Der Sachbuchautor Gavin Francis, der in der Nähe der schottischen „Forth Rail Bridge“ aufgewachsen ist, erinnert sich: „Ich schaute vom Fenster aus zu, wie die Unterseite des Zugs aus der Erde flog und in einen Wald aus rotem Stahl glitt“. Dieses Zitat mag gleich einmal zeigen, mit wie viel Gefühl sich Francis dem Thema seines den Brücken gewidmeten Buchs nähert. Der Titel der deutschsprachigen Ausgabe lautet „Eine kurze Geschichte der Verbundenheit“, mit dem Untertitel „Über 25 Brücken um die Welt“. Das englische Original nannte Francis „The Bridge Between Worlds“, Untertitel „A Brief History of Connection“.
Dass der Autor in der Nähe der spektakulären, zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Forth-Brücke aufgewachsen ist und sehr gute einschlägige Kinderbücher hatte, weckte früh seine Begeisterung für Brücken. Dennoch ist er nicht Brückenbauingenieur geworden, sondern Arzt und Schriftsteller, seine Liebe zu Brücken ist, wie er zugibt, die Leidenschaft eines Amateurs geblieben. Er findet für seine Begeisterung auch medizinische Entsprechungen: im Zuge seines Anatomieunterrichts erklärte er seinen Studenten, dass der menschliche Fuß ebenso eine Brücke sei wie der Nasensteg und dass es im Gehirn sogar zwei Brücken gebe.
Brücken, so meint Gavin Francis, gehören zu den kraftvollsten Schöpfungen der Menschheit, Brückenbaumeister hätten die Weltgeschichte möglicherweise stärker beeinflusst als militärische Führer und Bilder von Brücken erfreuen sich andauernder Beliebtheit deswegen, weil sie uns zu Fantasieüberquerungen anregen. Man spürt, Francis will mit seinem Buch nicht nur Informationen über Bauwerke liefern, ihm liegt daran, aufzuzeigen, dass Brücken als Metaphern für die Verbindung zwischen Menschen Hoffnung schaffen können.
Seine Beschreibung der 25 Brücken beginnt er mit der „Union Chain Bridge“ über den Tweed, die Schottland mit England verbindet. Eröffnet 1820 ist sie die älteste britische Hängebrücke, die nach wie vor täglich genutzt wird. In einem perfekten Mix zwischen Selbsterlebtem, Quellenstudium, historischen Stichen als Illustrationen und höchst persönlichen Überlegungen – auch was den Brexit und die Hoffnung, dass der ja nicht von Dauer sein könne, betrifft – schafft der Gavin Francis einen Anfang, der durchaus anregt, ihm weiter zu folgen. Die „Brücken der Heimat“, mit denen er beginnt und mit denen er nach wie vor am stärksten verbunden ist, bilden den Inhalt von gleich zwei Kapiteln, eines mit Schwerpunkt auf den 1980er Jahren und eines auf den 2010er Jahren, als eine neue Brücke über den Forth gebaut wurde. Francis scheint nicht genug vom Brückenbauen zu bekommen, denn dieses erste Kapitel beschließt er mit der – für ihn – ewigen Frage: „Welche anderen Brücken sollen wir jetzt bauen?“
Doch nun hinaus aus dem Vereinigten Königreich in die große, weite Welt: Auch dort findet Gavin Francis seine verbindenden Brücken und gibt ihnen allen Beinamen, darunter Brücke der Lebenskraft, der Teilung, der Poesie, der Unermesslichkeit und schließlich die Brücken der Kooperation, bei denen es sich nicht nur um reale Brücken handelt, sondern auch um ein so bezeichnetes dänisch-schwedisch-norwegisches Kooperationsprojekt im Bereich sozialer und ökologischer Themen. Bei der Beschreibung der „Unendlichen Brücke“ südlich vom dänischen Aarhus, einer seit 2015 bestehenden, aus Holz gefertigten, kreisrunden Brückenkonstruktion vom Strand hinaus in die Bucht und wieder zurück, läuft der Autor noch einmal zu intensiven Formulierungen auf: „Die Unendliche Brücke spielt mit dem Gedanken einer Versöhnung von Land und Meer, Wasser und Luft, Licht und Himmel, See und Sand, Fels und Wolken“.
In Francis‘ Buch findet man natürlich auch weltbekannte Konstruktionen wie die „Golden Gate“ in San Francisco, die Brücke über die Drina in Mostar oder die Engelsbrücke in Rom, aber auch viele, die von vielen von uns wohl noch nicht überquert wurden. Der Autor hat es geschafft, seinen Beruf als Arzt auszuüben, darin auch Karriere zu machen, aber auch so viel wie nur möglich von der Welt – und da vor allem Brücken – zu sehen. So hat er – unter anderen – solche in Peru, Pakistan, Singapur und Bhutan besucht und in einmaligen Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten. Immer sind bei seinen Beschreibungen auch persönliche Erlebnisse mit dabei, so dass man ihn um all das, was er da weltweit gesehen und erlebt hat, einfach beneiden muss.
Gavin Francis: Eine kurze Geschichte der Verbundenheit. Über 25 Brücken um die Welt. Aus dem Englischen von Sofia Blind, DuMont Verlag , Köln 2026.
19.6.2026







