GESCHICHTEN – NICHT ERZÄHLT, SONDERN GEZEIGT

Peter Lindbergh, Untold Stories, Buchcover (Ausschnitt): Michaela Bercu, Linda Evangelista & Kirsten Owen, Pont-à-Mousson, 1988, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)Peter Lindbergh, Untold Stories, Buchcover (Ausschnitt): Michaela Bercu, Linda Evangelista & Kirsten Owen, Pont-à-Mousson, 1988, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh war Fotograf, ihm gelang das Kunststück der „Untold Stories“. So heißt nicht nur die Ausstellung, die er kurz vor seinem Tod im Jahr 2019 noch selbst zusammenstellte, sondern auch das Buch, das diese Ausstellung dokumentiert. Lindbergh war einer der Stars auf dem Gebiet der Modefotografie: 1944 geboren, arbeitete er zunächst als Schaufenstergestalter, mit 19 belegte er Abendkurse an der Berliner Kunstakademie, in Krefeld studierte er freie Malerei, nach einer Phase der Konzeptkunst wechselte er zur Fotografie, 1978 zog er nach Paris, wo seine internationale Karriere begann. Er arbeitete für die Top-Liga der Mode-Magazine, seine Bilder befinden sich in vielen internationalen Museen, seine Werke waren weltweit in Ausstellungen, von Berlin bis New York, von Peking bis Rotterdam, zu sehen. Er machte auch Filme, in deren Mittelpunkt immer wieder sein Fotografieren stand.

Peter Lindbergh, Untold Stories: Los Angeles 2000, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh, Untold Stories: Los Angeles 2000, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

In dem Buch „Untold Stories“ sind nun mehr als 150 Schwarz-Weiß-Fotos und nur ein einziges Farbfoto im XL-Format auf einem ganz speziellen Papier, das sich zart rau anfühlt, präsentiert. Die Bilder umfassen nahezu seine ganze Schaffensperiode, von den frühen 1980er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit, sie zeigen Landschaften, Räume, Körper, Gesichter, Gesichter von Stars, Models, eingefrorene Action-Szenen. Es kommen in dem Buch auch zwei seiner Freunde zu Wort. Der eine, Wim Wenders, ist ja nicht nur Filmemacher, sondern er liebt es auch, großdimensionierte Fotos mit ebenso großem Aufwand herzustellen wie dies Lindbergh tat.

Wim Wenders schreibt also über Peter Lindbergh, dass der in einer ständigen freudigen Gegenwart gelebt und andere mit seiner Sorglosigkeit angesteckt habe und beendet den Text mit einem Hinweis auf Lindberghs Augen: „Diese Augen haben Millionen Menschen beigebracht, Schönheit nicht nur als ein Produkt der Mode zu sehen…“ Das mit der Schönheit leuchtet ein, die „Sorglosigkeit“, die „freudige Gegenwart“ vermisst man aber bei den Porträts, die – wenn überhaupt – nur ganz wenig Emotion zeigen. Doch das ist wahrscheinlich den Normen der Modefotografie geschuldet.

Peter Lindbergh, Untold Stories: Naomi Campbell, Ibiza 2000, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh, Untold Stories: Naomi Campbell, Ibiza 2000, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Felix Krämer, der Generaldirektor des Düsseldorfer Kunstpalastes, führte mit Lindbergh ein Gespräch, das ebenfalls im Buch zu finden ist und in dem es auch um Modefotografie geht. Es nimmt eine in diesem Zusammenhang eher unerwartete Wendung, da Krämer dem Fotografen auf den Kopf zusagte, dass dieser sich ja gar nicht für Mode interessiere – und Lindbergh antwortete: „Endlich sagt das jemand.“ Und weiter: „Ich bestehe auf der Definition ‚Modefotografie‘, weil für mich dieser Begriff nicht bedeutet, dass man Mode abbilden muss – die Fotografie ist viel größer als die Mode selbst, sie ist Bestandteil der Gegenwartskultur wie die Musik … Modefotografie ist ein eigener Kulturbeitrag, wie die Mode auch.“

Peter Lindbergh, Untold Stories: Lynne Koester, Paris 1984, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh, Untold Stories: Lynne Koester, Paris 1984, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Auch zum Thema Schwarz-Weiß und Farbe kommt Lindbergh zu Wort: „So paradox es klingen mag, ist in meinen Augen Schwarz-Weiß oft authentischer als Farbe“, sagt er in dem Gespräch mit Krämer. Porträts, so meint er, wirkten stärker durch die Reduktion auf Schwarz-Weiß. Er wisse aber, dass diese Überzeugung, mit Schwarz-Weiß sei man näher an der Realität, vollkommen falsch sei. Lindbergh gibt auch zu, dass er in den letzten Jahren die Farbfotografie immer mehr für sich entdeckt habe. Geschichten wolle er mit seinen Bildern erzählen, die keinem Raster folgen, abwechslungsreich und nicht langweilig seien. Das versuchte er zum ersten Mal, als er eine ganze Vogue, also 120 Seiten, durchfotografierte und da versuchte, eben eine Geschichte zu erzählen. Betrachtet man einige der Bilder, die wie im Augenblick angehaltene Action-Szenen, wie Film-Stills wirken, dann versteht man, dass ihn Fritz Lang mit dem Film „Metropolis“ und überhaupt die frühen deutschen Filme beeinflusst hatten.

Im Anhang zum Buch finden sich nochmals sämtliche Fotos im Kleinformat mit allen relevanten Daten zu den Porträtierten, Aufnahmeort und Entstehungsdatum usw.

Peter Lindbergh: Untold Stories (Englisch, Deutsch, Französisch) Taschen Verlag , Köln 2020.