MARSEILLE

Marseille ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs, wartet mit dem ganz besonderen Charme Südfrankreichs auf und liegt noch dazu am Meer. Erste Eindrücke überwältigen, sei es der alte Hafen, das Viertel Le Panier am Altstadthügel, die futuristische Façade Maritime oder eine Schifffahrt zum Naturwunder der Calanques. Über allem thront die im neobyzantinisch-neoromanischen Stil errichtete Basilika Notre-Dame-de-la-Garde.

Nach Westen hin offen zum Meer ist der alte Hafen, das Zentrum der Stadt. Schon vor hundert Jahren meinte der Schriftsteller Joseph Roth, dass Marseille vom Hafen gesehen „wie eine geträumte Stadt“ sei und dass dort so viele Schiffe lägen, „dass man trockenen Fußes durch den Hafen spazieren könnte“. An den Kais liegen Wohnhäuser, Hotels, Restaurants und Bars. Blickfang am Quai des Belges ist die „Ombrière“, ein riesiges Flachdach, entworfen vom britischen Stararchitekten Sir Norman Foster. Die Unterseite spiegelt all das, was es dort am Kai zu sehen gibt, seien es Fischmärkte, Feste, Straßenmusiker oder einfach nur die Passanten.

Was dort, am alten Hafen, zwischen Hotels, Restaurants, Theatern und Bars auffällt, sind die vielen Seifengeschäfte, sogar ein Seifenmuseum gibt es. Seit 1370 wird in Marseille eine ganz besondere Seife hergestellt, unter Ludwig XIV. wurde ihre Herstellung aus pflanzlichen Ölen und Soda reglementiert. Der Duft, zumeist von Lavendel oder Verbenen, erinnert später, zuhause, noch lange an die Tage dort am südlichen Meer.

Apropos Duft, das berühmteste Gericht aus Marseille, das natürlich am alten Hafen allenthalben serviert wird, ist die Bouillabaisse, d i e  Fischsuppe aus Marseille. Nachdem an den Tischen in den Restaurants dort ohnehin nur Touristen sitzen, kann man sich nicht wirklich blamieren und Fischsuppe, Croutons, geriebenen Käse und Rouille, eine Paste aus rotem Pfeffer, Knoblauch, Olivenöl und Safran, einfach so zu essen, wie man meint, dass es richtig wäre. Der zweite Gang mit den gekochten Fischstücken und dem Gemüse macht dann schon keine Schwierigkeiten mehr.

Am Hügel nördlich des alten Hafens liegt das Viertel „Le Panier“. Ausgangspunkt für das Besteigen der Treppen, die dorthin führen, ist die monumentale Cathédrale La Major aus dem 19. Jahrhundert. Vor den erhalten gebliebenen Resten des Vorgängerbaus, einer romanischen Kathedrale liegen – wie an vielen Plätzen der Stadt – Boule-Bahnen für das beliebte Kugelspiel.

Dann geht es also viele, viele Treppen hinauf und man erlebt so auf einmal eine ganz andere Stadt: anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2013 ist dieses älteste Viertel Marseilles aufpoliert worden. Mögen Einheimische damals gegen die Gentrifizierung  protestiert haben, dem Touristen, der durch die engen Gassen geht, die bunten originellen Graffiti bewundert, gefälltʼs. Plötzlich wechselt auch die Stimmung: waren da vorher noch Tangotänzer zu sehen, meint man auf einmal auf einem verträumten Dorfplatz zu sein.

Endpunkt des Anstiegs ist dann La Vieille Charité, eines der schönsten Barockgebäude Frankreichs. Erbaut von Pierre Puget, einem Maler, Bildhauer und Architekten des 17. Jahrhunderts, der dort im Le Panier aufgewachsen ist, war es ursprünglich ein Armenhospiz. Die wunderschöne Kapelle steht im Zentrum der Anlage, die Bauten rundherum beherbergen das Centre International de Poésie, ein archäologisches Museum und ein Museum der Kunst Afrikas, Ozeaniens und Amerindiens. Und wenn dieser Platz anderswo Gelegenheit böte, dass einschlägige, auf Tourismus konzentrierte Gastronomie ihr Unwesen triebe, stehen dort einfache Tische und Bänke, an denen man bescheidene Speisen und Getränke genießen und sich dem Zauber dieses Platzes hingeben kann.

Dort, wo vor noch nicht allzu langer Zeit der alte Handelshafen Marseilles in Industriebrachen verfiel, schuf man im Kulturhauptstadtjahr 2013 atemberaubende Architektur. Stars aus der ganzen Welt haben mitgewirkt, um am Ufer des Meeres unter dem Titel „Euroméditerranée“ neue Gebäude hinzustellen, diese wagemutig mit alten zu verbinden, wie zum Beispiel das Musée des Civilisations de lʼEurope et de la Méditerranée, kurz MUCEM genannt, von wo man über eine Fußgängerbrücke, die „Passerelle“, zum Fort Saint-Jean hinübergehen kann. Gartenarchitekten fanden überall Platz für die Mittelmeerflora. Der Blick von dort oben ist mit Worten schwer zu beschreiben, das muss man einfach den Bildern überlassen: das Palais du Pharo, das sich Napoleon III. im 19. Jahrhundert bauen ließ, kommt ebenso zur Geltung, wie  Verwaltungsgebäude, Konzertsäle und Museen unserer Tage. Man ist überwältigt davon, wie sich die Moderne dort ins Stadtbild fügt, ja nicht nur fügt, sondern dieses auch prägt.

Westlich von Marseille erstreckt sich über rund 30 km ein von Kalkklippen und tiefen Buchten geprägter Küstenabschnitt, die Calanques. Rund zwei Dutzend Buchten sind es zwischen Marseille und dem kleinen Hafenstädtchen Cassis. Die Schifffahrt beginnt – wo sonst – am alten Hafen, noch einmal sieht man die „Façade Maritime“, diesmal vom Meer aus. Nach kurzer Zeit fällt einem die Festung Château dʼIf auf. Sie wurde im 16. Jahrhundert erbaut, um Marseille gegen Angriffe vom Meer her zu schützen. In die Weltliteratur ist diese Festung eingegangen, weil Alexandre Dumas einen Teil seines Romans „Der Graf von Monte Christo“ dort spielen lässt.

Die Küste wird felsiger, ihr Waldbestand wurde schon in der Antike abgeholzt, so dass sich im Laufe der Jahrhunderte eine ganz eigenartige Steinlandschaft entwickelt hat. Die Buchten sind zum Großteil unbewohnt, das ganze Gebiet steht unter Naturschutz, seit 2012 ist es ein Nationalpark. Zu erreichen sind die Calanques am ehesten noch zu Fuß oder eben vom Meer aus mit dem Boot. Jede dieser Buchten hat natürlich einen eigenen Namen und man kann sich während der rund zwei Stunden dauernden Bootsfahrt bis zum roten Felsen von Cassis überlegen, welche denn nun die schönste sei.

Apropos Cassis: dort, in dem kleinen Hafenstädtchen, wird zwar auch Wein angebaut, der hat aber nichts mit dem Likör aus schwarzen Johannesbeeren zu tun, der den gleichen Namen trägt. Die Rückreise endet wieder im alten Hafen und bietet noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Stadt.

16.5.2026. Alle Fotos: K. Holzer

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