KIR – DER COCKTAIL DES KANONIKUS

Es ist doch seltsam, dass ein Getränk, das – spätestens seit der legendären Fernsehserie „Kir Royal. Aus dem Leben eines Klatschreporters“ – dem Highlife und der Schickeria zugeordnet wird, nach einem französischen Priester benannt ist, der dem antifaschistischen Widerstand nahestand. Wie kam es dazu?

Eines gleich vorweg: Der Namensgeber, der Kanonikus Félix Kir – le chanoine Kir –, hat den Kir nicht „erfunden“. Der Cocktail aus trockenem Weißwein und Crème de Cassis, also Likör aus Schwarzen Johannisbeeren, ist in Frankreich seit langem bekannt und beliebt und wurde, bevor man den Kleriker zum Namenspatron machte, als Blanc-Cassis bezeichnet. Das Mischungsverhältnis ist meist 9:1 – neun Teile Wein, ein Teil Likör – wobei dies, je nach Geschmack, auch ein wenig variieren kann. Wenn der Mix ganz „original“ sein soll, dann muss der Likör aus Dijon stammen und der Wein einer von der typischen Burgunder Rebsorte Aligoté sein. Und wenn man die Crème de Cassis statt mit Wein mit Champagner aufgießt, dann ergibt dies den berühmten Kir royal.

Dass aus dem Blanc-Cassis der Kir wurde, hat mit der großen Popularität zu tun, die Félix Kir zu seiner Zeit genoss. Der Geistliche, der 1876 in einem kleinen burgundischen Dorf geboren wurde und in relativ bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, war von 1945 bis zu seinem Tod im Jahr 1968 Bürgermeister von Dijon, außerdem ab 1945 Mitglied der französischen Nationalversammlung und von 1958 bis 1967 deren Alterspräsident.

Das Rathaus von Dijon, das im früheren Herzogspalast untergebracht ist (Foto: B. Denscher).

Das Rathaus von Dijon, das im früheren Herzogspalast untergebracht ist (Foto: B. Denscher).

Begonnen hatte das intensive politische Engagement von Félix Kir während des Zweiten Weltkriegs. Schon zuvor hatte er – als Pfarrer in Gemeinden der Region Dijon und ab 1928 auch als Redakteur einer katholischen Zeitschrift – immer wieder aufgrund seines bisweilen durchaus handfesten Auftretens und seiner Don Camillo-artigen Konfliktfreudigkeit von sich reden gemacht. Als die Stadtregierung von Dijon im Juni 1940 aufgrund des drohenden deutschen Angriffs die Flucht ergriffen hatte, wurde der Kanonikus Mitglied einer kommissarischen Verwaltung, der Vertreter unterschiedlicher politischer Lager angehörten und die teilweise auch Kontakte zur französischen Widerstandsbewegung hatte.

Plakat der kommissarischen Stadtverwaltung, der auch der "Chanoine Kir", der Kanonikus Kir, angehörte.

Plakat der kommissarischen Stadtverwaltung, der auch der “Chanoine Kir”, der Kanonikus Kir, angehörte.

In dieser Funktion gelang es Félix Kir, zahlreichen Kriegsgefangenen, die von den Deutschen in Longvic bei Dijon inhaftiert worden waren, durch das Ausstellen von gefälschten Papieren zur Flucht zu verhelfen. Zweimal wurde er von der Gestapo verhaftet, jedoch mangels Beweisen wieder freigelassen. Den in eine Mauer eingelassenen Likörschrank, in dem diverse Stempel und Dokumente versteckt waren, hatten die Deutschen bei einer Hausdurchsuchung übersehen. Dass Kir, wie später oft behauptet wurde, die Todesstrafe drohte, sei nicht nachweisbar, schreibt sein Biograf Jean-François Bazin. Auf jeden Fall aber ging der Geistliche mit seinem humanitären Engagement immer wieder ein hohes Risiko ein. Am 26. Jänner 1944 wurde er bei einem Revolverattentat durch französische Nazi-Kollaborateure schwer verletzt. Einem längeren Spitalsaufenthalt folgten weitere Verhöre durch die Gestapo. Kir sah sich genötigt unterzutauchen und fand Asyl in einer Landwirtschaftsschule im kleinen Ort Malroy im Nordosten des Landes. Nach dem Ende der deutschen Okkupation kehrte er Anfang September 1944 zurück nach Dijon, wo er als Held des Widerstandes bejubelt wurde. Im Frühjahr 1945 wurde Félix Kir als Vertreter einer unabhängigen Liste zum Bürgermeister gewählt und bei den Wahlen der folgenden zwei Jahrzehnte stets in diesem Amt bestätigt – zuletzt 1965, als der Chorherr immerhin schon 89 Jahre alt war.

Als Bürgermeister war Félix Kir, so sein Biograf Jean-François Bazin, ein Mann der Tat, der nicht vor großen Projekten zurückschreckte: So etwa gehen die Errichtung moderner sozialer Wohnviertel, der Bau eines Klinikzentrums, die Anlage des Universitätscampus und die Schaffung eines über 37 Hektar großen Sees, des „Lac Kir“, der zum vielbesuchten Naherholungsgebiet für die Stadt wurde, auf seine Initiativen zurück. In Erinnerung geblieben ist der umtriebige Kleriker in Dijon jedoch vor allem durch sein oft recht unkonventionelles Auftreten. So etwa erzählt man bis heute, dass er immer wieder, wenn es ihm notwendig erschien, herbeigeeilt kam, um die Regelung des Straßenverkehrs zu übernehmen – zur stets üblichen Soutane trug er speziell dafür auch eine Gendarmenkappe. Oder wie er, als Staatspräsident Charles de Gaulle (den er nicht so recht leiden mochte) zu einem Besuch in Dijon war, eine offizielle Veranstaltung frühzeitig verließ und auf den Hinweis, dass es ungehörig sei, den Präsidenten alleine stehen zu lassen, laut verkündete: „Der hat so lange Beine, der wird mich schon noch einholen.“

Bericht in der Zeitschrift „Le droit de vivre“ vom 1. März 1957: Im Rathaus von Dijon stößt Bürgermeister Kir mit dem Showstar Josephine Baker auf den Erfolg des Antirassismus an.

Bericht in der Zeitschrift „Le droit de vivre“ vom 1. März 1957: Im Rathaus von Dijon stößt Bürgermeister Kir (links) mit dem Showstar Josephine Baker auf den Erfolg des Antirassismus an.

Für Aufsehen aber sorgten vor allem jene Begebenheiten, die dann später die Inspiration für einen weiteren Cocktail gaben – nämlich für den „Double-K Kir“, den „Doppel-K Kir“, der aus Weißwein, Crème de Cassis und einem Schuss Wodka besteht. Félix Kir, dem internationale Verständigung und Aussöhnung wichtige Anliegen waren und der sich sehr für den Aufbau von Städtepartnerschaften engagierte, hatte sich 1959 an den damaligen sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow gewandt und über dessen Vermittlung einen Freundschaftsvertrag zwischen Dijon und Stalingrad vereinbart. Dieser sollte dann, als Chruschtschow im März 1960 auf Staatsbesuch in Frankreich war, im Rathaus von Dijon offiziell unterzeichnet werden. Das allerdings führte zu so heftigen Protesten von Kirs kirchlichen Vorgesetzten im Vatikan, dass man auch von französischer Regierungsseite her das Treffen zwischen dem Kleriker und dem Kommunisten für nicht opportun hielt. Einfach abzusagen aber war nicht Kirs Sache: Er ließ es so aussehen, als habe man ihn, um die Begegnung mit Chruschtschow mit Gewalt zu verhindern, entführt. Er organisierte dafür ein Auto mit Fahrer, und schrie, als man über die Landstraßen brauste, aus dem offenen Wagenfenster: „Libérez Kir!“ – „Befreit Kir!“. Die Zeitungen widmeten der Sache große Aufmerksamkeit, und Félix Kir erhielt immerhin die Erlaubnis, nach Paris zu fahren, um Chruschtschow dort zu treffen. Die beiden (K und K – Kir und, gemäß der französischen Schreibung, Khrouchtchev – daher auch der Cocktailname „Double-K Kir“) verstanden sich hervorragend miteinander. Im September 1964 war der Dijoner Bürgermeister dann Chruschtschows Gast in Moskau und er besuchte auch Stalingrad. Nach seiner Heimkehr schwärmte er davon, dass man ihn wie einen Staatspräsidenten behandelt habe und dass Chruschtschow, der wenige Wochen nach Kirs Besuch als Parteichef und Ministerpräsident gestürzt wurde, „un homme très délicat, très intelligent, et humain, et spiritualiste“ – ein sehr feiner, sehr intelligenter, humaner und spiritueller Mensch sei.

Wann genau der Name des Bürgermeisters von Dijon zur Produktbezeichnung wurde, ist nicht exakt zu datieren. Ins französische Wörterbuch wurde der Begriff „kir“ 1976 aufgenommen und damit sozusagen „offiziell“ gemacht. Aber bereits 1950 berichtete der Sachbuchautor Henry Clos-Jouve in einem Führer durch das Burgund, dass man in Dijon einfach einen Kir bestelle: „A Dijon, on ne demande plus un vin blanc cassis, on réclame: ‚Garçon, un Kir“. Und zwar, weil Bürgermeister Kir eine große Vorliebe für dieses Getränk habe, es häufig selbst konsumiere und gerne seinen Gästen serviere. Es ist wohl ein „Denkmal“ der besonderen Art für einen Kleriker und Widerstandskämpfer, dass sich sein Name weltweit auf zahllosen Menükarten erhalten hat.

Buchcover

Mehr zum Thema findet sich im Buch:
Jean-François Bazin, Le chanoine Kir. La vie fantasque d’un homme politique en soutane. Verlag Armand Colin, Paris-Malakoff 2018.