine Bilder, dann kann man dort ähnliche Strukturen erkennen.

Gunter Damisch: Monotypiepilzcollage. Foto: Günter König

Gunter Damisch: Monotypiepilzcollage. Foto: Günter König

Oft finden sich auch Plastiken, Plastiken, denen er ganz spezielle Namen, wie etwa „Leuchtrotwegturmkonstrukt“, gab. Aber auch häusliche Keramiken, oder das Haus und seine Räume, das Atelier, Bilderwände. Und immer wieder Damischs Malerei. Es ist – wie gesagt – ein überwältigendes Bilderbuch, in dem – weil der Künstler selbst ja mit Wortspenden äußerst zurückhaltend war – Freundinnen und Freunde das Ihre eher im Plauderton erzählen. Da schreibt die Künstlerin Eva Schlegel von „einem lebendigen Kosmos, einem Konglomerat aus unterschiedlichen künstlerischen Interventionen, gerahmt von diversen Sammlungen gefundener Gegenstände“. Und noch einmal zum „Herzort“: Das Ehepaar Alois und Annerose Riedl, er Maler, sie Bildhauerin, sagen: „Würde es diesen Ort nicht geben, er hätte für Gunter erfunden werden müssen.“

Gunter Damisch Herzort Augfeld. Hg. Maria Damisch und Lucas Damisch. Verlag für moderne Kunst, Wien 2020.

Frau Maria Damisch wird für die Bereitstellung der hier verwendeten Bilder und die freundliche Genehmigung zur Publikation herzlich gedankt.