SOLOFLÖTE – KLASSISCH UND EXPERIMENTELL

Olga Reiser, Foto auf dem Booklet zur CD „Flute Tales“ (© Olga Reiser / Danuta Urbanowicz, Victoria Page)Olga Reiser, Foto auf dem Booklet zur CD „Flute Tales“ (© Olga Reiser / Danuta Urbanowicz, Victoria Page)

In der Orchester- und Kammermusik kommt die Flöte in vielfacher Weise zum Einsatz. Als Soloinstrument jedoch ist sie eher selten zu hören. Das will die Flötistin Olga Reiser ändern: Auf ihrer CD „Flute Tales“ präsentiert sie Kompositionen von Johann Sebastian Bach bis Ian Clarke und spannt damit den Bogen vom Barock bis zur Gegenwart. Vor allem aber geht es ihr um die große Bandbreite musikalischer Gestaltung, die mit der Solo-Flöte möglich sind – von „klassischer“ Interpretation bis zu modernen Spieltechniken. Zu diesen gehört unter anderem die „Beatbox Flute“, bei dem die Flöte als Rhythmusinstrument eingesetzt wird. Als Beispiel dafür bringt Olga Reiser eines der bekanntesten Werke aus diesem Bereich, nämlich die 2011 komponierten „Three Beats for Beatbox Flute“ des US-amerikanischen Flötisten Greg Pattillo. Davor aber lässt Olga Reiser, in – souveräner – „klassischer“ Spielweise, ein paar der bekanntesten Werke für Solo-Flöte erklingen: So etwa die 1913 entstandene „Syrinx“ von Claude Debussy, Arthur Honeggers „Danse de la chèvre“ aus dem Jahr 1921 und das 1939 komponierte „Image“ von Eugène Bozza.

Eine ganz spezielle Art von Duo – und das vielleicht allerkurioseste Werk auf der CD – ist das Musikstück „Wake Up!“ des Jazzsaxophonisten und -flötisten Tilmann Dehnhard. Denn da ist das Flötenspiel die Begleitung zum andauernden Piepsen eines Digitalweckers. Olga Reiser, die im Booklet zur CD jedes einzelne Musikstück kommentiert, berichtet dazu, dass sie Dehnhard um die Noten angeschrieben hatte und von diesem dann zusätzlich zu den Noten auch einen Wecker zugeschickt bekam. Zunächst hielt sie das lediglich für eine nette kleine Aufmerksamkeit, doch als sie mit dem Erarbeiten des Stückes begann, „ist mir klar geworden, dass man es nur mit einem ganz bestimmten Wecker spielen kann, der auf bestimmter Höhe und in bestimmtem Tempo piepst. Als ich danach Tillmann Dehnhard persönlich getroffen habe, hat er mir verraten, dass das Stück entworfen wurde, um den Flötisten beizubringen, rhythmisch zu spielen.“

Bei zwei Werken hat Olga Reiser eine Live-Loopstation eingesetzt, um während ihres Spiels zusätzliche Tonspuren aufzunehmen und so – solo – ein mehrstimmiges Musikstück entstehen zu lassen: Das eine Werk trägt den Titel „For Dad“ und ist eine Eigenkomposition der Künstlerin; beim zweiten handelt es sich um ein Menuett von Johann Sebastian Bach, das Reiser zur Basis für eine breite Improvisation mit verschiedenen Soundeffekten gemacht hat. Die Bearbeitung für Sopran- und Altflöte plus Loopstation ergibt eine beeindruckende Synthese von Klassik und Jazz – und ist, wie das gesamte Album, ein faszinierendes Hörerlebnis!CD-Cover

Olga Reiser: Flute Tales. Solo Musica, München 2021.