DIE STRASSE DES ERSTEN FILMS

StraßenschildAlle Fotos: B. Denscher

Der Streifen ist nur rund fünfzig Sekunden lang, doch er hat Film-Geschichte gemacht. Daran erinnert auch der Name der Straße, in der er gedreht wurde: Es ist die „Rue du Premier-Film“ – die „Straße des ersten Films“ – im 8. Arrondissement der französischen Stadt Lyon. Dort platzierte sich Louis Lumière an einem Märztag des Jahres 1895 gegenüber dem Tor der von ihm gemeinsam mit seinem Bruder Auguste betriebenen Fabrik für Fotoplatten und filmte Arbeiterinnen und Arbeiter beim Verlassen des Werks. Der „La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon“ betitelte Streifen (im Deutschen „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“ benannt und im Internet in zahlreichen Versionen abrufbar) ist zwar nicht der weltweit allererste Film überhaupt, aber er ist der erste, der mit dem von den Brüdern Lumière entwickelten „Cinematographen“ aufgenommen wurde.

Das im Februar 1895 patentierte Gerät war nicht nur eine Kamera, sondern auch ein Projektor. Damit war es möglich, Filme vor einem größeren Publikum auf eine Leinwand zu projizieren – während zuvor, mit dem von Thomas Edison entwickelten „Kinetoskop“, Filme über eine Lupe jeweils nur von einer Person angesehen werden konnten. Am 22. März 1895 präsentierten die Brüder Lumière ihren „premier film“ in Paris einem Fachpublikum und drehten in rascher Folge noch zahlreiche weitere Streifen. Eine Auswahl davon wurde am 28. Dezember 1895 im „Salon Indien du Grand Café“ am Pariser Boulevard des Capucines in einer ersten öffentlichen Vorführung gezeigt – und diese Veranstaltung gilt als die Geburtsstunde des modernen Kinobetriebs.

Von den Lumière-Werken, in denen einst mehrere hundert Menschen beschäftigt waren, ist nichts mehr geblieben außer jener Halle, die den Hintergrund für den ersten Film bildete. Als die Fabrikanlage in den frühen 1970er Jahren abgerissen wurde, blieb dieser sogenannte „Hangar du Premier-Film“ dank des Engagements von Filmenthusiasten erhalten und beherbergt heute ein Kino. Eine direkt davor platzierte große Glasplatte mit einem Filmstill erinnert daran, dass genau hier „La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon“ gedreht wurde.

Vom „Hangar du Premier-Film“ führt ein kurzer Weg durch einen kleinen Park zur ebenfalls erhalten gebliebenen „Villa Lumière“. Diese beherbergt ein sehenswertes Museum zur Foto- und Filmgeschichte, wobei natürlich Leben und Werk der Familie Lumière im Mittelpunkt stehen. Neben Auguste und Louis ist dabei auch deren Vater, Antoine Lumière, zu nennen, der ein erfolgreicher Porträtfotograf war und der die Karriere seiner Söhne tatkräftig unterstützte. So war er es, der 1894 bei einem Paris-Aufenthalt ein Edison-Kinetoskop gesehen hatte und – da er das kommerzielle Potential der animierten Bilder erkannte – seine Söhne ermunterte, einen ähnlichen, aber billigeren und vor allem besseren Apparat zu konstruieren.

Pionierleistungen erbrachten die Brüder Lumière nicht nur im Film-, sondern auch im Fotobereich. So etwa entwickelten sie mit den 1903 patentierten Autochromplatten das erste allgemein benutzbare Verfahren zur Herstellung von Farbfotografien. Bis in die 1930er Jahre wurden die Autochromplatten in den Lumière-Werken hergestellt, aber auch Fotopapiere, Foto-Filme, Zubehör für die Fotoentwicklung und Fotokameras gehörten zur breiten Angebotspalette. Das entsprechende Firmenmotto spielte auf die Gleichheit des Namens Lumière mit dem französischen Wort für „Licht“ = „lumière“ an und lautete: „PAS DE PHOTO SANS LUMIÈRE“ – was sowohl als: „Kein Foto ohne Licht“ wie auch als „Kein Photo ohne Lumière“ gelesen werden konnte.

Der ersten öffentlichen Präsentation des Cinematographen im Dezember 1895 in Paris folgten innerhalb weniger Monate Aufführungen u.a. in zahlreichen europäischen Ländern, in den USA, Australien, Indien, Japan und Mexiko. „In hellen Scharen kam man, diese Schattenwunder zu sehen“, schrieb das „Neue Wiener Tagblatt“ (21.3.1896, S. 5) am Tag nach der ersten Aufführung in Wien, und die „Morgen-Presse“ (21.3.1896, S. 4) berichtete: „Bereits das erste Bild, welches den Heimgang von Arbeitern aus der Fabrik darstellte, rief ein allgemeines ‚Bravo!‘ hervor, und ein lustiger Radfahrer unter den heimgehenden Arbeitern erregte besondere Heiterkeit. Wir sahen sodann einen Faschingszug, einen Scherenschleifer, einen rollenden Eilzug; wir bewunderten ein großartiges Seebild, auf welchem das Spiel der Wellen so natürlich vor die Augen geführt wird, daß man fast versucht wäre, sich zu fragen, warum man denn das Plätschern der Wellen nicht vernehme. Eine heitere Kartenpartie und spielende Kinder erregten besonderes Aufsehen. So natürlich, so deutlich sah man den Rauch der Cigarre eines Spielers sich in die Luft erheben, so herzig spielte der kleine Fratz mit seiner Puppe, daß alle Anwesenden mit der Empfindung scheiden mußten, den Erfindern des Apparates und den Veranstaltern der Versuche eine sehr interessante Stunde zu verdanken.“

Zu sehen sind die erwähnten Filme und noch zahlreiche weitere im Musée Lumière als Projektionen in den Ausstellungssälen und in einem speziellen Videoraum.

Website des Institut Lumière, von dem das Museum und auch das Kino im Hangar betrieben werden.