LESENSWERT

Thomas Theodor Heine, Plakat, 1901

Thomas Theodor Heine, Plakat, 1901

Alljährlich werden im deutschen Sprachraum über 80.000 Bücher produziert, zum größten Teil handelt es sich dabei um Neuerscheinungen, rund ein Drittel stammt aus dem Bereich der Belletristik. Niemand kann dieses (trotz der insgesamt rückläufigen Entwicklung des Buchhandels) immer noch sehr große Angebot wirklich überblicken – jede Art von Lektüretipp ist daher subjektiv und zufällig. Genau dies aber – die Subjektivität und das den Zufall zulassende geistige „Schlendern“ – ist das Grundprinzip des Flanierens, das gerade auch im Buchbereich zu interessanten Entdeckungen führen kann. Und so manches davon ist für das Flaneurin-Team absolut: LESENSWERT

Kein Jugendbuch
Vor dreihundert Jahren, am 25. April 1719, kam in London ein Roman heraus, der in kürzester Zeit zum internationalen Bestseller wurde: Daniel Defoes „Robinson Crusoe“. Für den Mare Verlag Anlass genug, um eine ungekürzte Neuübersetzung ins Deutsche – die erste seit fast 50 Jahren – herauszubringen. Die ist auch Anlass, um zu überprüfen, was denn von der kindlich-jugendlichen Begeisterung für das Werk in einem selbst geblieben ist. Der Übersetzer, Rudolf Mast, macht es einem mit seiner heutigen Sprache leicht, wieder ins 300-jährige Abenteuer hineinzufinden und mitzuerleben, wie sich da einer auf einer Insel sein einsames Leben ausrichtet. Man muss aber feststellen, dass dieser Robinson kein Jugendbuch ist, für das er – vor allem im deutschen Sprachraum – oft gehalten wurde und wird, denn der Held hat ja nicht nur äußerliche Abenteuer zu bestehen, er muss auch mit seiner Einsamkeit fertig werden. Defoe lässt Robinson die positiven Aspekte seiner Lage wichtiger nehmen als die negativen, von da her bekommt das Buch auch seine Kraft.
Abb.: Titelblatt der ersten Ausgabe des Romans mit dem Originaltitel „The Life and Strange Suprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner“.
Daniel Defoe: Robinson Crusoe. A.d. Englischen neu übersetzt von Rudolf Mast. Mare Verlag, Hamburg 2019.
(18.4.2019, Konrad Holzer)
Walter Gropius: Der Architekt seines Ruhms
Nach der Lektüre dieses Buches wird man über die Legende Walter Gropius anders denken. Der Autor, Bernd Polster, beschäftigt sich seit langem mit dem Bauhaus. Jetzt, zum Jubiläum, sah er den passenden Zeitpunkt, das Denkmal Gropius in einem mit höchstem Vergnügen zu lesenden Schelmenroman vom Sockel zu stürzen. Polster hat von Gropius’ Jugend bis zur Champagnerparty am Tag nach dessen Tod eine Fülle von Fakten aus dem Leben der Architektur-Ikone ans Licht gebracht. Darunter auch so manches, was tunlichst im Dunkeln hätte bleiben sollen. In dem umfangreichen Buch trug Polster lustvoll zusammen, was einen – je nach Stimmungslage – staunen macht oder in Wut versetzt. Der kritische Biograf stützt sich auf eine Unmenge von Datenmaterial und bringt mit diesem – nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern stilistisch höchst elegant – die „Gropius‘sche Ruhmeskathedrale“ zum Einstürzen.
Bernd Polster: Walter Gropius Der Architekt seines Ruhms. Carl Hanser Verlag, München 2019.
(8.4.2019, Konrad Holzer)
„Woher wissen Wurzeln, wo unten ist?“ –
Das ist eine von insgesamt 82 Fragen, auf die der Gartenbauexperte Andreas Barlage in seinem neuesten Buch die entsprechenden Antworten gibt. Von Praktischem (wie etwa: „Wie kann ich beim Kauf die gute Qualität einer Pflanze erkennen?“, „Woran liegt es, wenn Pflanzen trotz guter Pflege nicht blühen?“ oder „Was passiert, wenn ich einen Rasen nicht mähe?“) bis zu Kuriosem („Wachsen Pflanzen besser, wenn ich mit ihnen spreche?“) reicht dabei der Bogen. Barlage weiß, warum Blau die seltenste Blütenfarbe ist, wieso Unkraut besser als die meisten Gartenpflanzen wächst, woher es Pflanzen wissen, wann sie im Frühling austreiben sollen, und wie sich einige Blüten nachts oder bei Regen schließen. Illustriert sind seine fachlich fundierten und klar formulierten Erklärungen mit zahlreichen historischen Pflanzenbildern – und verdienterweise wurde der Band vor kurzem mit dem Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnet.
Andreas Barlage: Woher wissen Wurzeln, wo unten ist? Wissenswertes und Kurioses rund um den Garten. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2019.
(23.3.2019, Barbara Denscher)
Der „Universalkünstler“ Emil Pirchan
Architekt, Gebrauchsgrafiker, Bühnenbildner, Lehrender und Autor: Emil Pirchan (1884–1957) war wohl zu vielseitig, als dass man ihm ein Etikett verpassen konnte. Dies führte vermutlich auch zu dem Umstand, dass er in der Kunst-Rezeption nicht jenen Platz einnimmt, den er sich eigentlich verdient hätte. Nun aber ist über den in Brünn geborenen und in Wien ausgebildeten Pirchan eine von seinem Enkel herausgegebene Monografie erschienen, in der man in ausführlichen Textbeiträgen und anhand vieler Illustrationen dem Leben und Werk des vielseitigen „Universalkünstlers“ nachspüren kann. Detailliert wird darin auch auf dessen Leistungen auf dem Gebiet des modernen Bühnenbildes sowohl als Praktiker als auch als Lehrer in Deutschland, der ehemaligen Tschechoslowakei und in Österreich eingegangen.
Beat Steffan (Hrsg.): Emil Pirchan. Ein Universalkünstler des 20. Jahrhunderts, Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2018.
(6.3.2019, Bernhard Denscher)
Buchcover Engadiner Abgründe
„Wieder eine neue Krimi-Serie“, ist man versucht zu sagen, „als ob es nicht schon zu viele davon gebe“. Doch „Engadiner Abgründe“ hebt sich von der kriminologischen Dutzendware ab. Hinter dem Autor Gian Maria Calonder verbirgt sich der deutsch-schweizerische Autor Tim Krohn, der mit seinen Romanen, wie etwa „Quatemberkinder“, sehr erfolgreich ist. Nun erfand Krohn/Calonder den frisch von der Polizeischule nach Samedan versetzten Massimo Capaul, der mit Hartnäckigkeit und Ordnungssinn einen versteckten Mord aufdeckt. Dass er bei seinen Recherchen auch an der glänzenden Jetset-Fassade von St. Moritz kratzt, bringt ihn selbst in eine bedrohliche Lage. Zu mächtig scheint das Establishment des Nobelorts zu sein, als dass es sich ein einfacher Dorfpolizist mit ihm anlegen könnte… Was den Kriminalroman lesenswert macht, geht über den originellen Plot der Geschichte hinaus. Es sind die dichten Milieustudien und die beeindruckenden Landschaftsschilderungen, die dem Buch besondere literarische Qualitäten verleihen.
Gian Maria Calonder: Engadiner Abgründe. Ein Mord für Massimo Capaul, Kampa Verlag, Zürich 2018.
(15.1.2019, Gerhard Erden)
Von Pappenheimern und Kalauern
Pappenheim ist ein fränkischer Luftkurort, in dem es eine alte Burg, eine noch ältere romanische Kirche, Fachwerkhäuser und ringsum viel Wald gibt. Bekannt aber wurden die Pappenheimer nicht wegen der Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt, sondern durch Friedrich Schillers Drama „Wallensteins Tod“. Darin lobt der Feldherr Wallenstein die Treue des Regiments des Grafen von Pappenheim mit den Worten: „Daran erkenn‘ ich meine Pappenheimer“ – was zu einer viel gebrauchten Redewendung wurde. Warum aber gerade die Pappenheimer im Ruf standen, zuverlässig und gut einschätzbar zu sein, das weiß der deutsche Sachbuchautor Rolf-Bernhard Essig. Pappenheim ist eine der zahlreichen Stationen auf seiner interessanten und amüsanten Tour zu sprichwörtlichen Orten. Von Buxtehude, wo angeblich die Hunde mit dem Schwanz bellen, geht es bis nach Ultima Thule, zwischendurch werden böhmische Dörfer ebenso besucht wie Küssnacht und Canossa und es wird auch nachgeforscht, ob denn die Kleinstadt Kalau tatsächlich etwas mit dem als Kalauer bezeichneten Wortspiel zu tun hat.
Rolf-Bernhard Essig: Ich kenn doch meine Pappenheimer! Wunderbare Geschichten hinter sprichwörtlichen Orten. Dudenverlag, Berlin 2018.
(2.1.2019, Barbara Denscher)

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