WAS IST EIN WEICHBILD?

Ist diese Ansicht von Ulm ein Weichbild?
Ist diese Ansicht von Ulm ein Weichbild?

Es ist ein etwas altertümlich wirkender Begriff, der in den aktuellen Medien jedoch erstaunlich oft zu finden ist: „Corona hat das Weichbild der Stadt verändert“, ist etwa aus der „Wiener Zeitung“ (20.11.2021)[1] zu erfahren. Und die „Niederösterreichischen Nachrichten“ erzählen von Dörfern, die „einst kompakt in das Weichbild der Landschaft gebettet“ waren (22.7.2021). Der Begriff „Weichbild“ scheint da also auf das Aussehen, den Charakter einer Gegend zu verweisen. Irgendwie passt es dazu auch, wie die „Rheinische Post“ (17.4.2021) jenes Loch beschreibt, das der Braunkohle-Tagebau bei Grevenbroich hinterlassen hat: „Riesig, an diesigen Tagen im Weichbild des Horizonts verschwimmend“.

Dann aber findet man einen Artikel in „Zeit Online“ (3.12.2017), in dem davon die Rede ist, dass „die Aufmerksamkeitsökonomie längst das Weichbild des Alltags“ bestimmt. In einer Rezension in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (2.4.2019) über Annie Ernaux’ Buch „Der Platz“ wiederum heißt es, dass „der Vater aus dem Weichbild der Erinnerungen erst herausgemeisselt werden muss“. Und die „Süddeutsche Zeitung“ charakterisierte 2020 die Hamburger Max Beckmann-Ausstellung als einen „Indizienprozess zu Beckmanns neuem Weichbild“ (6.10.2020).

Auch die „Salzburger Nachrichten“ verwenden den Begriff offenbar gerne: In einem Beitrag über Anti-Corona-Demos heißt es: „Da ist sicherlich das Weichbild der Sympathisanten, die eine rational-kritische Haltung gegenüber der ganz konkreten Regierungspolitik pflegen“ (28.1.2021); und in einer Analyse über neue globale Machtkämpfe wird erklärt: „Und dann gibt es noch ein ‚Weichbild des Westens‘. Staaten also, die nicht zwingend den demokratischen oder wirtschaftlichen Maßstäben der Europäer und Amerikaner entsprechen“ (18.3.2022).

Was also ist ein Weichbild? Der „Duden“ hat dazu eine klare, knappe Antwort: Der Begriff „Weichbild“ bedeutet „Stadtgebiet“.

Zugrunde liegt dem der mittelhochdeutsche Begriff „wīchbilde“. Das „wīch“ hat dabei nichts mit „weich“ zu tun, sondern entwickelte sich aus dem lateinischen „vicus“, was Dorf, Gehöft oder auch Stadtteil bedeutet. Und der Wortbestandteil „bilde“ ist hier im Sinne von „Recht“ verwendet (so wie im Begriff „Unbill“, der „Unrecht“ bezeichnet). Das „Weichbild“ ist somit – streng genommen und so, wie es im Etymologischen Wörterbuch detailliert erklärt wird – ein „Bereich, in dem das Ortsrecht gilt“[2].

Aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm ist ergänzend zu erfahren, dass der Begriff schon früh auch in übertragenem Sinn verwendet wurde. Oft steht das Weichbild dabei für ein Gebiet, „in das jemand gehört oder das ihm pflichtig ist“[3], und eines der Beispiele dafür stammt aus Emmanuel Geibels Gedicht „Frühling“: „Vom hohen Strohdach überschaut der Storch / Ernst klappernd seines Weichbilds Grenzen“.

Allerdings, so vermerken die Brüder Grimm, wird, da vielfach das Wissen um die eigentlich rechtliche Bedeutung von „Weichbild“ fehlt, der „Ausdruck besonders von Laien nicht selten schief gebraucht“….


[1] Alle Zitate in diesem Beitrag stammen aus den Online-Ausgaben der erwähnten Zeitungen und Zeitschriften.
[2] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage, Berlin-New York 1995, S. 880.
[3] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Fassung des „Trier Center for Digital Humanities“, Version 01/21, Bd. 28, Sp. 474.

7.7.2022. Foto und grafische Bearbeitung: B. Denscher

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