KEIN ARMENGRAB FÜR MOZART

Alle Fotos: B. Denscher

Der Tod bekannter Persönlichkeiten ist oft Anlass für die Entstehung geheimnisvoller, skurriler oder rührseliger Geschichten. Die Nachwelt will anscheinend kein „gewöhnliches Sterben“ der Prominenten akzeptieren. Gleich mehrere Legenden ranken sich um den Tod des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. So stößt man zum Beispiel immer wieder auf die Erzählung, dass wenige Monate vor Mozarts Tod ein geheimnisvoller Unbekannter durch einen ebenso geheimnisvollen Sendboten ein Requiem bestellt hätte. Die Mozartforschung hat allerdings längst den Nachweis erbracht, dass der anonyme Mittelsmann nicht „Gevatter Tod“ war, der den Komponisten die eigene Totenmesse komponieren ließ, sondern ein Abgesandter von Franz von Walsegg, der das Musikstück anlässlich des ersten Todestages seiner Frau in Auftrag gab.

Hartnäckig hält sich auch die Erzählung, dass Mozarts Ehefrau Constanze und die Freunde des Komponisten nicht für ein entsprechend würdiges Begräbnis gesorgt hätten. Am 6. Dezember 1791, um drei Uhr nachmittags, fand die Einsegnung in einer kleinen Seitenkapelle des Wiener Stephansdomes statt. Nur eine kleine Schar von Mozarts Freunden, so wird immer wieder erzählt, war bei dieser Feierlichkeit anwesend. Noch weniger Trauernde gaben dem Sarg dann das Geleit auf dem kurzen Weg bis zum Stubentor – dort kehrten auch sie um. Niemand begleitete den Wagen mit dem Sarg hinaus zum St. Marxer Friedhof, kein Angehöriger oder Freund war dabei, als die „sterbliche Hülle“ des Komponisten in das Massengrab gesenkt wurde. Nichts, kein Grabstein, nicht einmal ein schlichtes Holzkreuz markierte die Stelle seines Grabes…

Der renommierte Musikhistoriker Otto Erich Deutsch versuchte bereits in den 1960er Jahren, eine andere Erklärung für dieses „Armenbegräbnis“ zu finden als den bis dahin angenommenen „Mangel an Herz und Geld“: „Dass weder die Witwe noch die engeren Freunde noch auch einige der Freimaurer den Kondukt begleiteten, wie es heißt, kann nur aus der seit Kaiser Josephs Zeit üblichen Einfachheit der Leichenbegängnisse erklärt werden.“ Und tatsächlich: Die unter Kaiser Joseph II. herrschende Begräbnisordnung bestätigt diese Vermutung. Joseph II. war der konsequenteste Aufklärer auf dem Kaiserthron. Er versuchte, fast alle Lebensbereiche von einem vernunftmäßigen, streng rationalistischen Standpunkt aus zu ordnen und zu reglementieren. In einer Reihe kirchlicher Reformen strebte er die radikale Beseitigung allen barocken Überschwangs und äußerlichen Kirchenprunks an.

Schon die Gründung des St. Marxer Friedhofs geht auf das Reformprogramm des Kaisers zurück, der aus hygienischen Überlegungen die Schließung der Friedhöfe im Wiener Stadtgebiet angeordnet hatte und 1784 fünf Kommunalfriedhöfe außerhalb des bewohnten Gebietes anlegen ließ. Dazu gehörte auch der St. Marxer Friedhof, der dann nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs im Jahr 1874 kaum noch genutzt und 1922 in eine Parkanlage mit Beibehaltung der noch vorhandenen und zum Teil stark verwitterten historischen Gräber umgewidmet wurde.

Laut Hofdekret vom 23. August 1784 verfügte Joseph II. auch eine gründliche Vereinfachung der Begräbniszeremonien. Das Dekret geht von der Auffassung aus, dass das Begraben des Leichnams keinen anderen Zweck habe, als „die Verwesung so bald als möglich zu fördern“. Die Toten sollten in den Kirchen eingesegnet werden, „von dannen aus aber hernach von dem Pfarrer in die außer den Ortschaften gewählten Friedhöfe zur Eingrabung ohne Gepränge überbracht werden“. Ursprünglich wurde dabei auch dekretiert, dass der Leichnam „in einem leinen Sack ganz blos ohne Kleidungsstücke eingenäht, sodann in die Totentruhe gelegt und in solcher auf den Gottesacker gebracht werden soll“. Auf dem Friedhof sollte der Leichnam schließlich nur im Leinensack ins Grab gelegt werden. Typisch für die gänzlich emotionslose Haltung dieses Dekrets ist folgende Empfehlung: „Zur Ersparung der Kosten wäre die Veranlassung zu treffen, daß jede Pfarre eine ihrer Volksmenge angemessene Anzahl gut gemachter Totentruhen von verschiedener Größe sich beschaffe, welche jedem unentgeltich darzugeben sei.“ Die Bestimmung von der sarglosen Bestattung wurde allerdings schon 1785 widerrufen. Der Grundgedanke jedoch, dass die Totenfeierlichkeiten mit der Einsegnung in der Kirche beendet seien und das Begräbnis sozusagen nur noch der möglichst hygienischen Beseitigung des Leichnams diene, blieb erhalten.

Diese im Vergleich zu heute völlig andere Auffassung vom Begräbnis ist zweifellos eine einleuchtende Erklärung für das Verhalten von Mozarts Ehefrau und seiner Freunde. Dazu kommt, dass die Friedhofsordnung von 1784 die Beisetzung in Schachtgräbern anordnete. Die Verwendung eigener Gräber hingegen war äußerst selten. Nach dem Tod Josephs II. im Jahr 1790 wurden zwar wieder mehr eigene Gräber zugelassen, aber noch 1803 machte man deren Errichtung von einer – damals noch unentgeltlichen – Bewilligung der niederösterreichischen Landesregierung abhängig. Die Beisetzung in Schachtgräbern war also zur Zeit von Mozarts Tod keineswegs ein außergewöhnliches „Armenbegräbnis“, wie bisweilen heute noch angenommen wird, sondern durchaus üblich. Was schließlich die Errichtung von Grabmälern betrifft, so war auch dies durch das Hofdekret von 1784 ausdrücklich verboten. Es war lediglich gestattet, Denkmale entlang der Friedhofsmauern zu errichten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man, diese Bestattungsregelungen zu vergessen. Mit der Zeit schien es unverständlich zu sein, dass Mozart nicht einmal mit einem eigenen Grab und einem Erinnerungsmal geehrt worden war. So versuchte man, dies mit dem Klischee vom verarmten Künstler zu erklären, bei dem es nur noch für ein Armengrab gereicht hätte.

Die Forschungen um das vergessene Mozartgrab ergaben, dass jene Stelle auf dem St. Marxer Friedhof, die heute durch ein Denkmal geschmückt wird, ziemlich sicher der tatsächliche Begräbnisort des Komponisten war. Das Ensemble, das die Arbeit eines professionellen Bildhauers zu sein scheint, ist in Wahrheit das Werk eines – Friedhofswärters. Alexander Kugler war sein Name, und er trug einzelne Stücke von verfallenen Grabmälern zusammen und platzierte sie auf Mozarts Grabstätte, um diese nicht erneut in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Jahr 2006 wurde das Grab auf Initiative der Kulturabteilung der Stadt Wien umfassend restauriert und im Jahr 2016 die Gesamtanlage neu gestaltet.