DAS „DAMPFNUDEL-DUO“

Collage unter Verwendung eines Fotos von Schwäbin/Wikimedia cc Creative Commons

Was für ein seltsamer Titel ist das doch für ein Musikstück: „Die Schlacht bei Prag. Ein großes Duett für Dampfnudel oder Rahmstrudel“! Und wie kam Felix Mendelssohn Bartholdy, von dem das Werk stammt, auf diese kuriose Benennung? Die Sache hat mit der Entstehung dieser Komposition zu tun, die in der Musikgeschichte unter der Bezeichnung „Konzertstück Nr. 1 in f-Moll op. 113 für Klarinette und Bassetthorn“ eingereiht wurde.

Mendelssohn Bartholdy hatte das Werk den beiden Musikern Heinrich Joseph Baermann und dessen Sohn Carl Baermann gewidmet – „demüthig dedicirt an Bärmann senior und Bärman junior“[1] ist dazu auf den Originalnoten vermerkt. Beide Baermanns werden zu den bedeutendsten Klarinettenvirtuosen des 19. Jahrhunderts gezählt, auf gemeinsamen Konzertreisen waren sie europaweit erfolgreich, beide waren langjährige Mitglieder und – aufeinanderfolgend – Soloklarinettisten der Münchner Hofkapelle.

Mit Felix Mendelssohn Bartholdy waren Vater und Sohn Baermann gut befreundet. Der Komponist hatte, als er sich 1831 für einige Zeit in München aufhielt, viel Kontakt mit den Baermanns, er musizierte mit ihnen und, so erinnerte sich später Carl Baermann, er aß auch oft bei ihnen zu Mittag, „wozu er sich aber stets, da er leidenschaftlich Süßes liebte, Dampfnudel oder Rahmstrudel ausbat“[2]. Offenbar schmeckten dem Komponisten diese bayrischen Spezialitäten so gut, dass er dann, als ihn die Baermanns ein Jahr später während einer Konzertreise in Berlin besuchten, folgende Abmachung mit ihnen traf: Er würde ihnen für die Tournee ein Duo komponieren, wenn er dafür Dampfnudeln oder einen Rahmstrudel bekomme.

Gesagt, getan – und zwar am 30. Dezember 1832. Carl Baermann, der offenbar nicht nur ein genialer Musiker, sondern auch ein begabter Koch war, hatte eingewilligt, den kulinarischen Part zu übernehmen: „Als ich mich zur bestimmten Zeit (9 Uhr früh) bei ihm einfand“, setzte Mendelssohn „mir eine Küchenhaube auf, band mir eine Schürze um und steckte mir einen Kochlöffel in das Band der Schürze. Dieselbe Prozedur nahm er mit sich selber vor, nur statt des Löffels steckte er eine Feder hinter das Ohr, und führte mich, zum großen Ergötzen seines Küchenpersonals, in die Küche hinab. Er selbst kehrte nun, wie er sagte, an seinen Klavierherd zurück, woselbst er die Töne umrühren, kneten, salzen, pfeffern, zuckern, eine pikante Sauce dazu machen, und das ganze an einem höllischen Feuer kochen wollte.“[3]

Am Nachmittag war dann alles fertig: das Klarinettenduo ebenso wie die Dampfnudeln und sogar auch ein Rahmstrudel. Und somit erklärt sich auch der Titel des Musikstücks: Die Komposition als Gegenleistung für Dampfnudeln oder Rahmstrudel.

Keine schlüssige Erklärung scheint es hingegen für den Haupttitel zu geben, den Mendelssohn Bartholdy seiner Komposition gab: „Die Schlacht bei Prag“. Frank Heidlberger, der Herausgeber der aktuellen Edition des Notenmaterials, etwa meint, Mendelssohn habe damit auf eine Schlacht, die 1757 zwischen Preußen und Österreich stattfand, angespielt und dies auf den Wettstreit zwischen preußischer Komposition und bayrisch-österreichischer Küche übertragen. Mag sein, ist aber nicht unbedingt überzeugend.

Während sich Mendelssohns Komposition über die Noten und vor allem auch durch verschiedene Aufnahmen erschließt, ist nicht bekannt, nach welchem Rezept Carl Baermann den Rahmstrudel und die Dampfnudeln zubereitete. Übrigens: Letztere haben nichts mit herkömmlichen Nudeln zu tun, sondern sind vielmehr eine aus Hefeteig hergestellte, kloßförmige Mehlspeise. Für beide Speisen gibt es zahllose Rezepte, da findet sich bestimmt Passendes für jeden Geschmack. Küchenhistorisch Interessierte könnten sich aber auch an einem zeitnah zur Klarinetten-Komposition veröffentlichten Dampfnudel-Rezept orientieren. Zu finden ist es in Anna Maria Neudeckers Kochbuch „Die Baierische Köchin in Böhmen“[4], wo es sich so präsentiert:

[1] Siehe das erste Blatt des in der New Yorker Juilliard Manuscript Collection aufbewahrten (allerdings nicht vollständigen) Autografs des Musikstücks.
[2] Zit. nach: Erdt, Robert: Der Münchner Klarinettenvirtuose Carl Baermann (1811–1885) als Pädagoge, Klarinettist und Komponist. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, 2010, S. 249.
[3] Zit. nach: Heidlberger, Frank: Vorwort. In: Felix Mendelssohn Bartholdy: Konzertstücke op. 113 und 114 für Klarinette, Bassetthorn (2 Klarinetten) und Klavier. G. Henle Verlag, München, 2015.
[4] Neudecker, Anna Maria: Die Baierische Köchinn [!] in Böhmen. Ein Buch, das sowohl für Herrschafts-, als auch für gemeine Küchen eingerichtet ist, und mit besonderem Nutzen gebraucht werden kann. Salzburg 1826, S. 297f.