STEREOFOTOGRAFIE: FRÜHE „VIRTUAL REALITY“

Underwood & Underwood: Bern, um 1896. Alle in diesem Beitrag verwendeten Bilder aus dem Band „Stereographic Switzerland“ stammen aus dem Schweizerischen Nationalmuseum, ZürichUnderwood & Underwood: Bern, um 1896. Alle in diesem Beitrag verwendeten Bilder aus dem Band „Stereographic Switzerland“ stammen aus dem Schweizerischen Nationalmuseum, Zürich

Die Stereofotografie ist eine frühe Form des Fotografierens, die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Es ist eine Technik, die es möglich machte, Orte und Gegenden dreidimensional wahrzunehmen. Dazu kurz etwas Theorie: Wir sehen räumlich, weil unsere Augen die Umwelt zwar gleichzeitig, aber aus unterschiedlichen Winkeln wahrnehmen. Das versuchte man mit zwei Kameras, die simultan ausgelöst wurden, wiederzugeben. Betrachten konnte man das Ergebnis mit dem 1849 erfundenen „Stereoskop“, bei dem durch vergrößernde Linsen eine dreidimensionale Welt erschien.

„Holmes“-Stereoskop der Firma Underwood & Underwood (New York u.a.), 1911.

„Holmes“-Stereoskop der Firma Underwood & Underwood (New York u.a.), 1911.

Das Stereoskop wurde erstmals 1851 auf der Weltausstellung in London einer größeren Öffentlichkeit präsentiert, und die Stereofotografie entwickelte sich in der Folge bei der städtischen Ober- und Mittelschicht zu einer Art Massenmedium. „Millionen von Stereoskopbildern aus allen Theilen der Welt sind in dieser Zeit in den Handel gekommen, so dass man jetzt bequem und ohne Gefahren zu Hause durch eigene Anschauung ferne Länder studiren und durcheilen kann“, schrieb dazu der Fototechniker Paul Eduard Liesegang 1864 in der von ihm gegründeten Fachzeitschrift „Photographisches Archiv“.

Underwood & Underwood: Schloss Chillon (Waadt), um 1901.

Underwood & Underwood: Schloss Chillon (Waadt), um 1901.

Eine umfangreiche Sammlung an Stereofotografien aus der Zeit zwischen 1860 und 1920 befindet sich in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums in Zürich – und steht nun im Mittelpunkt des Buches „Stereographic Switzerland“. Der großformatige, 184 Seiten starke Band präsentiert rund 100 Stereobilder mit Aufnahmen aus der Schweiz. Diese war, wie Aaron Estermann, der Kurator für Historische Fotografie am Nationalmuseum, in der Einleitung erklärt, ein international beliebtes Land für die Stereofotografie, da es der damaligen Vorstellung von einem „idyllischen Hort von Freiheit und Natürlichkeit“ entsprach. Neben der Bergwelt spielten in diesen Fotografien immer auch die Menschen eine große Rolle: zunächst einmal um „Größenvergleiche anzubieten und um die Szenerie zu beleben“ und dann auch als „Muster einer stereotypisierten, ländlichen und traditionellen Schweiz.“

William England: Ebenalp (Appenzell Innerrhoden), um 1863–1865.

William England: Ebenalp (Appenzell Innerrhoden), um 1863–1865.

Aaron Estermann schließt seine Einleitung mit dem Hinweis auf die zeitliche Begrenzung des Phänomens Stereofotografie ab: „In Europa war sie von den 1850er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg ein beliebtes Medium, um sich die Welt anzueignen, in den USA, zumindest im schulischen Kontext, bis Ende der 1930er Jahre. Danach mangelte es dem Medium wohl aber auch an Neuigkeitswert und Innovationskraft, sodass ihm andere visuelle Medien nach und nach den Rang abliefen.“

In der Blütezeit der Stereofotografie, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, produzierte etwa das US-amerikanische Unternehmen Underwood & Underwood jährlich 300.000 Stereoskope und 10 Millionen Stereokarten. Angeboten wurden diese in sogenannten „Boxed Sets“, wobei es sich um buchförmige Schachteln handelte. Das „Boxed Set Switzerland“ von Underwood & Underwood enthielt 100 Stereofotografien, und dazu lieferte man auch eine Landkarte, auf der die Punkte der fotografischen Reise eingezeichnet waren, und einen detaillierten Reiseführer. Derartige „Boxed Sets“ gab es von verschiedenen Firmen und für zahlreiche weitere Länder, so etwa für Norwegen, China, Japan, Ägypten und für die Vereinigten Staaten.

L.C. Skeels: Stereo-Travel Co., „Boxed Set Switzerland“ mit 100 Stereofotografien von Keystone View Co.

L.C. Skeels: Stereo-Travel Co., „Boxed Set Switzerland“ mit 100 Stereofotografien von Keystone View Co.

Nun aber zu den Fotografien, die im Buch zu sehen sind. Diese sind einfach überwältigend. Zuerst sieht man all die alten Gerätschaften, mit denen sie betrachtet werden konnten, und dann geht es los mit den Fotografien – von der Tellskapelle am Vierwaldstättersee bis zum Matterhorn. In jedem Kapitel finden sich zunächst einmal ein paar ganzseitige Abbildungen und dann – immer paarweise pro Seite – die Stereo-Fotografien. Es sind höchst beeindruckende Bilder, die da zu sehen sind, mit der ganz besonderen Qualität, die diese alten Schwarzweiß-Bilder einfach haben.

H.C. White Co.: Montreux (Waadt), um 1908.

H.C. White Co.: Montreux (Waadt), um 1908.

Man meint zu spüren, dass die Fotograf:innen damals sehr viel Aufmerksamkeit in die einzelnen Bilder gelegt haben. Sie mussten ja mit einfacheren und gleichzeitig auch komplizierteren Geräten arbeiten, als sie uns heutzutage zur Verfügung stehen. Man muss sich nur vorstellen, wie beschwerlich es war, mit der sperrigen Ausrüstung und den notwendigen Chemikalien umherzureisen, um vor Ort Glasnegative anfertigen zu können. „Von diesen Negativen konnten dann beliebig viele Abzüge auf Albuminpapier hergestellt werden. Diese Technik blieb bis in die 1880er Jahre weit verbreitet und war die Basis für die industrielle Produktion von Stereofotografien“, wird erklärt.

BuchcoverDiese technischen Begleiterscheinungen vergisst man dann beim Betrachten der Bilder. Schon allein die ganzseitigen Fotos von Bergen und Menschen faszinieren und dann kommt ja noch die Stereoskopie dazu. Dem Buch ist ein „Lite Owl 3D Viewer“ – eine Stereobrille – beigelegt, mit der es, nach einiger Übung, gelingt „dass die beiden Fotos zu einem einzigen verschmelzen, voller Tiefe und Details“. „Wesentlich mehr Zeit als das Schreiben dieses Buches hat die restauratorische Aufbereitung der hier abgedruckten stereografischen Bilder in Anspruch genommen“, schreibt der Herausgeber des Bandes, Jarryd Lowder. Die Mühe hat sich gelohnt: Das Buch liefert viel Interessantes zu einer faszinierenden Technik aus den Anfängen der Fotografie und versetzt mit packenden Bildern in eine „Virtual Reality“ um 1900.

Jarryd Lowder (Hg.): Stereographic Switzerland. Christoph Merian Verlag, Basel 2021