WIEDERGELESEN: „ZWISCHEN NEUN UND NEUN“ VON LEO PERUTZ

Leo Perutz (1882-1957) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Romane, die oftmals übersetzt und von denen etliche verfilmt wurden, brachten ihm auch viel Anerkennung von Seiten der literarischen Welt ein. Schriftstellerkollegen wie Jorge Luis Borges, Graham Greene und Ian Fleming schätzten sein Werk ebenso wie dies Daniel Kehlmann tut, für den Perutz „d e r Meister des Prinzips Handlung“ und „ein genialer Dramaturg“1 ist. Egon Erwin Kisch schrieb über Perutz, dass dieser seine literarischen Stoffe „mit geradezu mathematischer Präzision“ ausarbeite und es „einfach unfassbar“ sei, „wie folgerichtig, naturnotwendig und lebenswahr seine Figuren das Unerwartete, Überraschende tun müssen“.2 Perutz sei, so Kisch, der „Meister des spannenden Romans“.

Einer dieser spannenden Romane ist „Zwischen neun und neun“. Veröffentlicht 1918 war es der erste ganz große literarische Erfolg von Leo Perutz. Schon zuvor hatte sich der am 2. November 1882 in Prag Geborene, der 1899 mit seinen Eltern und Geschwistern nach Wien übersiedelt war, einen Namen auf einem ganz anderen Gebiet gemacht – nämlich als Versicherungsmathematiker. Als Angestellter zunächst der „Assicurazioni Generali“ in Triest (für die zur selben Zeit Franz Kafka in Prag tätig war) und dann der Wiener „Anker“-Versicherung publizierte er wissenschaftliche Arbeiten zu versicherungsmathematischen Themen, wobei die von ihm entwickelte „Perutzsche Ausgleichsformel“ für längere Zeit in der Versicherungsbranche allgemeine Verwendung fand.

Die Wiener Porzellangasse, einer der Schauplätze von „Zwischen neun und neun“ (Ansichtskarte, 1900–1905, Wien Museum)
Die Wiener Porzellangasse, einer der Schauplätze von „Zwischen neun und neun“ (Ansichtskarte, 1900–1905, Wien Museum)

Bereits seine ersten beiden Romane, „Die dritte Kugel“, veröffentlicht 1915, und „Das Mangobaumwunder“, verfasst gemeinsam mit Paul Frank, erschienen 1916, wurden durchwegs positiv rezipiert, zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit aber wurde Leo Perutz mit seinem dritten Buch, dem Roman „Zwischen neun und neun“. Bis 1925 kamen 13 Auflagen der deutschsprachigen Fassung heraus, das Werk wurde mehrmals in Fortsetzungen in Zeitungen und Zeitschriften publiziert (so etwa im „Berliner Tageblatt“ und in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“), es entstanden noch in den 1920er Jahren eine ganze Reihe von Übersetzungen sowie eine Dramatisierung, die unter anderem in Hamburg, Berlin und Paris gezeigt wurde. Und Alfred Hitchcock holte sich aus dem Roman eine Inspiration für seinen Thriller „The Lodger“.3

Der Romantitel „Zwischen neun und neun“ verweist auf den zeitlichen Rahmen der Erzählung, in deren Mittelpunkt der Student Stanislaus Demba steht. Dieser versucht, innerhalb von ein paar Stunden zu Geld zu kommen, um seine Freundin, die nichts mehr von ihm wissen will, durch das Geschenk einer Reise zurückzugewinnen. Allerdings gerät Demba durch sein überaus merkwürdiges, für seine Umwelt ebenso wie für die Leserschaft lange Zeit unerklärliches Verhalten in manchmal komische, vielfach groteske und zunehmend bedrohliche Situationen. Das macht „Zwischen neun und neun“ zu einem „unglaublich unterhaltsamen Spannungsroman“ – so der in Wien lebende Schriftsteller Alexander Peer, der sich in einer Reihe von Publikationen intensiv mit dem Oeuvre von Leo Perutz beschäftigt hat.4 Für Peer ist „Zwischen neun und neun“ zum einen die packende Geschichte einer individuellen Identitätskrise und eine subtile Auseinandersetzung mit unterschiedlichen „Interpretationen von Wirklichkeit, deren Grundlage die subjektive Sicht der Personen ist“.5 Zum anderen bringt „Zwischen neun und neun“ auch ein vielschichtiges Zeitbild und ein buntes Panorama der Wiener Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Wien, 9. Bezirk, Roßauer Lände, um 1900 (Wien Museum)
Wien, 9. Bezirk, Roßauer Lände, um 1900 (Wien Museum)

Da gibt es gleich zu Beginn eine plauderfreudige Greislerin, deren Gespräch mit der benachbarten Trafikantin durch das Erscheinen von Stanislaus Demba unterbrochen wird, „eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen Gesprächsstoff bot“6. Auch Hofrat Klementi, bekannt durch sein „von der Akademie der Wissenschaften subventioniertes“ Werk über die „Bildung altassyrischer Eigennamen“, und Professor Ritter von Truxa, Verfasser eines „kalmückisch-deutschen Wörterbuches“, selbst zwei durchaus skurrile Persönlichkeiten, werden bei ihrem Spaziergang durch den Liechtensteinpark durch Dembas Verhalten zunehmend in Erstaunen versetzt.7 Einem dramatischen Auftritt Dembas im Büro seiner Ex-Freundin folgt wenig später ein Kaffeehausbesuch im „Café Hibernia gegenüber der Börse“. Für diesen Schauplatz gibt es, so Alexander Peer, ein reales Vorbild, nämlich das „Café Schottenring“, das, gegründet 1879 und 2012 für immer geschlossen, eines der großen Wiener Ringstraßencafés gewesen war.

Die Wiener Börse, Schottenring 16, um 1910 (Wien Museum)
Die Wiener Börse, Schottenring, um 1910 (Wien Museum)

Das „Café Hibernia“ ist durchaus nicht der einzige lokale Bezug in „Zwischen neun und neun“. Für zahlreiche Schauplätze lassen sich die realen Vorbilder finden, vieles spielt im 9. Wiener Gemeindebezirk, oftmals werden bestehende Ortbezeichnungen genannt – so etwa die Wiesengasse, in der die Handlung beginnt, der Liechtensteinpark und die Liechtensteinstraße, oder auch die Porzellangasse. Letztere ist auch für die Biografie von Leo Perutz selbst von Bedeutung, denn dort, in der Porzellangasse 37, wohnte er rund 17 Jahre lang, bis er 1938 vor dem nationalsozialistischen Terror nach Palästina flüchten musste. Er lebte in Tel Aviv und kam nach dem Krieg nur zu Besuchen nach Österreich. Am 25. August 1957 starb er während eines Aufenthaltes in Bad Ischl, wo er auch begraben ist.8

Schon in einer der frühen Rezensionen von „Zwischen neun und neun“ heißt es, dass sich Leo Perutz „waghalsig in die Groteske dieser Stadt und dieser Menschen stürze“9, und auch Alexander Peer meint, dass der Roman nirgendwohin so gut passe wie nach Wien, dass er der erste Wiener Großstadtroman sei – unter anderem, weil all die unterschiedlichen Figuren „original Wiener Typen“ seien und Perutz das Stadtleben in seiner sozialen Vielschichtigkeit zeige10. Auch das überraschende Ende des Romans spielt im 9. Bezirk. An diesem Schlußpunkt wird das Problem, das den Protagonisten ‚zwischen neun und neun‘ so sehr umtreibt, „trotz aller Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten in künstlerischem Sinne meisterhaft gelöst“11. Mehr dazu aber soll hier nicht verraten werden.


  1. Daniel Kehlmann: Über Leo Perutz. Köln, Kiepenheuer & Witsch 2024, S. 12. ↩︎
  2. Egon Erwin Kisch: Wiener Erzähler. In: Mein Leben für die Zeitung. 1906-1925. Journalistische Texte 1. Berlin und Weimar, Aufbau Verlag 1983, S. 374. ↩︎
  3. s. François Truffaut: Le Cinéma selon Hitchcock. Paris, Editions Robert Laffont, 1966, S. 36. ↩︎
  4. V.a. Alexander Peer (Hg.): Herr, erbarme Dich meiner! Leo Perutz. Leben und Werk. ‎Edition Art & Science 2007. Der Band ist derzeit im Buchhandel nicht lieferbar, kann aber über die Website von Alexander Peer bezogen werden. ↩︎
  5. Peer: Herr, erbarme Dich meiner! S. 63. ↩︎
  6. Leo Perutz: Zwischen neun und neun. München, Albert Langen, 1918, S. 6. ↩︎
  7. Ebenda, S. 14ff. ↩︎
  8. Das Standardwerk zur Biografie von Leo Perutz ist: Hans-Harald Müller: Leo Perutz. Biographie. Wien, Paul Zsolnay Verlag, 2007. ↩︎
  9. Die Zeit. Wien, 24.6.1919, S. 2. ↩︎
  10. Alexander Peer, Gespräch mit Barbara Denscher, 15.5.2026. ↩︎
  11. Rezension in: Neues Wiener Tagblatt, 27.7.1919, S. 18. ↩︎

6.6.2026

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