„Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Thonetstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus“ – so steht es im Verzeichnis des „Immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO, in das die Wiener Kaffeehauskultur 2011 aufgenommen wurde. Nicht erwähnt wird da ein Element, das jedoch lange Zeit zur Ausstattung eines jeden Kaffeehauses gehörte, das etwas auf sich hielt: nämlich ein Billardtisch. Oft waren es auch mehrere, wie der Schriftsteller Johann Pezzl in seiner 1823 publizierten „Neusten Beschreibung von Wien“ berichtet: „Fast jedes Kaffeehaus ist mit einem, zwei, auch wohl drei und vier Billards versehen, und diese sind für die Eigentümer ein großer Gewinnst: ein fleißig benutztes Billard bringt des Tages oft mehr als 20 Gulden ein.“1 Es war dies tatsächlich ein beträchtlicher Gewinn, denn jene 20 Gulden, die täglich an Benutzungsentgelten für das Billard hereinkamen, entsprechen einer heutigen Kaufkraft von rund 578 Euro.2
Der aus Bayern stammende Johann Pezzl (1756-1823), Autor von Romanen sowie von philosophischen und historischen Werken, die von den Ideen der Aufklärung geprägt waren, lebte ab 1783 in Wien. Erfolgreich war er vor allem mit seinen topografischen Beschreibungen der Stadt. Das Kaffeehaus war dabei stets ein Thema, so auch in der 1787 erschienenen „Skizze von Wien“. Laut Pezzl gab es damals in Wien an die 70 Kaffeehäuser: „Man trinkt nicht bloß Kaffee darin; man nimmt Tee, Schokolade, Punsch, Limonade, Mandelmilch, Brautsuppe, Rosoglio, Gefrorenes etc. – lauter Dinge, die man vor ein paar Jahrhunderten in Deutschland noch nicht dem Namen nach kannte“3.
Manches davon kennt man auch heutzutage wieder kaum dem Namen nach, so etwa die Brautsuppe. Dabei handelte es sich um eine aus Weißwein, Eidottern, Zucker und Stärkemehl hergestellte Weincreme – so wie es im „Großen Wiener Kochbuch“4 aus dem Jahr 1827 beschrieben wird.
Die Stimmung in einem Wiener Kaffeehaus im späten 18. Jahrhundert beschrieb Johann Pezzl so: „Man studiert, man spielt, man plaudert, schläft, negoziert, kannegießert, schachert, wirbt, entwirft Intrigen, Komplotte, Lustpartien; liest Zeitungen und Journale etc. etc. etc. in den heutigen Kaffeehäusern; in einigen fängt man auch an Tobak zu rauchen.“5
1) Johann Pezzl: Neueste Beschreibung von Wien. 6. Aufl., Wien 1823, S. 173. Die Orthografie wurde dem aktuellen Standard angepasst.
2) Historischer Währungsrechner der Österreichischen Nationalbank, (Stand 12.5.2026).
3) Johann Pezzl: Skizze von Wien. Viertes Heft, Wien und Leipzig 1787, S. 552f. Die Orthografie wurde dem aktuellen Standard angepasst.
Pezzls „Skizze von Wien“ erschien zwischen 1786 und 1790 in insgesamt sechs Heften.
4) Anna Dorn (Hg.): Neuestes Universal- oder Großes Wiener-Kochbuch. Wien 1827, S. 250f.
5) s. Fußnote 3, S. 553.
6) s. Fußnote 3, S. 553f.
12.5.2026







